Zeitung Heute : Playback und Beatbox

Für jung und alt: Schöneberg bietet intime Bühnen – und ist eine Hochburg des Jugendtheaters

TEMPELHOF-SCHÖNEBERG

Wer hier an lange Nächte denkt, dem geht es nicht ums Theater, vorrangig zumindest. Schöneberg lebt von seinem amüsierfreudigen Ruf, vor allem rund um den Nollendorfplatz. An dem stand einst das „Neue Schauspielhaus“, auch als „Theater am Nollendorfplatz“ bekannt. Ein Hort der leichten Muse, der Operetten von Kollo und Künneke, durch das für kurze Zeit provokanter Wind wehte. Erwin Piscator wirbelte sein politisches Theater über die Drehbühne. Dann kamen die Operetten zurück, bis die Bomben fielen. Heute heißt das Ex-Theater „Goya“ und mahnt daran, dass mit Amüsement Geld zu verdienen eine harte Angelegenheit sein kann.

Doch bevor man in die Schöneberger Inszenierung des Nachtlebens eintaucht, im Zeichen der Regenbogenfahne von Bar zu Bar taumelt, bietet der Bezirk durchaus Möglichkeiten theatralen Aufwärmens. Dabei geht es anders als in den klassischen Theaterquartieren auch hier meist intim zu. Wie im „Scheinbar kleinsten Theater Berlin“, einer Brutstätte der reformierten Kleinkunst seit 1984. Heute nennt sich der wohnstubenkleine Laden an der Monumentenstraße „ScheinbarVarieté“ und pflegt die Spontanität der Open Stage. „Manchmal geschieht es auch, da wird ein ahnungsloser Zuschauer von seinen Kumpels auf die Aktionsfläche geschubst, und findet sich ein Jahr später als TV-gestählter Comedian wieder“, versichern die Hausherren.

Die Nähe zu einem mythischen Ort der Berliner Lachbewegung hat vielleicht auch die O-Ton-Piraten dazu bewogen, in Schöneberg die Gründung eines eigenen Theaters zu wagen. Die „Bundesligatruppe der Playbackshows“ tingelt seit zehn Jahren erfolgreich durchs Land – und erfüllte sich zum Jubiläum im vergangenen Jahr den Traum von einer kleinen Bühne mitten im Schöneberger Kiez. Die ehrenamtlichen Piraten und ihre Helfer wollen nicht nur sich selbst produzieren. „Deshalb bieten wir auch anderen etablierten Künstlern, sowie dem talentierten Nachwuchs, den freien Künsten im weitesten Sinne und besonders auch neuen Bühnenkunstformen eine Plattform, die rein kommerziell ausgerichtete Spielstätten oft nicht mehr ermöglichen können.“ Quietschbunte Playback-Shows als Theatermotor – in der Kulmer Straße 20.

Schöneberg ist eine Hochburg des Kinder- und Jugendtheaters in Berlin. Seit 1987 macht das Theater Strahl smartes Volkstheater für Jugendliche. Ein hochmotiviertes Team entwickelt nach akribischer Recherche Stücke, die sich mit Perspektiven, Ängsten, Wünschen und Fähigkeiten der jungen Generation auseinandersetzen. Stücke über Mobbing, Drogen und Aids finden sich genauso auf dem Spielplan wie eine moderne Version von Wedekinds „Frühlingserwachen“, in der Wendla schwanger wird – mit gerade mal 14. Das Theater Strahl bespielt das Kulturcentrum „Die Weiße Rose“, die Open-Air-Bühne im Theatergarten am Wartburgplatz in Berlin-Schöneberg und das Studio im Admiralspalast.

Puppenspiel ist nicht nur etwas für Kinder: Seit 30 Jahren verbindet das Prinzipalenpaar Barbara Kilian und Siegfried Heinzmann fachlich versierte Dramaturgie mit lustvoll schlenkernden Puppen für alle Altersklassen. Seit 1993 residiert ihre Truppe „Hans Wurst Nachfahren“ in einem knallgelben Haus mit Café direkt am Winterfeldtplatz und pflegt das für das Puppentheater eher seltene Ensemblespiel. Mit ihrem eigenen, 20 Stücke umfassenden Repertoire von Märchenadaptionen über eigene Stücke bis zum Puppenmusical haben sich die „Hans Wurst Nachfahren“ ein treues Publikum erspielt. Und das wird zur „Langen Nacht“ belohnt – mit Ausschnitten aus dem Musical „Der Sängerkrieg der Heidehasen“ von James Krüss (Text) und Rolf Alexander Wilhelm (Musik).

Wer macht sonst noch Theater in Tempelhof-Schöneberg? Die Ufa-Fabrik natürlich (siehe Seite 7). Auch der Volksbildungstempel Urania verwandelt sich ab und an in eine Bühne und hat sich eine eigene Comedy-Reihe neben ihren Vorträgen gegönnt, dazu Theateraufführungen für Kinder. Den „alten Talenten“ widmet sich das „Theater der Erfahrungen“. Unter seinem Dach spielen die drei Altenschauspielgruppen Spätzünder, Bunte Zellen und Ostschwung. Im vergangenen Jahr feierte das Theater seinen 30. Geburtstag . Und am stillgelegten Flughafen Tempelhof will das „La vie en rose“ mit einer Mischung aus Tanz, Gesang, Travestie, Erotik und Akrobatik für Verkehr sorgen. Ulrich Amling

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!