Zeitung Heute : Pogo in Peking

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Von Harald Maass, Peking

Xiao Rong brüllt. Mit aller Kraft schreit er die Worte in den verrauchten Raum, bis sie begleitet vom Schlagzeugwirbel und Gitarrenriffs zu einem ohrenbetäubenden Kreischen verschwimmen. „Geming!“ – „Revolution!“ Auf der Tanzfläche scheint ihn schon niemand mehr zu hören. Im wilden Pogo werfen junge Chinesen mit glattrasierten Köpfen ihre Körper gegeneinander, prallen ab und rennen erneut aufeinander zu. „Anarchie in der Volksrepublik“, heißt der Song. Xiao Rong hebt den blond gefärbten Kopf und schreit, diesmal noch ein bisschen lauter. „Wo cao“ – „Ich bin im Arsch!“

Freitagabend in Peking. Die Revolution hat begonnen. Die Stadt, die jahrzehntelang im grauen Sozialismus vor sich hin schlief, ist erwacht. Und Xiao Rong sorgt dafür, dass sie nicht wieder einschläft. Vor ein paar Jahren gründete der 22-Jährige mit Freunden die erste Punk-Band Chinas. Sie nennen sich „Chao Nao“ – das heißt so viel wie „schlammiges Gehirn“. Sie spielen in kleinen Clubs an den Universitäten, verdienen oft kaum mehr als das Bier und das Essen. Ihre Musik klingt wie einst die britische Punkband The Clash, harte Gitarrenriffs, die ins Chaos abgleiten. Xiao Rong singt von seinem Leben und seiner Wut auf das System. „Ihr müsst mich nicht erziehen. Wenn ihr versucht, mich zu erziehen, verwandle ich mich in einen Teufel“, heißt es in einem seiner Songs.

Die Sex Pistols als Vorbild

Eine staubige Straße irgendwo am Stadtrand. Zwischen den niedrigen Backsteingebäuden läuft ein Huhn umher, in der Wiese liegt ein verrottetes Autowrack. Ein Holzschild weist den Weg zu Xiao Rongs Heim. Zwischen alten Landwirtschaftsgenossenschaften und stillgelegten Fabriken aus rotbraunen Ziegeln haben hier ein Maler, Musiker und andere Künstler eine Kolonie gegründet. Xiao Rong lebt mit seiner Freundin in einem Studio. An den Wänden hängen abstrakte Ölbilder. Ein Bild steht zerrissen in der Ecke, in der Leinwand hängt ein zerschmetterter Plastikstuhl. „Das war nach einem Konzert, wir hatten einen beschissenen Auftritt“, sagt Xiao Rong.

Sein Gesicht ist jungenhaft hübsch, der große Mund erinnert ein wenig an Mick Jagger. „Punk ist für mich ein Weg, mich auszudrücken“, sagt er. Seine Sätze spricht er halb Chinesisch, halb Englisch, und am liebsten beendet er sie mit dem Wort „Fuck“. Musik und Politik vermischen sich zu einem Erzählstrom. „Die Regierung kontrolliert den Musikmarkt, sie lassen uns nicht ins Radio und ins Fernsehen. Ich versuche, optimistisch zu sein. Denn ich könnte auch sagen: Sie lassen uns keine Freiheit.“ Das hindert ihn nicht daran, seine Meinung zu sagen. In seinen Musiktexten kritisiert er den Erfolgszwang der chinesischen Gesellschaft und macht sich über die KP-Herrschaft lustig. „Ihr habt die Olympischen Spiele gewonnen, weil ihr Geld zum Ausgeben habt“, singen sie in dem Song „2008“. „Aber wie wollt ihr die Arbeiter, mich und all die anderen bezahlen?“

Xiao Rong war 15, studierte an einer Mittelschule für Kaderkinder, als er spät abends im Radio zum ersten Mal die Sex Pistols hörte. In den staatlichen Radiostationen und Musikverlagen war Punkmusik eigentlich ein Tabu. Es gab nicht einmal einen chinesischen n dafür. „Peng ke“ nannte man es – weil die beiden chinesischen Schriftzeichen sich so ähnlich wie „Punk“ anhören. Die einzige Möglichkeit, an die Musik zu kommen, waren gebrauchte Kassetten, die zwischen den Studenten herumgereicht wurden. Mit einigen Freunden kaufte Xiao Rong sich eine gebrauchte Gitarre und ein Schlagzeug. Sie ließen sich die Haare wachsen und malten sich Totenköpfe auf ihre T-Shirts. Ende der 90er Jahre war Chinas erste Punkband geboren. Als Xiao Rong zum ersten Mal „Revolution“ ins Mikro brüllte, hielten sie in Pekings Musikszene den Atem an – so was hatte sich noch niemand getraut. Xiao Rong und seine Kumpels tingelten durch Klubs, schnitten ihre Songs auf einer Kassette zusammen. Das Band durfte nur unter dem Ladentisch gehandelt werden. Bald gründeten sich andere Bands – eine Punkszene entstand.

Punk ist Protest. Und vielleicht ist es nicht verwunderlich, dass Xiao Rong und seine Freunde aus der Mitte des chinesischen Systems kommen. Xiao Rongs Eltern sind einflussreiche Kader. Sein Weg war vorgegeben, auf Erfolg programmiert. Studium an einer guten Universität in China oder im Ausland, danach ein Job bei einer ausländischen Firma oder in der Regierung. Für einen wie Xiao Rong ist in diesem engen System kein Platz. Mit 16 schmiss er die Schule. Das monotone Auswendiglernen, der eingeimpfte Patriotismus und der Zwang zur Anpassung im Unterricht haben ihn eingeengt. „Es war, als ob ich keine Luft mehr bekomme.“

Mit Krach gegen das System

Die Auftritte der Pekinger Punks sind eine Herausforderung für Chinas System. Plötzlich stehen da junge Chinesen mit bunten Haaren auf der Bühne, die offen von Anarchie und politischen Tabus singen. Die mit wildem Krach gegen die Ordnung des Systems und die Strebsamkeit ihrer Mitmenschen anspielen. Warum wurden sie bisher nicht von der Sicherheitspolizei gestoppt? Xiao Rong kratzt sich das Kinn. „Vielleicht sind bei unseren Konzerten auch Zivilpolizisten. Aber wir machen ja nichts Verbotenes“, sagt er. Die besonders kritischen Songtexte trägt Xiao Rong auf Englisch vor. „Ich singe sie extra etwas unverständlich“, sagt er. Vielleicht sind es die Kontakte der Eltern, die Pekings Punker bisher vor dem Zugriff der Staatsgewalt geschützt haben. Vielleicht ist China aber auch einfach ein Stück freier und toleranter geworden.

Bis in die 70er Jahre war Rockmusik in China verboten. Während der Kulturrevolution durften Chinesen nur die so genannten „Acht Modellopern“ hören – und natürlich Propagandalieder über den Großen Vorsitzenden Mao. Anfang der 80er Jahre kam die schöne Sängerin Li Guiyi. Sie sang von der „Liebe zur Heimatstadt“ – und brachte China die Popmusik. In Peking und Shanghai gründeten Musiker die ersten Rock- und Popbands. Einer von ihnen war Cui Jian. Mit seinen kritischen Songtexten wurde er in China einer der bekanntesten Rockbarden. Als 1989 die Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens die Kommunistische Partei mit ihren Demonstrationen herausforderten, sangen sie seine Ballade „Yi Wu Suo You“ – „Nothing to my name“. Das Militär stürmte den Platz. Cui Jian hatte mehrere Jahre Auftrittverbot.

Rock und Pop sind heute in China nur noch selten Revolution, häufiger ist es Kommerz. Internationale Plattenfirmen erobern den chinesischen Markt. In Pekings Wangfujing, der Straße mit den Kaufhäusern und neonbunten Reklametafeln, bieten Händler raubkopierte CDs für umgerechnet einen Euro an. Chinas Jugend mag es sanft. Die Fotos der Hongkonger Popdiva Faye Wong und der taiwanesischen Boyband „F4“ hängen über unzähligen Teenagerbetten.

Aber Punk? „Die meisten Jugendlichen hören nur Popschnulzen“, sagt Xiao Rong. Trotz anfänglicher Erfolge haben „Chao Nao“ und die anderen Punkbands nie den Durchbruch geschafft. Ihre erste CD „Wuliao Jundun“(Die gelangweilte Kompanie), die von einem offiziellen Musikverlag verlegt wurde, verkaufte sich nur mäßig.

Punk ist eine kleine Szene. Im Sommer trifft man sich zu Partys auf der Chinesischen Mauer, Punks, Techno-Freaks, Skateboarder – junge Chinesen, die aus der Masse der braven Schüler und Studenten ausscheren. Dann tanzen sie Pogo, tragen alte Bundeswehruniformen und grölen die Lieder mit. Für einen Abend brechen sie aus.

Aber Punk ist mehr als nur Musik, sagt Xiao Rong. „So ist das auch mit dem Irokesenschnitt, dem großen Hahnenkamm auf dem Kopf.“ Ein Symbol für eine andere Art zu leben. Es geht darum, auf sich selbst zu hören, Nicht auf die Eltern, nicht auf die Lehrer, sich den Zwängen der Gesellschaft zu entziehen. „Punk ist ein anderer Lebensstil, ein freieres Leben“, sagt Xiao Rong. Er macht eine Pause. Das Bier in seiner Dose ist mittlerweile ausgetrunken. Draußen hört man einen Hund bellen. In China jung zu sein und Träume zu haben, sagt Xiao Rong nach einer Weile, ist allein schon eine Revolution.

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