Zeitung Heute : Platz schaffen

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Sigrid Kneist

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Eigentlich wäre es so einfach gewesen. Ich hätte nur die Ratschläge meiner Schwiegermutter konsequent befolgen müssen: „Sei schnell und verschwiegen, hinterlasse keine Spuren!“ Die Schwiegermutter ist Expertin in Sachen Ausmisten, Entrümpeln, Platz schaffen. Vor allem hat sie jahrzehntelange Erfahrungen mit Familienmitgliedern, die das Ausmisten, Entrümpeln und Platzschaffen nicht so sehr zu schätzen wissen und stattdessen das Sammeln aller möglichen Dinge pflegen. Charlotte ist in dieser Hinsicht genetisch durch die direkte väterliche Linie vorbelastet. Sie sammelt, was sie nur kann, und schmeißt eigentlich nie etwas weg. So erreicht ihr Zimmer einmal im Jahr den Status, in dem mütterliche Einmischung notwendig wird. Dieser Zeitpunkt war jetzt gekommen. Leider habe ich die Sache gründlich vermasselt.

Als Charlotte ein Wochenende bei einer Freundin verbrachte, hatte ich mich daran gemacht, die Siebensachen meiner Tochter ein wenig zu reduzieren. Wer das dem Kind gegenüber für fies hält, hat noch nie mit einer Achtjährigen darüber diskutiert, von welchen Dingen sie sich vielleicht trennen könnte. Das dauert ewig, ist nervenaufreibend – für beide Seiten – und führt dazu, dass eine aufgebrauchte, klebrige Seifenblasendose oder hart gewordene Knetmasse von undefinierbarer Farbe in der Mülltonne landen. Mehr aber auch nicht.

Das war mir nicht genug. Schnell, verschwiegen, spurenlos wollte ich vorgehen. Zügig verschwanden unnütze, meist kaputte Juniortüten-Überraschungen und wirklich unbrauchbares Zeug im Müll. Spielzeug, mit dem Charlotte seit geraumer Zeit nicht mehr gespielt hatte, wurde in Kisten zum Zwischenlagern im Keller verstaut. Falls noch einmal Nachfrage besteht, kann man es wieder hervorholen. Sonst wird es nach Ablauf einer Schonfrist auf dem Flohmarkt verkauft. Das machen wir dann gemeinsam. Wenn der Krempel erst im Keller gelandet ist, kann sich unser Kind leichter davon trennen. Hochwasserhosen und zu kleine Pullover, Schlafanzüge und T-Shirts brachte ich sofort zur Altkleidersammlung der Gemeinde. Zerknitterte Zettel, zerrissene Zeitschriften, bekritzelte Blöcke und Hefte wurden dem Altpapiercontainer übergeben. In kurzer Zeit hatte ich ausgemistet und war zufrieden.

Dem Kind fiel zunächst nur auf, dass das Zimmer aufgeräumter wirkte. Wenn da nicht diese eine Socke gewesen wäre, die achtlos auf dem Boden lag und irgendwie dem Altkleidersack entgangen war. Kannst du die mal eben wegwerfen, sagte ich zu Charlotte, die Bedeutung der Socke völlig verkennend. Meine Tochter fing sofort an zu kreischen. Wegwerfen? Wo ist die andere? Auch weggeschmissen? Das sind meine Lieblingssocken!!! Dann kam sie, die Frage: Hast du etwa ausgemistet? Ich wurde rot. Erwischt – ich hatte gegen alle schwiegermütterlichen Grundregeln verstoßen. Hastig war ich gewesen, nicht schnell, so dass verräterische Spuren blieben. Und ich konnte nicht einmal schweigen. Die Schwiegermutter hat mir eben einige Jahrzehnte Erfahrung voraus.

Entrümpeltes kann man auf den Recycling-Höfen der BSR loswerden. Informationen gibt es unter 7592-4900 oder unter www.bsr-online.de.

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