Zeitung Heute : Polen und Deutsche neu betrachten

Polnische Akademie erforscht Beziehungen

Rolf Brockschmidt

„Geschichte war, ist und wird Teil der Politik, das ist immer so. Wir Historiker müssen aktiv durch Rationalisierung an diesem Prozess teilnehmen, und ich hoffe auf eine Rationalisierung der Geschichte durch diese Ausstellung“, sagt Robert Traba, Professor an der Freien Universität Berlin und seit 2006 Gründungsdirektor des Zentrums für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften am Majakowski-Ring. Die Ausstellung „My, berlinczycy! Wir Berliner! Geschichte einer deutsch-polnischen Nachbarschaft“ ist der erste Höhepunkt in der Geschichte des Instituts.

Die Basis für diese Arbeit des Instituts wurde mit der deutsch-polnischen Schulbuchkommission 1972 gelegt, und die Gründung des Deutschen Historischen Instituts Warschau (DHIW) war ein weiterer Meilenstein der Entwicklung. Bevor Robert Traba an diesem Institut mitarbeitete, hatte er bereits 1990 gleich nach der Wende in seinem Geburtsort Allenstein einen Verein mit dem Namen „Borussia“ gegründet. Seine Erfahrungen aus der Tätigkeit von „Borussia“ und am DIHW kamen dem Historiker, Politologen und Kulturwissenschaftler am Berliner Institut zugute. 1999 entstand das „Wissenschafliche Zentrum der Polnischen Akademie der Wissenschaften (PAN) in Berlin, aus dem am 11. Oktober 2006 das Zentrum für Historische Forschung dann gegründet wurde. Robert Traba wurde zum Direktor des Zentrums und Professor an der FU berufen zu einer Zeit, in der die neue polnische Geschichtspolitik im bilateralen Verhältnis für Aufregung sorgte. Doch Traba betont, dass er in seinen Plänen und seinen Vorstellungen, den Dialog über deutsch-polnische Beziehungen auf eine neue Grundlage zu stellen, völlig freie Hand hatte.

Noch wichtiger vielleicht als die Ausstellung ist ihm und seinen fünf wissenschaftlichen Mitarbeitern das zweite Großprojekt, „Deutsch-polnische Erinnerungsorte“, das Ende nächsten Jahre in vier deutschen und vier polnischen Bänden die Aufsätze von mehr als 100 Autoren beider Länder versammelt. „Wir leben in der Epoche des Endes der Zeitzeugen“, sagt Traba. „Die neue Generation sucht neue Schlüssel, um die Geschichte erfahrbar zu machen. Wir sind dabei weniger emotional als der Zeitzeuge, aber wir dürfen das Vergangene auch nicht aus den Augen verlieren.“

„Erinnerungsorte“ ist in diesem Projekt ein weit gefasster Begriff, er geht über das Geografische hinaus, es geht um Hitler und Tannenberg, aber auch um Fiat und Trabant. „Wir wollen herausfinden, warum wir gemeinsam erlebte Ereignisse so unterschiedlich interpretieren. Welche Mechanismen stecken dahinter? Letztendlich geht es darum, Erinnerung auch als Kategorie der Forschung zu etablieren.“ Für Traba ist es vielleicht eines der wichtigsten geisteswissenschaftlichen Projekte überhaupt. Es könnte Dialog und Verständnis auf eine neue Ebene heben. Rolf Brockschmidt

Literatur zur Doppelausstellung. Berlin. Polnische Perspektiven 19. - 21. Jahrhundert, Herausgeber: Dorota Danielewicz Kerski, Maciej Górny, Berlin Story Verlag, 2008. 448 Seiten. 19.80 Euro.

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