Zeitung Heute : Plüschtier pupillen

Sie nimmt, was sie kriegen kann: Pep, Kokain, Gras, Heroin. Nico ist 13 Jahre alt, als das mit den Drogen anfängt. So beginnt ein Albtraum, und die ratlosen Eltern geben die Tochter auf.

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Von Jeannette Krauth Das gedämpfte Geschrei ist bis zu den Restauranttischen zu hören. Die Gäste schauen irritiert Richtung Toilettentür. Auch Nico und ihre Mutter. Es ist wieder so weit: Nicos Schwester Isa dreht durch. Die Mutter legt Gabel und Messer beiseite, wirft Nico einen Blick zu. Sie erhebt sich wie in Zeitlupe. Es poltert, dann wieder ein gedämpfter Schrei. Als die Mutter zurückkommt, blutet ihre Nase, und mit der Hand hält sie sich ein Auge zu.

Nico erinnert sich gut an diese Szene. Am Tag, an dem ihre Schwester die Mutter schlägt, ist Nico 13 Jahre alt. Es war, bevor sie selbst abstürzte. Bevor sie Pep, Koks und Heroin nahm, bevor sie ihre Eltern beklaute, bevor sie mit einem prügelnden Skinhead ausging, da war Nico das, was man „ein ganz normales Mädchen“ nennt. Sie liebte ihr Pony Lucky, das Opa dem Zoo abgekauft hatte. Und sie konnte sich nicht vorstellen, jemals so auszuflippen wie die große Schwester.

Das Mädchen heißt hier Nico, weil in der Kleinstadt niemand erfahren soll, was wirklich passiert ist. Es dreht sich schon schnell genug, dieses Kleinstadtkarussell aus Gerede und Klatsch. Heute wohnt Nico auf einem Pferdehof weit weg von der Stadt, die eigentlich so aufgeräumt wirkt. Sie sitzt in ihrem Mansardenzimmer auf dem Sofa, davor steht ein mit Palästinensertuch eingedeckter Tisch. Darauf ein Schraubglas, in dem ein Blutegel wohnt – für die Behandlung eines der Pferde, die sie betreut. „Ich hab es mit Homöopathie versucht, aber das Schröpfen hat der kranken Stute nicht geholfen“, sagt sie. Seit einem Jahr lebt Nico nun auf diesem Reiterhof – und ordnet ihr Leben neu. Mit 17 Jahren.

„Meine Droge, das war Pep“, sagt sie, manche sagen auch Speed. Angefangen hat alles ziemlich harmlos. Teil eins: 13-jähriges Mädchen spielt die große Diva. Zieht bei den coolen Jungs auf dem Spielplatz am Joint. Teil zwei: Kleines Mädchen lernt bösen Jungen kennen. Der lebt in einer Wohngruppe für schwer Erziehbare. Da hängt sie mit ihrer besten Freundin nach der Schule herum. Einen Betreuer gibt es nicht, dafür viel Gras. Eine Mitbewohnerin geht zur Schule, eine zum Berufskolleg, ein anderer knackt Autos. Irgendwann werden wir mit dem Gras rauchen wieder aufhören, das versprechen sich die Mädchen regelmäßig. So gefährlich, wie Mama und Lehrer sagen, sind Drogen gar nicht wirklich. Wir beiden Mädels, wir rocken die Welt.

Die Probleme gibt es zu Hause. Die Eltern benehmen sich entweder so frisch verliebt, dass es Nico peinlich ist. Oder die Mutter versinkt tagelang mit einer Flasche Rotwein am Küchentisch. Ansonsten dreht sich die Familienwelt um die ältere Schwester. Mit ihr teilt sich Nico die obere Etage des Hauses. Doch statt der ganz großen Freiheit gibt es Stress mit Isa. Isa, die nicht mehr zur Schule gehen will, weil sie angeblich niemand mag. Isa, die Jungs sammelt; Isa, die sich mit nacktem Oberkörper mit einer Webcam filmt. Ein Selbstmordversuch. Isa, die sich schlagend auf die Eltern stürzt, wenn sie ihr Zimmer betreten wollen.

„Isa hat Schizophrenie und Borderline“, sagt Nico. Sie holt ein Bild aus dem Regal, hält es fast zärtlich in der Hand. Ein Mädchen mit glatt geföhntem Blondhaar und suchendem Blick ist darauf zu sehen. „Damals wussten wir das noch nicht“, sagt sie nachsichtig.

Irgendwann holt Nico zum ersten Mal alleine Gras. Am Hintereingang der Spielothek, bei einem Dealer. „Der sah aus wie der Rapper Snoop Dog in ungepflegt.“ Wie fragt man bloß? „Für ’nen 10er?“ – „Ich hätte gerne…?“ Alles geht sehr einfach: Der kleine Bruder vom Beinahe-Snoop, schwarzes Wellenhaar, Perlenzähne, lädt sie nach Hause ein. Nico fühlt sich geschmeichelt. Es gibt Pep, das erste Mal. Wie wach, wie aktiv, wie schnell sie sich fühlt! Als ob sie Kaffee in unvorstellbaren Mengen getrunken hätte. Das Herz rast, die Zunge kommt den Wortbildern kaum nach, die Füße wollen unterwegs sein. Wenn Nico heute von dem Pep-Gefühl erzählt, dann mit schwärmenden Tonfall. Es ist der Tonfall, in dem man am ersten Schultag von den großen Ferien erzählt.

Die Menschen und Wohnungen um Nico herum wechseln schnell. Nico nimmt ab, sie wird drogenmager. In den Zimmern gibt es immer weniger Möbel und immer mehr Stoff. Früher hockten sie noch zusammen auf dem Sofa, die Bong zwischen den Beinen, sie ließen sich kugelnd vor Lachen auf den Teppich fallen – so etwas wie Gemütlichkeit und Spaß gibt es jetzt nicht mehr. Drauf sein, das wird wichtig. Zur Schule geht Nico kaum noch. Anfangs holt sie sich Atteste, irgendwann ist es ihr egal, wenn sie von der Polizei aufgelesen wird. Einmal läuft Nico mit einer Drogenfreundin bis zum Sonnenaufgang durch die Stadt. Die Zigarette in der einen, den Smirnov Ice in der anderen Hand. Sie hat die Kälte in dieser Januarnacht nicht gespürt, auch nicht, dass die Highheels drücken. Nur reden, lachen und dieses Herzrasen spüren. Nico muss heute lange nachdenken, bis sie sich an solche guten Bilder erinnern kann. Heute fallen ihr fast nur noch die schlechten ein.

Nico auf der Matratze ihres Freundes. Es ist morgen, er ist schon nach Holland gefahren, Drogen kaufen. Heroin, für sie zum Rauchen, für ihn zum Drücken. Sie zittert, vor Kälte und vom Runterkommen, nebenan schaut die Mutter ihres Freundes Talkshows.

Nico auf der Matratze einer Drogenfreundin, die Knochen schmerzen. Das Zimmer ist abgedunkelt, die Bekannte ist anschaffen gegangen. Kein Kontakt mehr zu den Eltern. Keine Schule seit zwei Jahren. Nico ritzt sich ihre Unterarme auf.

Sicher, es gibt Leute, die Nico wachrütteln wollen. Den Polizisten, der sie durch die Fußgängerzone der Kleinstadt abführte, nachdem sie beim Klauen im Drogeriemarkt erwischt wurde. Die Lehrerin, die sie vor der ganzen Klasse anbrüllt: „Du bist ja total breit!“ Nico bekommt einmal mehr Hausarrest. Sie haut ab, durchs Fenster, und bleibt weg. Nächtelang, wochenlang. Die Eltern brüllen und flehen. Doch die hilflosen Versuche, sie zurückzuholen, perlen einfach von ihr ab.

Doch, es gibt Momente, die sie berührt haben, trotz allem. Als der Opa sagt: „Spring doch vors Auto.“ Es war derselbe Opa, der ihr das Pony Lucky geschenkt hatte. Das tat weh. Und dann steht die beste Freundin vor ihr, mit Pupillen so groß und schwarz wie die von Plüschtieren. Wie konnte das passieren? Auf ihre beste Freundin wollte Nico doch aufpassen, sie beschützen.

Irgendwann hat sie einen Drogenstadtplan der Kleinstadt im Kopf, sie weiß noch im Schlaf, wann es was wo gibt. Dann lernt sie ihren ersten richtigen Freund kennen, den Kleinstadt-Dealer. In den härtesten Zeiten spürt sie erst was ab fünf Bömbchen, das sind in Taschentuchfetzen gewickelte Pep-Kugeln. Ab und zu gibt es auch Koks. Wenn seine Geschäfte gut laufen, schwimmen sie in Drogen, das sind Festtage. Einmal sind plötzlich drei Kartons voller halluzinogener Pilze aus den Niederlanden da. Die müssen schnell verbraucht werden, das Verfallsdatum. So viel auf die Schnelle verkaufen, das schafft man in der kleinen Stadt nicht.

Auch die Schwester Isa versinkt in der Drogenszene. Einmal schauen sie gemeinsam einen Film, draußen, im Sommer. Sie tanzen vor der Leinwand. Dieser Trip bleibt das einzige Erlebnis, bei dem Nico sich ihrer Schwester nahe fühlt, und Isa nicht wieder das trotzige Kind ist, das alle lieben Spielzeuge zerschmettert. Aber es ist nur eine Nacht. Isa ist in der Skin-Szene. Nico verliebt sich in einen ihrer Freunde. Rasiert sich die blonden Haare am Hinterkopf ab, tauscht die bauchfreien Tops gegen Pitbull-Shirts. Mit diesem Mann kommt das Heroin. Und die Magenkrämpfe, die Schwächeanfälle, die Gliederschmerzen, das Zittern und das Flüstermännchen im Kopf: Wieder, wieder! Als kein Geld mehr da ist, fährt sie nach Hause, schreit, dass sie ins Kino wolle, und sofort 50 Euro brauche. Vasenscherben, Bilderrahmen liegen im Hausflur. Die Eltern lassen sie zwangseinweisen. Drei Wochen Entzug. Währenddessen soll ihr Freund, der Skinhead, ins Gefängnis, er ist verurteilt wegen Körperverletzung. Du musst raus hier, denkt Nico. Du musst ihn vorher noch mal sehen. Dass er nur ein paar Monate bekommen hat, sie ihn wiedersehen wird, das erscheint ihr völlig irreal. Sie flieht, lebt bei Drogenfreunden, geht zu den Eltern, wenn sie pleite ist, und kommt vom Elternhaus direkt in die Psychiatrie. Zweimal Einweisung, Entzug, Therapie.

Klinikalltag. Langeweile, Gesellschaftsspiele, Rauchen auf dem Balkon, die Angst vor der Zwangsjacke. Vier Monate betreutes Wohnen in Belgien, erneute Flucht. Die Gründe klingen halbherzig: Sie habe den Freund vermisst, konnte die Betreuerin – „eine Hippiefrau, die selbst gekifft hat“ – nicht ernst nehmen.

Nico flieht zu ihrem Freund, der ist inzwischen wieder aus dem Gefängnis raus. Am nächsten Tag flüchtet sie weiter – zu einer Drogenfreundin, mit einer frischen Platzwunde am Kopf. Tagelang sitzt sie auf der Matratze. Zum Abendbrot bringt die Bekannte Tütchen mit. Einmal kaufen sie für 100 Euro Pep. Danach übergibt sie sich stundenlang, kann vor Magenschmerzen nicht aufrecht stehen. So fertig sei sie nie zuvor gewesen, sagt Nico. Vielleicht war es eine Überdosis. Das war das „Zuviel“. Am nächsten Morgen geht sie nach Hause.

„Du Diebin“, schreit der Vater. Das Pep von gestern, die 100 Euro, das war die Goldkette der Mutter. Nico macht noch einen Entzug, noch eine Therapie. Sie zieht auf den Pferdehof. Betreutes Wohnen. Es gibt viel zu tun: füttern, striegeln, ausmisten, reiten. Nico führt behinderte Kinder auf Pferden spazieren, sie verabreicht kranken Tieren Medikamente. Alle paar Tage muss sie zum Bluttest, bis jetzt war nur einmal THC im Blut, nie eine Chemiedroge. Nico hat jetzt kein Flüstermännchen mehr im Ohr.

Während des ersten Pferdejahres hat sie einige Kilogramm zugenommen, ist nicht mehr drogenmager. Sie hat einen Freund, der nie in der Szene war, und sucht ihre erste Wohnung. Nico macht ihren Hauptschulabschluss nach, beginnt ein Praktikum als Tierarzthelferin. Es gibt so viel aufzuräumen. Ihre Mutter ist endlich trocken, die Schwester wieder in Therapie. In der Wohnung im Obergeschoss des Elternhauses leben Mieter.

Aber der Vater hat ein Gartenhaus gebaut. Für Nico und ihren neuen Freund. Sie sind willkommene Besucher mit Aufenthaltsgenehmigung, aber ohne dauerhaftes Bleiberecht. Beim letzten Besuch hat der Vater Nico erzählt, was die Polizisten bei ihrer Zwangseinweisung gesagt haben: „Die können Sie vergessen. Mit der können Sie nie wieder etwas anfangen.“

Nico ist stolz auf sich. Sie glaubt, es geschafft zu haben.

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