• Polen und Deutsche entdecken im gegenseitigen Verhältnis die Normalität Eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach sieht wachsende Sympathie und den Wunsch nach engerer Zusammenarbeit

Zeitung Heute : Polen und Deutsche entdecken im gegenseitigen Verhältnis die Normalität Eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach sieht wachsende Sympathie und den Wunsch nach engerer Zusammenarbeit

Die gute Nachricht zuerst – 48 Prozent der Deutschen beurteilen in diesem Jahr die deutsch-polnischen Beziehungen als gut, die Polen sind mit 50 Prozent etwas positiver als ihre Nachbarn. Die Deutschen verhalten sich zu 33 Prozent unentschieden in dieser Frage, die Polen nur zu 26 Prozent. „Nicht so gut“ sehen 19 Prozent der Deutschen die Beziehungen, während es in Polen noch 24 Prozent es so sehen. Anders herum gesagt: Jeder zweite Bürger in beiden Ländern findet, dass die Beziehungen gut sind. Das ist ein ins Auge springendes Ergebnis der Studie zum Stand der deutsch-polnischen Beziehungen, die die Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit in diesem Jahr beim Institut für Demoskopie in Allensbach in Auftrag gegeben hat. Anlass für diesen Auftrag ist der 20. Jahrestag der Unterzeichnung des Vertrages „Über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit“ vom 17. Juni 1991– ein Meilenstein in der Entwicklung der Beziehungen, die lange von den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs überschattet wurden.

Wie sieht die Situation 66 Jahre nach Kriegsende aus? Wie nach 20 Jahren des Vertrages und wie nach sieben Jahren des Beitritts Polens zur Europäischen Union, deren Ratspräsidentschaft Polen seit dem 1. Juli inne hat?

Fragt man nach der Verbesserung der Beziehungen während der letzten zehn Jahre, dann geben 25 Prozent der Deutschen an, dass sich die Beziehungen „deutlich verbessert“ hätten gegenüber 20 Prozent bei den Polen. „Etwas verbessert“ haben sich für 40 Prozent der Deutschen die Beziehungen gegenüber 49 Prozent der Polen. Von einer Verschlechterung reden in Deutschland nur drei Prozent, in Polen vier Prozent.

Interessant ist, dass 58 Prozent der Polen sich eine engere Zusammenarbeit mit Deutschland wünschen – Platz 1. Erst mit 47 Prozent folgen die USA, dann Russland mit 43 Prozent, Großbritannien mit 41 Prozent sowie Frankreich und Tschechien mit je 32 Prozent. Das Vertrauen in ein wirtschaftlich starkes Deutschland in Europa ist groß.

Bei den Deutschen mit ihrer klassischen Westbindung liegt Polen als wünschenswerter Bündnispartner hinter den USA, Frankreich, China, Russland, Österreich, Niederlande, aber mit 32 Prozent doch vor Spanien, Italien und der Tschechischen Republik. Polen ist damit in den Kreis der wichtigen und engeren Verbündeten Deutschlands getreten. Folgerichtig finden auch 58 Prozent der Deutschen, dass ein gutes Verhältnis zu Polen genauso wichtig ist wie zu Frankreich oder Großbritannien.

Dass Polen ein wichtiger Handelspartner für Deutschland ist, haben 46 Prozent der Polen begriffen, aber erst 26 Prozent der Deutschen. Hier besteht noch Nachholbedarf in der Vermittlung.

Wenn sich die Verhältnisse so verbessert haben, liegt es nahe zu fragen, ob beide Länder ein normales oder ein ganz besonderes Verhältnis zueinander haben. Das Ergebnis ist überraschend, denn 43 Prozent der Deutschen finden das Verhältnis normal, aber weitere 39 Prozent betonen wegen der Vergangenheit den besonderen Status der Beziehungen. Ja, die Deutschen, die an Polen besonders interessiert sind, sehen nur zu 26 Prozent die Normalität, während 73 die Besonderheit betonen.

Die Polen wiederum beantworten diese Frage erfreulich erfrischend und überraschend: 70 Prozent gehen von einem normalen Verhältnis aus, nur 13 Prozent betonen den besonderen Status und auch die, die ein größeres Interesse an Deutschland haben, sehen die Ausnahmesituation nur zu 16 Prozent und die Normalität gar zu 73 Prozent. Einen Schlussstrich unter die Vergangenheit wollen 49 Prozent der Deutschen ziehen, in Polen sind es 42 Prozent. Die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs sollen nicht vergessen werden, aber sie sollen auch nicht die nachbarschaftlichen Beziehungen überschatten.

Betrachtet man nun die Bilder, die sich die einzelnen Länder vom jeweiligen Nachbarn machen, fällt auf, dass die Polen ein relativ realistisches Deutschlandbild haben. 67 Prozent sehen die gute wirtschaftliche Entwicklung, 60 Prozent erwähnen den hohen Lebensstandard, bescheinigen den Deutschen zu 52 Prozent ein großes Selbstbewusstsein und finden zu 50 Prozent, dass Deutschland ein modernes Land ist.

Das Polenbild der Deutschen ist dagegen noch von vielen Stereotypen geprägt, Religion und Glauben spielen nach deutscher Meinung zu 73 Prozent eine große Rolle, dann kommt mit 61 Prozent der ausgeprägte Nationalstolz, mit 60 Prozent der hohe Rang der Familie und 57 Prozent glauben, dass viel Wert auf Tradition gelegt werde, ebenso viele Deutsche loben die Schönheit der polnischen Landschaft. Dass beide Länder sich ähnlich seien, sehen nur 18 Prozent der Deutschen und 17 Prozent der Polen.

Interessieren sich denn die Nachbarn für die Entwicklungen im anderen Land? „Sehr“ nur sechs Prozent der Deutschen und vier Prozent der Polen, „etwas“ immerhin jeweils 43 Prozent. Es bleibt bei einer gewissen Distanz und Fremdheit, aber ist das Interesse der Deutschen zum Beispiel an der Entwicklung in Belgien größer? Die Frage wurde nicht gestellt – vielleicht ist das auch ein Ausdruck gewonnener Normalität nach allem, was geschehen ist. Rolf Brockschmidt

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben