Polen : Das neue Kraftzentrum in der Mitte Europas

Ökonomen schauen mit Hochachtung auf Polens Wirtschaft – Das Land steht in der Liste der Investitionsstandorte an sechster Stelle weltweit

Mathias Brüggmann
Am laufenden Band. Der VW Caddy wird seit Ende 2003 auf einer Produktionslinie in Posen montiert. Parallel zum Start der Produktion des Lieferwagens feierte die VW-Nutzfahrzeugsparte ihr 10-jähriges Jubiläum am Standort Polen. Jährlich produzieren die 6000 Mitarbeiter rund 155 000 Fahrzeuge der Modelle Caddy und Transporter T 5. Damit ist VW Poznan heute der zweitgrößte Exporteur Polens. Foto: dpa
Am laufenden Band. Der VW Caddy wird seit Ende 2003 auf einer Produktionslinie in Posen montiert. Parallel zum Start der...Foto: picture-alliance / dpa

Der Jungkommunist steht noch immer aus Stein gemeißelt in einem Erker des Stalinschen Kulturpalastes im Zuckerbäckerstil im Herzen Warschaus. Ein dickes Buch mit der Aufschrift „Marx, Engels, Lenin“ trägt er unter dem Arm. Doch was er rundherum sieht, ist die neue Zeit: Wolkenkratzer aus Glas und Beton, Fünf-Sterne-Hotels, moderne Einkaufszentren und direkt vor sich ein „Hard Rock Cafe“. Die grell in Regenbogenfarben blinkende Riesengitarre über dem Eingang symbolisiert diese neue Zeit: Das moderne, aufstrebende, zukunftsgerichtete Polen. Design statt Plattenbauten.

Seit dem Krisenjahr 2009 sprechen die meisten Ökonomen sogar vom Wunder an der Weichsel: Polen schaffte es als einziges EU-Mitgliedsland sogar mit 1,8 Prozent Wachstum durch die weltweite Rezession zu kommen. Das Land an Oder und Weichsel wurde zu einer neuen Lokomotive für die Wirtschaft in Europa. Und sie steht noch immer mächtig unter Dampf: Im zweiten Quartal legte Polens Bruttoinlandsprodukt um 4,3 Prozent zu (zum Vergleich: Deutschland nur noch um 0,1 Prozent).

„Polnische Wirtschaft“ war einmal ein Schimpfwort, Synonym für Schlendrian und Missmanagement. Heute schauen Ökonomen mit Hochachtung auf Polens Wirtschaft: „Das Land ist klarer Gewinner sowohl der EU-Erweiterung als auch der Globalisierung“, sagt Bert Rürup vom Beratungs- und Analysehaus Maschmeyer Rürup. Längst werden die meisten Kühlschränke und Flachbildschirme für Europa in Polen hergestellt. Ob LG in Breslau, VW in Posen, Opel in Gleiwitz, Fiat in Tychy, MAN bei Krakau, Bosch-Siemens Haushaltsgeräte in Lodz, MTU in Rzeszow, Unicredit mit seiner Bank Pekao in Warschau oder die Commerzbank-Tochter BRE-Bank dort – das Land am Drehkreuz zwischen Ost und West, Skandinavien und Südeuropa ist längst ein Magnet für Auslandsinvestoren.

Inzwischen kommt sogar Hollywood an die Autobahn zwischen Krakau und Kattowitz: In den dortigen Alvernia Studios wird demnächst der Streifen „Arbitrage“ zu Ende gedreht, der als neues „Wall Street“-Drama weltweit Zuschauer in die Kinos locken soll.

Die international führenden Investmentbanken sind in Warschau so stark vertreten wie nirgends sonst zwischen Frankfurt und Moskau. Denn die Weichsel-Metropole ist mit ihrer Börse GPW inzwischen der wichtigste Finanzplatz, hat die Wiener Börse längst hinter sich gelassen. 149 Börsengänge (IPO) hat die GPW seit Jahresbeginn gesehen, trotz europaweiter IPO-Flaute, darunter 17 Börsendebüts internationaler Firmen. Diese Dynamik kommt auch Dank einer massiven Privatisierungswelle zustande.

Das hat auch dazu geführt, dass im Vergleich zum Vorjahr die Löhne in der polnischen Privatwirtschaft im Juli um fünf Prozent zulegten – auf durchschnittlich 3612 Zloty (fast 900 Euro). Der Einzelhandelsumsatz stieg laut Statistikamt GUS sogar um 10,2 Prozent. Die Anzahl privater Baugenehmigungen legte um weitere 24 Prozent zu. Und die Unternehmen außerhalb der Finanzindustrie konnten ihre Gewinne im ersten Halbjahr sogar um 34 Prozent erhöhen.

Natürlich sind bereits Abschwächungen spürbar. Die Indikatoren zeigen gebremstes Wachstum an, aber immer noch nach oben. „Das zeigt, dass sich unsere Wirtschaft immer noch dynamisch entwickelt. Sie ist eine der dynamischsten in ganz Europa“, meint der Analyst Pawel Majtkowski: „Ich bin stolz auf Polens Wachstum und die EU, deren Strukturfonds eine der Hauptquellen des Wirtschaftswachstums sind“, lobte Premierminister Donald Tusk die im Zuge der laufenden EU-Haushaltsverhandlungen umstrittene Förderpolitik der Europäischen Union. Der Regierungschef steht mit seiner konservativ-liberalen Bürgerplattform mitten im Wahlkampf und strebt am 9. Oktober eine große Mehrheit im Parlament Sejm an. Parallel hat Warschau in diesem Halbjahr erstmals die EU-Ratspräsidentschaft inne.

Und so verteidigt Tusk die EU-Regional- und Strukturfonds, von denen sein Land den höchsten Milliardenbetrag aus Brüssel einstreicht. Und der EU-Haushaltskommissar, der Pole Janusz Lewandowski, will, dass dies auch so bleibt. Polen, so argumentieren die Politiker an der Weichsel, sei zum Vorbild geworden, wie die EU-Gelder den Wandel in Europa vorantrieben. Peinlich nur, dass trotz der Förder-Milliarden zur Modernisierung der Infrastruktur ausgerechnet 2012, wo Polen zusammen mit dem Nachbarn Ukraine die Fußball-Europameisterschaft beherbergt, die im Bau befindlichen Autobahnen bis zum Anpfiff nicht fertig werden. Das ist ein echter Wermutstropfen für das aufstrebende Land, das auch nach 3,8 Prozent Wirtschaftswachstum voriges Jahr mit einem Pro-Kopf-BIP von 12 450 Dollar auf nur 62 Prozent des EU-Durchschnitts kommt.

Dabei ist die siebtgrößte Volkswirtschaft der EU im Vergleich zu den meisten Standorten Mittel- und Osteuropas weit mehr als eine verlängerte Werkbank. Vielmehr sei Polen zum Wunderknaben im Osten geworden, wie Vizepremier und Wirtschaftsminister Waldemar Pawlak erklärt, weil es mit 38 Millionen Einwohnern einen großen Binnenmarkt habe. Im Gegensatz etwa zum Nachbarn Slowakei, der 85 Prozent seines BIP durch Exporte generiere, liege diese Zahl in seiner Heimat unter 40 Prozent.

Es gebe „keine wirtschaftliche Monokultur wie die Konzentration auf die Autoindustrie bei einigen EU-Nachbarn“, sagt Pawlak, der vom kleinen Regierungs-Koalitionspartner Bauernpartei kommt, und lobt die unternehmerische Dynamik und die Flexibilität der Arbeitnehmer. „Wir haben eine Menge Erfahrung mit Transformation. Das macht uns immun gegen Turbulenzen.“ Damit spielt Pawlak auf die harten Reformen an, die das Land nach dem Absetzen der Kommunisten durch die „Solidarnosc“-Gewerkschaftsbewegung und die ersten freien Wahlen im Ostblock 1989 durchsetzte.

Die Früchte kann Warschau nun ernten: Im „World Investment Report 2011“ der UNO-Entwicklungsorganisation UNCTAD erreicht Polen den sechsten Platz unter den besten Investitionsstandorten der Welt und damit den vordersten Rang aller EU-Mitglieder. Besser als Polen sind in dieser-Rangliste für 2011 bis 2013 nur China, die USA, Indien, Brasilien und Russland platziert. In den ersten fünf Monaten konnte das Land bereits 4,2 Milliarden Euro an ausländischen Direktinvestitionen anlocken. Und die Polnische Agentur für Information und Auslandsinvestitionen (PAIiIZ) hat weitere 172 potenzielle Projekte in der Pipeline, die Investitionen für insgesamt weitere 1,6 Milliarden Euro sowie 47 574 neue Arbeitsplätze versprechen. Viele davon könnten in Krakau entstehen. Denn die Heimstatt der weltberühmten Wawel-Burg ist laut UNCTAD die weltweit beste Stadt für Projekte beim sogenannten Business Outsourcing.

Doch das bald neu gewählte Kabinett hat auch eine Menge Hausaufgaben zu erledigen: Wie in Deutschland steht dem bevölkerungsreichsten EU-Ostland eine radikale Energiewende bevor. Allerdings soll diese anders erfolgen: Polen muss davon wegkommen, wie bisher 90 Prozent seines Stroms aus Braun- und Steinkohle zu produzieren. Neben erneuerbaren Energien will Warschau aber sein erstes Atomkraftwerk bauen und setzt auf umstrittene Bohrungen nach „ Schiefergas“.

Hauptaufgabe Nummer zwei ist die Haushaltssanierung. Polen hat zwar sogar vor Deutschland eine Schuldenbremse in seine Verfassung eingebaut, die eine Staatsverschuldung über 60 Prozent des BIP verbietet. Aber da das Etatloch seit Jahren deutlich über dem anderen Maastricht-Kriterium von drei Prozent des BIP liegt, marschieren die Staatsfinanzen wacker auf die 60-Prozent-Marke zu. Nach den Wahlen muss die neue Regierung also ein drastisches Sparprogramm einleiten, das sich Tusks klar favorisierte Bürgerplattform bisher nicht zu präsentieren traut.

Ebenso bedeckt hält sich Tusk in der Euro-Frage: War die Einführung der Gemeinschaftswährung unter dem Motto „den Euro zur Euro 2012“ einst das Ziel, so rückt es jetzt in weite Ferne: „Wir sollten über die Vor- und Nachteile der Einheitswährung gründlich nachdenken“, drückt Wirtschaftsminister Pawlak heute auf die Bremse. Denn: „Zur Zeit könnte man die Euro-Zone eher mit einem löchrigen Regenschirm als mit einem Schutzschild vergleichen, der vor Turbulenzen auf den Weltmärkten schützt.“ Ohne Euro aber, das weiß Tusk, kann Polen seinen Traum nicht verwirklichen, eine der führenden Mächte in der EU zu sein.

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