Plünderungen in Kairo : "Das waren die Wächter im Museum"

Plünderer haben am Freitagabend das Ägyptische Museum in Kairo angegriffen. Was genau ist passiert?

Foto: Katharina Eglau
Foto: Katharina EglauFoto: Katharina Eglau, Winterfeldtstr.

Die Lage ist noch sehr unübersichtlich. Es sind sehr viele Figuren auf den Boden geworfen und zerstört worden, darunter auch Götterfiguren aus dem Schatz des Tutanchamun. Insgesamt wurden 13 Vitrinen zertrümmert. Inzwischen wissen wir, dass die Plünderer keine pharaonischen Schmuckstücke gestohlen haben. Der neue Anbau aber mit dem großen Andenkengeschäft, das erst im November eröffnet worden ist, wurde total ausgeraubt.

Wer waren die Täter?

Das waren die Wächter des Museums. Einige der Polizisten haben offenbar vorher ihre Jacken ausgezogen, um nicht als Polizisten erkennbar zu sein. Eine zweite Gruppe der Täter ist dann von hinten über eine Feuerleiter durch die Dachfenster eingestiegen. Die Zerstörungen betreffen alle das erste Stockwerk, wo sich auch der Schatz des Tutanchamun befindet.

Sind noch andere Museen betroffen?

Das Museum in Memphis und seine Magazine wurden am Samstag früh komplett ausgeraubt. Die Verantwortlichen dort haben mich in ihrer Verzweiflung angerufen und gefleht: ,Rette uns, mach etwas!‘ Ich habe zunächst die Polizei angerufen, aber die hat nicht reagiert. Dann habe ich einen Armeegeneral alarmiert, den ich kenne. Aber es war bereits zu spät. Mit den Museen in Luxor und Assuan habe ich telefoniert, dort ist nichts passiert. Das größte Problem ist der mangelhafte Schutz unserer Museen überhaupt. Das Ägyptische Museum in Kairo und alle Museen in Ägypten sind überhaupt nicht versichert. Ich habe viele Jahre lang verlangt, dass das geschieht – ohne jeden Erfolg.

In Kairo haben die Demonstranten das Ägyptische Museum dann sofort mit einer Menschenkette geschützt?

Als die Menschen auf dem Tahrir-Platz gemerkt haben, was vorgeht, haben sie das gesamte Gelände sofort umstellt. Die Täter aber waren im Inneren des Gebäudes. Die Demonstranten haben einige festnehmen können, andere sind entkommen. Zum Glück war dann schnell das Militär zur Stelle, das am Freitagabend bereits auf dem Tahrir-Platz aufmarschiert war. Seitdem wird das Museum gut geschützt.

Ist die Gefahr durch das Feuer in dem Gebäude der benachbarten Zentrale von Mubaraks Regierungspartei gebannt?

Ja, die Gefahr ist zum Glück gebannt. Das Hochhaus brennt seit fast zwei Tagen, durch Windböen hätte das Feuer leicht auf das Ägyptische Museum übergreifen können.

Warum begehen die eigenen Wachleute eine solche Barbarei?

Sie werden extrem schlecht bezahlt. Ich habe mir die Finger krumm geschrieben und mehr Geld für diese Menschen verlangt. Alles umsonst. Ein Wachmann verdient etwa 250 ägyptische Pfund, das sind 35 Euro im Monat. Wir haben rund 160 Wachleute plus mehrere Dutzend Polizisten, die im Grunde Wehrpflichtige in Polizeiuniformen sind. Diese Polizisten verdienen noch weniger. Immer wieder waren diese jungen Väter bei mir. Sie haben nichts. Einer hat alles, was er zu Hause hatte, verkauft, um Medizin für sein krankes Kind besorgen zu können. Andere hungern sogar daheim. Aber das ägyptische Kulturministerium – die feiern sich mit teuren Projekten und Empfängen.

Wafaa el Saddik (60) war von 2004 bis Ende 2010 Direktorin des Ägyptischen Museums, einer der berühmtesten Antikensammlungen der Welt. Ihren Doktor in Archäologie hat sie in Wien gemacht. Bevor sie den Chefposten in Kairo annahm, lebte sie 15 Jahre lang mit ihrem Mann in Köln, der dort die Dom-Apotheke führte. Das Gespräch mit ihr führte Martin Gehlen.

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