Zeitung Heute : Polen trauert

Präsident Kaczynski und viele Spitzenpolitiker sterben bei AbsturzRegierungsdelegation war auf dem Weg ins russische KatynMerkel und Westerwelle sprechen ihr Mitgefühl aus

Sebastian Bickerich[Berlin]

Der Tod des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski bei einem Flugzeugabsturz in Russland ist weltweit mit Bestürzung aufgenommen worden. „Es handelt sich um eine politische und menschliche Tragödie für Polen, unser Nachbarland“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Samstag in Berlin. Kaczysnki war am Samstagmorgen beim Absturz der Präsidentenmaschine zusammen mit zahlreichen anderen Politikern an Bord ums Leben gekommen. Niemand habe den Absturz in dichtem Nebel überlebt, sagte der Gouverneur der Region Smolensk, Sergej Anufrijew. 97 Menschen waren an Bord, unter ihnen auch Kaczynskis Frau Maria. Das russische Staatsfernsehen zeigte Trümmer der Maschine vom Typ Tupolew TU-154 in einem Wald nahe der Stadt Smolensk. An Bord waren auch hochrangige polnische Militärs und Politiker sowie Vertreter von Nichtregierungsorganisationen. Nach russischen Militär- sowie Behördenangaben hatte der Pilot der Maschine Empfehlungen ignoriert, die Landung wegen der schlechten Sichtverhältnisse nicht zu wagen. Kaczynski war auf dem Weg zu einer Gedenkfeier im russischen Katyn, dem Ort eines sowjetischen Massakers an der militärischen und geistigen Elite Polens im Zweiten Weltkrieg.

Nach dem Tod des 60-Jährigen herrschte tiefe Betroffenheit in Polen. In zahlreichen Gottesdiensten gedachten die Menschen im ganzen Land der Opfer der Flugzeugkatastrophe. Regierungschef Donald Tusk brach nach eigenen Angaben in Tränen aus, als er von der Nachricht hörte. Er rief das Kabinett zu einer Sondersitzung zusammen. Nach der polnischen Verfassung übernimmt der Chef des Abgeordnetenhauses Bronislaw Komorowski nach dem Tod Kaczynskis die Geschäfte des Staatschefs. Komorowski ordnete eine einwöchige Staatstrauer an. Er soll nun innerhalb von 14 Tagen den Termin der Präsidentenwahl bekanntgeben. Ursprünglich sollten die Wahlen im Herbst stattfinden. Die Regierungspartei Bürgerplattform PO hatte Komorowski vor einer Woche als ihren Kandidaten für das höchste Staatsamt aufgestellt.

Außer dem Präsidenten-Ehepaar kamen bei dem Absturz in Smolensk Vize-Parlamentschef Jerzy Szmajdzinski, Vize-Außenminister Andrzej Kremer, der Chef des Generalstabs, Franciszek Gagor, mehrere Parlamentarier sowie die engsten Mitarbeiter von Lech Kaczynski ums Leben. „Vor 70 Jahren haben die Sowjets in Katyn die polnische Elite ermordet“, sagte Ex-Präsident Lech Walesa. „Heute ist erneut die polnische Elite ums Leben gekommen, auf dem Weg dorthin, wo sie der getöteten Polen gedenken wollten.“

Russische Nachrichtenagenturen berichteten, dass die Fluglotsen dem Piloten der Unglücksmaschine wegen dichten Nebels geraten hätten, nicht in Smolensk, sondern in der weißrussischen Hauptstadt Minsk oder in Moskau zu landen. Der Pilot habe dies jedoch ignoriert. Den Berichten zufolge stürzte die Maschine beim vierten Landeversuch ab. Kremlchef Dmitri Medwedew setzte eine Untersuchungskommission unter Leitung von Ministerpräsident Wladimir Putin ein. Nach einer Besichtigung des Unglücksorts kündigte Putin eine rasche Aufklärung des Absturzes an.

  Der Tod des seit Dezember 2005 als Staatschef amtierenden Kaczynski löste international große Bestürzung aus. Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) sagte, die Deutschen seien „in tiefem Mitgefühl bei den Angehörigen und den Opfern der Katastrophe“. US-Präsident Barack Obama erklärte: „Der heutige Verlust ist verheerend für Polen, die USA und die Welt.“

Hunderte Berliner und in Berlin lebende Polen trugen sich am Samstag in Kondolenzbücher der polnischen Botschaft in Grunewald ein. Für den heutigen Sonntag um 12 Uhr ist eine Mahnwache am Brandenburger Tor geplant.

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