Zeitung Heute : Polen: Nach der Sintflut

Thomas Roser

Dicke Trauerränder haben die Fluten in dem bröckelnden Mauerwerk hinterlassen. Mit einem Seufzer schleudert Roman Kochowski die verrotteten Bodendielen aus den Fensterhöhlen seines Wohnzimmers: "Eigentlich müsste ich das Haus komplett neu aufbauen, alles ist feucht, kaputt, nicht mehr zu gebrauchen." Zwei Meter hoch habe das Wasser in seinem Haus gestanden, erzählt der Landwirt im südpolnischen Dorf Trzesn bei Sandomierz: "Der Deich brach um drei Uhr nachts, kurz danach war alles überflutet." Auf dem Dach seines Hauses habe er die ganze Nacht neben seinen Hühnern sitzend in der Dunkelheit auf das rettende Schlauchboot gewartet.

Trübe dampft in der Mittagshitze eine übel riechende Brühe in den Straßengräben und auf den Feldern von Trzesn. Hinter dem notdürftig geflickten Deich ist die Weichsel wieder in ihr ursprüngliches Bett zurückgekehrt. Doch obwohl der Wasserpegel allmählich sinkt, zeugen die übergelaufenen Latrinen und die eingetrocknete Schlammkruste, die die Vorgärten überzieht, noch von der Katastrophe, die den 4000-Seelen-Ort wie Dutzende anderer Dörfer am Ufer des Flusses vor zwei Wochen ereilte.

Gegen alles Mögliche sei er aus Angst vor Epidemien geimpft worden, erzählt Kochowski. Noch mehr als die Furcht vor Krankheiten beschäftigt ihn die Sorge ums Geld. Gegen Feuer, Diebstahl und Blitzeinschlag sei er versichert gewesen, "doch diesen Schaden wird mir niemand ersetzen." Maximal 6000 Zloty, umgerechnet etwa 3000 Mark, habe die Regierung den Hochwasseropfern in Aussicht gestellt: "Davon kann man nicht einmal neue Fenster kaufen."

Eine Vatikan-Flagge mit dem Papstbild hängt schlaff zwischen den wenigen geretteten Habseligkeiten seiner Nachbarin in einem Blumentopf. Sie habe im Wohnzimmer zwar die Sessel und das Sofa aufgebockt, die wertvollsten Dinge auf den Schrank gestellt, erzählt Malina Walczyna: "Doch als das Wasser plötzlich durch das Fenster schwappte, war nichts mehr zu retten." Lakonisch weist sie auf das abgeblätterte Furnier und die verzogenen Türen des Wohnzimmerschranks. "Die Möbel können alle auf den Müll." 100 Jahre sei das Holzhäuschen alt: "Jetzt werde ich es wohl abreißen lassen, das Fundament ist völlig zerstört." Bisher habe sie nur 200 Zloty, 100 Mark, an Nothilfe erhalten: "Natürlich hofft hier jeder auf die Spendengelder, aber niemand weiß, wann die kommen." Vom Staat erwarte sie auf jeden Fall nicht viel. Die rothaarige Frau in der Schürze zuckt mit den Schultern: "Der Premierminister ist mit einem Helikopter hier eingeflogen, als das Wasser kam. Er versprach Gratis-Schuluniformen für die Kinder - und war nach 15 Minuten wieder weg."

Die Pakete kommen

Auch wenn die staatliche Hilfe noch auf sich warten lässt, lindern zumindest die Hilfsorganisationen in Trzesn schon jetzt die ärgste Not. Eine lange Reihe von Freiwilligen entlädt vor dem Gemeindehaus einen Transporter der Caritas. Er fahre in den Überschwemmungsgebieten vor allem Nahrungsmittel, Seife, Kleider, Schuhe und Decken aus, sagt der Fahrer. Frauen wühlen in Säcken mit Kleiderspenden, andere Hilfesuchende warten in einer langen Schlange auf die Ausgabe der Pakete. Tiefe Augenringe und graue Bartstoppeln zeichnen das müde Gesicht von Wladaslav Brzuszek. Der Priester des Dorfs sagt, 95 Prozent seiner Gemeindemitglieder seien vom Hochwasser betroffen. "Wir versuchen, allen zu helfen. Aber die Leute sind oft gereizt, sie sind mit den Nerven am Ende."

Berge zerstörter Möbel säumen die Hauptstraße von Trzesn. Vier Jahre lang könnten die Bauern ihre Felder wohl nicht mehr nutzen können, schätzt Malina Walczyna. Sie hat Angst vor neuen Überschwemmungen. Im Fernsehen habe man sich kaum ein Bild davon machen können, was die Opfer durchmachen mussten: "Man muss das wohl leider selbst erleben, um zu verstehen, was es bedeutet, wenn alles, was man hatte, vernichtet wird."

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