Zeitung Heute : Polemisieren

Sonja Niemann

Wie eine Neuberlinerin die Stadt erleben kann

Liebes Berlin, danke, dass du, wie dein Bürgermeister ja auch sagt, eine so lebensfrohe, weltoffene und tolerante Stadt bist. Außer in der Oranienstraße. Da habe ich kürzlich nun schon wieder einen Strafzettel bekommen, weil ich mit dem Fahrrad eine kreuzungslose, reine Fußgängerampel bei Rot überfahren habe, an der weit und breit kein Fußgänger zu sehen war. Ich hätte mich gerne aufgeregt, als gefühlte 50 Polizisten hinter dem als Rhododendronbusch getarnten Polizeiwagen hervorsprangen, aber das kam mir dann so lächerlich vor. Man kann nicht ernsthaft Sätze auch nur denken, in denen Fragmente vorkommen wie: Und anderswo… Mord … Drogen … Sodom … Gomorrha … Hasenheide … Autoraser … hier radelnde Bürger … umweltfreundlich … dafür haben sie Zeit.

Das wäre kleinbürgerlich. Fehlten nur noch Schäferhund und Gamsbarthut. Wobei: nichts gegen Hunde. – Nein, das wäre scheinheilig: doch gegen Hunde.

Kleinbürgerlichkeit empfindet man als großes Problem, wenn man aus der Kleinstadt kommt. Als Kleinbürgerin stehe ich beispielsweise beim großen TV-Duell im Pressezentrum von Studio Adlershof zwischen lauter Journalisten, Politikern und Semi-Prominenz und würde glatt Klaus Meine, den Sänger der „Scorpions“, nach einem Autogramm fragen, wenn seine Musik nicht so schlimm wäre. Es gibt sie tatsächlich noch, die Scorpions! Klaus Meine trägt auch noch dieselbe Lederkappe wie früher, so gar nicht kleinbürgerlich, sondern total passend zum lederfreundlichen toleranten Berlin. Aber Klaus Meine kommt ja auch aus der Weltstadt Hannover, Heimat des Kanzlers und des ersten Cinemaxx-Kinos in Deutschland.

Weitere Kleinbürgerangewohnheiten sind: 1. auf dem Gehweg radeln, weil man Angst vor den Autos hat, 2. beim Betreten eines Raumes die Anwesenden mit „Palim, palim“ begrüßen, 3. wenn man von Gassi gehenden Hundehaltern mit unangeleinten Pitbulls beschimpft wird, weil man auf dem Gehweg Rad fährt, die Polizei rufen, damit sie den Pitbull festnimmt. Wobei: nichts gegen Hunde. Und: danke, Polizei.

Palim, palim: Heute 20 Uhr 15 die große Didi-Hallervorden-Geburtstagsgala, ARD. Statt der Scorpions: Die Kaiser Chiefs aus Leeds spielen heute um 21 Uhr im Postbahnhof.

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