Zeitung Heute : „Podolski ist nur Mitläufer“

Klaus Fischer ist eine WM-Legende. 1982 rettete er im Halbfinale gegen Frankreich mit seinem Fallrückzieher die deutsche Elf ins Elfmeterschießen. Heute leitet Fischer eine Fußballschule in Gelsenkirchen und wirkt auch sonst so, als könne er jederzeit noch einmal in der Nationalelf aushelfen. Er sagt: Eine deutsche Mannschaft muss fit sein.

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Klaus Fischer, die WM hat endlich angefangen. Sind Sie auch schon im Turniertaumel?

Die Begeisterung ist riesengroß. Ich habe letzten Freitag Polen gegen Ekuador live im Stadion gesehen, dort war eine tolle Stimmung. Wenn man mit Kindern spricht oder im Fernsehen sieht, dass in Berlin 300 000 Fans unterwegs sind, obwohl dort gar kein Spiel stattfindet, merkt man die Euphorie in Deutschland.

Also alles wie damals, als Sie selbst zu Weltmeisterschaften fuhren?

Es liegen Welten zwischen damals, als ich bei Weltmeisterschaften gespielt habe, und heute. Die Spieler haben ganz andere Möglichkeiten, zu regenerieren und sich zu beschäftigen, im Gegensatz zu uns, die wir in Argentinien 1978 regelrecht eingesperrt waren. Die heutigen Spieler haben einen Tag frei, dürfen raus, können Billard spielen, das ist gar nicht zu vergleichen. Auch die Euphorie unter den Fans ist heute wesentlich größer.

Wie bewerten Sie die größeren Freiheiten?

Wenn alles ein bisserl lockerer abläuft, ist es doch viel schöner, als wenn dir alles verboten wird. Was sollte man in Argentinien schon machen? Du trainierst, sonst nichts.

Mit der Begeisterung steigen auch die Erwartungen. Wie sollen Ballack & Co damit umgehen?

Wer für Deutschland spielt, dem muss klar sein, dass viel von einem erwartet wird. Fußball ist in Deutschland nun einmal Volkssport Nummer eins, der Druck ist immer da. Wenn es aber innerhalb der Mannschaft nicht stimmt, wie zum Beispiel damals in Argentinien, wenn keine Persönlichkeit da ist, die mal auf den Tisch haut, und es einen schwachen Trainer gibt, der leicht beeinflussbar ist und zudem Spieler, die im ersten Spiel überragend waren, anschließend nicht aufstellt – dann kannst du nicht weit kommen.

Formulieren Sie mal das Geheimnis des Erfolges?

Eine deutsche Mannschaft kann nur als Team Erfolg haben, andere Nationen verfügen über weitaus mehr gute Einzelspieler als wir. Es gehört auch dazu, dass die Öffentlichkeit hinter einem steht, wenn es mal nicht so läuft. Du brauchst die Fans nicht, wenn es 3:0 für dich steht.

Können Sie sich in die Spieler hineinversetzen?

Ballack steht als Kapitän natürlich unter Druck. Wenn er wirklich ein Führungsspieler ist, wird er noch gebraucht werden. Podolski ist nur Mitläufer. Er muss seine Klasse erst noch beweisen. Beim Confederations Cup hat er unbekümmert aufgespielt, aber ich messe diesem Turnier keine Bedeutung bei. Einen jungen Spieler muss man führen, ihn ausbilden, ihm helfen.

Bohren wir noch einmal in Schalker Wunden: Warum macht Kevin Kuranyi jetzt Urlaub?

Die Trainer waren oft bei uns und haben sich ein Bild gemacht. Wenn ich als Spieler nicht zur Nationalelf gehöre, obwohl inzwischen jeder einberufen wird, der auch nur ein bisschen was am Ball kann, weil es kaum Konkurrenz gibt, sollte ich mir Gedanken machen, woran das liegt. Man sollte sich aber auch fragen, was ein Mike Hanke dort zu suchen hat.

Hätten Sie etwas anders gemacht als Jürgen Klinsmann?

Klinsmann hat frischen Wind in die Truppe gebracht, das war gut. Natürlich haben wir Probleme im hinteren Bereich, vielleicht hätte ich auch eine andere Trainingsmethode verwendet, aber das Wichtigste ist doch: Die Nationalmannschaft, eine deutsche Nationalmannschaft muss fit sein. Wenn sie nicht fit ist, kannst du machen, was du willst. Natürlich sieht es am Fernseher komisch aus, wenn die da mit diesen Bändern rumlaufen, aber vielleicht bringt es was. Bloß, wenn du scheiterst, kommen die Kritiker von selbst.

Sie sind 1982 Vizeweltmeister geworden. Zum ganz großen Wurf hat es nicht gereicht.

Das Erreichen des Endspiels war schon eine Energieleistung, aber wir sind später am Spielort angekommen als die Italiener, die sich dadurch besser vorbereiten konnten.

Machen Sie gelegentlich noch Fallrückzieher?

Ich mache 52 Fallrückzieher im Jahr für die Kinder in meiner Fußballschule.

Das Gespräch führte

Volker Backes.

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