Zeitung Heute : Platz im Überfluss

Bootslager- und Liegeplätze sind in Berlin nach Zeiten des Mangels inzwischen an vielen Orten zu finden.

Aufbruch zu neuen Ufern. Wassersportler sind in Berlin schnell in ihrem Element: Gut 6,5 Prozent des Stadtgebietes sind Wasserflächen. Foto: Toni Anett Kuchinke/Panthermedia
Aufbruch zu neuen Ufern. Wassersportler sind in Berlin schnell in ihrem Element: Gut 6,5 Prozent des Stadtgebietes sind...Foto: PantherMedia / Toni Anett Kuchin

Die Marina Lanke ist mit insgesamt 420 Liegeplätzen der größte Jachthafen in Berlin und Brandenburg – 270 Stegplätze bieten Seglern ein Zuhause auf dem Wasser, weitere 150 Landliegeplätze sind kleineren Booten wie Jollen oder Katamaranen vorbehalten. Dazu kommt eine 2000 Quadratmeter große Winterlagerhalle. „Unsere Auslastung ist zufriedenstellend“, sagt Geschäftsführer Peter Twelkmeyer: „Wir haben auch wegen unserer guten Lage nur etwa 15 bis 20 Prozent Leerstand. Da trifft es andere, vor allem kleinere Vereine, weitaus härter. Bei einigen stehen manchmal ein Drittel der Liegeplätze leer.“ Für Twelkmeyer ist es keine Frage, dass es in Berlin „momentan Liegeplätze weit über den Bedarf hinaus“ gibt. Diese Entwicklung hängt seiner Meinung nach zu einem großen Teil mit einem veränderten Freizeitverhalten zusammen: „Seit den 70er Jahren hat sich die Zahl der Bootsbesitzer fast halbiert. Die Menschen sind heute vielseitiger interessiert. Sie wollen in den Skiurlaub fahren. Danach reisen sie in den Sommerurlaub. Und an Wochenenden gehen sie zum Shoppen und Flanieren auf Städtetour. Sie wollen Vielfalt und Abwechslung. Selbst Wassersportenthusiasten kaufen sich oft kein Boot mehr. Wozu auch. Sie können es ja chartern.“

Diese Tendenz bestätigt auch der Wirtschaftsverband Wassersport. Wachstum bringt in der Branche vor allem das Chartergeschäft zwischen Elbe und Ostsee. Twelkmeyer hat für die Bootsanmietung durchaus Verständnis: „Damit sich der Kauf eines Bootes wirklich rechnet, muss man es etwa 50 Tage im Jahr nutzen. Wer kann das schon? “ Die Zahl der Bootsbesitzer wird nach seiner Überzeugung sogar noch weiter abnehmen. „Die meisten Segler und Wasssersportler hören mit 70, spätestens 75 Jahren auf. Denn das Segeln ist nicht einfach ein Vergnügen, sondern auch ein anstrengender Sport, der viel Wissen und Kondition erfordert.“ Twelkmeyer glaubt auch nicht, dass sich diese Tendenz umkehren wird: „Es gehen uns momentan in der Bundesrepublik, auch wegen der Überalterung, jährlich etwa 8000 Bootsbesitzer verloren. Man muss sich nur die demografische Entwicklung anschauen, um zu ermesssen, was auf unsere Branche zukommt.“

Die Konkurrenz unter den insgesamt 108 Berliner Segelvereinen und den zahlreichen privaten Anbietern ist groß. Wirklich im Wettbewerb punkten kann nur, wer eine tolle Lage, einen guten Service und ein internetgestütztes Marketing verknüpft. Die City-Marina in der Rummelsburger Buch bei Spree-Kilometer 23,9 ist natürlich ein idealer Standort für einen Landgang in die City. Hier sind alle festen Liegeplätze vermietet. Und damit nicht nur Sommerschipper die begehrten Plätze belegen, beträgt die Mindestmietdauer sechs Monate. Gut im Geschäft ist auch der verkehrsgünstig gelegene Tempelhofer Hafen. Der Hafenmeister Reiner Quandt verfügt über 110 Stellplätze, von denen momentan nur acht nicht vermietet sind. Er sieht dennoch einen eindeutigen Trend: „Früher war es einfacher in Berlin, eine billige Wohnung als einen Bootsliegeplatz zu finden. Heute dagegen explodieren die Mieten, aber es gibt genug Liegeplätze zu ständig gesunkenen Preisen für fast jede Bootsklasse.“ Wegen der vielen Bootsklassen und -längen variieren die Preise sehr. Ein Liegeplatz im Sommer kostet von monatlich 80 Euro für ein 5-Meter-Boot bis zu 600 Euro für eine große Jacht, für einen Winterliegeplatz in der Halle sind es 800 bis zu fast 5000 Euro für sieben Monate.

Die langjährige Seglerin Maren Koch und ihr Mann besitzen ein Elf-MeterBoot, das bei den Spandauer Jollenseglern am Stößensee liegt. „Vor der Wende waren Liegeplätze im Westen der Stadt wirklich knapp“, sagt sie. „Aber seit damals hat sich das Angebot stetig vergrößert und verbessert. Uns hat ein Arbeitskollege auf den Verein aufmerksam gemacht. Wir haben ihn uns angesehen und da er nur etwa 20 Autominuten von unserer Wohnung entfernt liegt, sind wir eingetreten und bis heute sehr zufrieden.“ Die entscheidende Frage sei für sie, ob man mit dem Boot in einem Verein oder bei einem privaten Anbieter unterkommen wolle. Maren Koch und ihr Mann haben sich für die Spandauer entschieden: „Natürlich war es ein Grund, dass Vereine in der Regel günstiger als private Anbieter waren. Aber es gibt viele andere Aspekte, die für einen Verein sprechen. Er bietet in der Regel eine Werkstatt, es gibt immer einen kompetenten Ansprechpartner und außerdem regelmäßige sportliche Aktivitäten wie Regatten. Da immer viel Betrieb auf dem Gelände ist, sind die Boote sicher und wenn man im Urlaub einmal nicht mit dem Segler unterwegs ist, findet man mit großer Wahrscheinlichkeit jemanden, der ein Auge darauf wirft. Vor allem aber findet man im Verein immer ein paar Menschen, mit denen man wirklich gut auskommt. Da fallen die paar Arbeitsstunden, die man ableisten muss, überhaupt nichts ins Gewicht.“

Eng wird es allerdings bei den Winterstellplätzen. Am Spandauer Pichelssee bei „Bootsstände Angermann“, Berlins ältestem Wassersportunternehmen, macht Alexander Angermann Neukunden wenig Hoffnung auf einen Platz im Trockenen. Der Spandauer, dessen Großvater den Betrieb 1923 gründete, rät ihnen, sich am besten schon im Sommer um das Winterlager zu kümmern. In seinem Freilager zumindest gibt es nur noch wenige Plätze, in der Halle keine mehr.

Die Entwicklung, die Peter Twelkmeyer einerseits mit Sorge betrachtet – das gelegentlich sprunghafte Freizeitverhalten –, hat andererseits auch Vorteile: Allein auf seiner Marina gibt es fast 800 Auszubildende, die einen Segelschein erwerben oder ihre Kenntnisse vertiefen wollen: „Das Interesse am Wassersport und die Faszination für Ausflüge auf unsere Seen und Flüssen ist gleichbleibend groß. Wir haben jede Menge Zulauf auch von jungen Menschen. In dieser Hinsicht gibt es keinerlei Grund zur Sorge.“

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