Zeitung Heute : „Plötzlich verkaufte ich Kunst“

Galerist Florian Karsch, Hauptaussteller der Expressionale, ist Sammler – aber auch Händler

Herr Karsch, Sie sind der Hauptaussteller der Expressionale. Was wollen Sie zeigen?

Die Expressionale besteht aus sechs Einzelausstellungen und einem Verkaufsshop für Grafik. In der zentralen Ausstellung werden ausschließlich Werke unserer Sammlung gezeigt. Diese Arbeiten sind größtenteils unverkäuflich, bis auf solche, die ich schon früher in der Galerie angeboten hatte. Ich werde 155 Arbeiten der Sammlung Karsch-Nierendorf präsentieren, dazu über 50 Arbeiten in der Ausstellung „George Grosz und die Erotik“. Und in einer dritten Präsentation 30 Bronzen der Bildhauer Joachim Karsch, meinem Vater, und Gerhard Marcks, den wir seit über 40 Jahren vertreten.

Was wird die zentrale Ausstellung bieten?

Arbeiten von 23 Künstlern. Von Ernst Barlach und Max Beckmann über Otto Dix – einer unserer Galerieschwerpunkte –, Lyonel Feininger und Erich Heckel bis zu Hannah Höch, die wir aus dem Vergessen geholt haben. Künstler wie Louise Christine Thiele oder Rolf Händler, die auch auf der Expressionale ausstellen, wurden von uns empfohlen.

Insgesamt werden knapp 30 Künstler ausgestellt – Zeitgenossen und Helden der Klassischen Moderne. Wo ist da der rote Faden?

Das ist die expressive Haltung. Rolf Händler zum Beispiel, 1938 in Halle geboren, bezeichnet sich als expressiven Realisten. Ich selbst und meine Frau malen und zeichnen ja auch. Wir betrachten unsere Arbeiten als emotionalen, expressiven, an die Realität gebundenen persönlichen Ausdruck. Schon im „Brücke“-Manifest heißt es, man soll natürlich an die Dinge herangehen, mit dem eigenen Innern, unverfälscht.

Ist das für Künstler heute überhaupt noch möglich?

Jedes Kleinkind beginnt sein Leben unverfälscht. Kunst hat für mich dann eine Berechtigung, wenn sie sich ähnlich zu ihrer Umwelt verhält wie vor 2000 Jahren. Jeder Mensch macht vergleichbare Grunderfahrungen: Liebe, Macht, Hunger, Geld.

Was macht gute Kunst aus?

Ich vergleiche Kunst gern mit Briefmarken: Bei Briefmarken geht es um Seltenheit, bei Kunst zudem um Schönheit. Ein Kunstwerk kann eine Rarität sein, wenn es nicht attraktiv ist, werden die Sammler es nicht schätzen.

Sie begründeten 1955 mit Ihrer Frau die Galerie Ihres Stiefvaters und dessen Bruder neu.

Im Laden meiner Mutter. Sie hatte 1931 in Tempelhof einen Buchverleih-, Buchverkauf- und Kunsthandwerksladen gegründet. Mein Stiefonkel Karl starb 1947 in den USA, mein Stiefvater Josef, der die Galerie in Berlin wiedereröffnen wollte, kurz davor im Juni 1949. Plötzlich war ich es, der neben meinem Zoologie-Studium Kunst verkaufte. Ich bin damals beraten worden vom ehemaligen Leiter der Kestnergesellschaft in Hannover. Nach einem halben Jahr sagte der zu mir: „Ich brauche nicht mehr jede Woche zu kommen. Was man als Kunsthändler lernen kann, kannst du jetzt.“

Wann und wie trugen Sie die umfangreichen Bestände der Galerie und der Sammlung zusammen? Gab es 1955 noch Reste der Vorkriegsbestände?

Von den Künstlern, die damals oft noch lebten, von ihren Erben, von Sammlern, auf Auktionen. Und ein Teil ist – bis heute – noch aus dem Vorkriegsbestand der alten Galerie Nierendorf.

Als Berufsanfänger sind Sie einfach so zu berühmten Künstlern gegangen?

Ich sagte denen: „Ich heiße zwar Karsch, aber wir wollen die Galerie Nierendorf wieder aufmachen.“ Otto Dix habe ich besucht, obwohl er sich von Nierendorf getrennt hatte. In Tempelhof hatten wir zuvor schon eine Dix-Ausstellung gemacht aus Altbeständen. Die hatte er gesehen. Ich habe ihm gesagt, dass ich eine weitere Ausstellung und das Werkverzeichnis seiner Grafiken machen wolle. Das hat ihm sehr geschmeichelt.

Ab wann hat sich das Interesse am deutschen Expressionismus wieder geregt?

Nachdem wir und andere Sammler, Auktionatoren, Galeristen dafür tätig geworden waren. Ende der vierziger Jahre konnte man Gemälde von Dix für 300 bis 900 Mark, Zeichnungen für sieben Mark kaufen.

Was soll mit Ihrer Sammlung künftig geschehen?

Sie ist sicher nicht so wertvoll wie die von Heinz Berggruen oder Alfred Gunzenhauser, der im vergangenen Oktober in Chemnitz sein eigenes Sammlermuseum eröffnen konnte. Ich habe allerdings – anders als diese beiden – wissenschaftlich gesammelt. Ich besitze die druckgrafischen Arbeiten von Otto Mueller und Otto Dix komplett, einschließlich seltener Zustandsdrucke. Diese beiden Werkkomplexe möchte ich über meinen Tod hinaus unbedingt zusammenhalten – und jeweils komplett an Museen verkaufen. Über die Grafiken von Otto Mueller laufen derzeit Verhandlungen mit der Ostdeutschen Galerie Regensburg.

Das Gespräch führte

Michael Zajonz

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