Zeitung Heute : Polens Raketenschildbürger

Seit zwei Wochen haben sie es schriftlich: Ihr Dorf wird Schauplatz der Weltpolitik. Amerika wird hier Waffen stationieren, Russland wird darauf reagieren – und die Leute in Redzikowo fürchten sich nun. Auch davor, dass sie daran nicht verdienen

Agnieszka Hreczuk[Redzikowo]

Der Mann, der am Ortseingang Gasrohre verlegt, weiß es schon, und dennoch wundert er sich. „Verrückt, nicht wahr?“, sagt er. Er meint die Leute, die neben ihm ihre Autos anhalten, aussteigen und das grüne Schild am Straßenrand fotografieren. „Redzikowo“ steht darauf. Redzikowo war einmal einigermaßen bekannt in Polen, seit kurzem ist es bekannt in der Welt.

Im Dorf Redzikowo, Westpommern, Ostseeküste, am Rand der 100 000-Einwohner-Stadt Slupsk, sollen jene zehn amerikanischen Abfangraketen stationiert werden, wegen denen es so viel Streit mit Russland gibt. 100 bis 200 amerikanische Soldaten werden ebenfalls kommen, vor zwei Wochen wurde das entsprechende Abkommen von den Chefunterhändlern der beiden Länder unterzeichnet. „Und wieder sind wir berühmt“, sagt der Rohrleger am Ortseingang, ohne Freude in der Stimme.

Früher dagegen, als hier eine Jagdfliegerbasis stand, da war man stolz in Redzikowo. „Die beste Einheit in Polen“, sagen die Leute. „Wenn Piloten aus der ganzen Welt hier geübt haben, haben sie immer gesagt: So eine Basis und solche Piloten gebe es nirgendwo anders.“ Die Zeiten sind vorbei, die Basis ist längst aufgelöst. „Damit die Amis hier ihren Raketenschild bauen können“, sagt ein pensionierter Offizier, der heute einen Kiosk hat. Gleich nach den letzten internationalen Flugübungen 1993, erzählt er, erschienen in Redzikowo immer öfter Amerikaner. Sie schauten sich alles an, untersuchten den Boden. Die Amerikaner, sagen die Dörfler, hatten sich längst auf Redzikowo eingeschossen.

Der Kioskbesitzer bleibt als ehemaliger Militär pragmatisch. „Eine Landebahn haben sie hier, Gebäude auch, sogar ein super renoviertes Hotel, alles in der ehemaligen Militärbasis. Das Land ist dünn besiedelt, das Meer in der Nähe.“ Und Armee war hier schon immer. Früher Deutsche, dann Polen. Rechts vom Kiosk, wo jetzt ein paar Tische stehen, zeigt der Kioskbesitzer Reste einer Badeanstalt. „Noch aus deutschen Zeiten“, sagt er. Redzikowo hieß einmal Reitz.

Links steht das alte Wachhaus, auch von Deutschen gebaut. Luftwaffeneinheiten des „Dritten Reiches“ waren hier stationiert, sie flogen am 1. September 1939 – zu Kriegsbeginn – Angriffe auf Polen. Und als sich die Geschichte drehte, nutzte Polen das Wachhaus.

Gefragt nach dem künftigen Raketenstandort zeigt der ehemalige Offizier auf eine Siedlung. Dreistöckige Häuser in Pastellfarben: rosa, beige, zartgrün. Neue Fenster, Terrakottatöpfe am Eingang, neue Container zur Mülltrennung. Vor den Häusern wachsen Vogelbeerbäume und Rosen, stehen Bänke. Kinder auf Fahrrädern, junge Frauen mit Kinderwagen, Rentner mit Einkaufstaschen ziehen vorbei. Hinter dem letzten Wohnhaus versperrt ein Stacheldrahtzaun den Weg, ein Wachhaus der alten Armeebasis steht davor. „Militärgebiet“, steht auf der Tafel am Eingang, „Zutritt verboten“.

Zehn Raketen also kommen hierher, bis 2015 sollen sie einsatzbereit sein und – zusammen mit einem in Tschechien geplanten Radarsystem – Angriffe aus Schurkenstaaten abwehren. Aus dem Iran zum Beispiel. So sagen es die Amerikaner. Zehn Raketen, die das Rüstungsgleichgewicht zwischen den Atommächten gefährden und eine Bedrohung darstellen, so sieht es Russland. Dass Polen und Amerikaner ausgerechnet im August so überraschend schnell handelseinig geworden sind – also zu einer Zeit, in der Russland in Georgien seine militärische Kraft bewies – lassen diese von den Raketenschildplanern stets dementierte Lesart zumindest nicht unwahrscheinlicher erscheinen.

Die russische Regierung gab jedenfalls umgehend bekannt, gemeinsam mit Weißrussland ein eigenes Luftabwehrsystem bauen zu wollen.

„Wir werden wieder zur Zielscheibe“, sagt Teresa, die ihren Nachnamen nicht nennen will. Ihr Wohnhaus klebt an dem Zaun zum Sperrgebiet. „Vor einem Jahr haben wir die Häuser renoviert. Endlich sollten wir Ruhe haben. Und jetzt?“

Seitdem sie mehrmals im Fernsehen war, werde sie ständig mit „Hallo, du Star“ begrüßt. Statistisch gesehen wurde fast jeder Bewohner von Redzikowo einmal in den Medien zitiert. In finnischen, arabischen, deutschen, kroatischen, zählen die Einwohner auf. Eigentlich haben sie die Nase längst voll. Besonders Teresa, deren Worte angeblich verdreht wurden. „Ich habe gesagt, ich habe Angst vor dem Schild und will es nicht haben, genauso wie alle anderen hier. Und es kam dann so rüber, als ob ich Angst vor den Russen hätte und den Schutz der Amerikaner wollte“, erzählt sie empört.

Umfragen zeigen, dass über 60 Prozent der 1500 Dörfler gegen die Raketen sind. Offen zugeben aber wollen es die wenigsten. Gemeindevorsteher Mariusz Chmiel sagt: „Hier leben noch viele Menschen, die selbst entweder für die Armee arbeiten oder Armeeangehörige in ihren Familien haben. Sie haben Angst, ihren Job aufs Spiel zu setzen. Die Angst der Leute ist oft irrational. Letztens hat mir jemand gesagt, ihm würde dann wohl die Rente gekürzt.“

Mariusz Chmiel ist ein ruhiger Mensch. Er spricht langsam. Oft streichelt er seinen grauen Schnurrbart, wenn er sich eine Antwort überlegt. Ein ausgeglichener Beamter, scheinbar. Doch der 51-jährige Verwaltungschef wurde in ganz Polen als Kämpfer bekannt. Seit zehn Jahren ist er Gemeindevorsteher, er stritt für eine neue Schule, für die Umwidmung des Militärflugplatzes in einen zivilen, für ein Badeparadies – es ist die größte Investition in ganz Westpommern. Doch dass sich der provinzielle Verwalter ausgerechnet gegen die größte Weltmacht stellt, damit hat kaum jemand gerechnet.

Er kommt dagegen nicht an, das ist ihm klar, aber er will Wiedergutmachung. Geld für Straßensanierungen, einen neuen Flughafen – und zusätzliche amerikanische Patriot- Abwehrraketen. Denn deren Stationierung in Redzikowo war auch schon einmal im Gespräch, nun aber, wo gerade hier die Angst und das Schutzbedürfnis so groß sind, sollen sie am Rande Warschaus aufgestellt werden, zum Schutz einer dortigen Militärbasis.

Die Amerikaner haben viel getan, um die Redzikower auf ihre Seite zu ziehen. Der Konsul war da, Chmiel wurde in die USA eingeladen, um sich Militärbasen ansehen zu können und wie deren Umgebung davon profitiert. Auch Polens Regierungschef Donald Tusk besuchte Redzikowo gerade, und dennoch fühlt Chmiel sich alleingelassen. „Ich bekomme ab und zu Telefonate oder Mails mit Unterstützung. Doch ansonsten macht die Angst hier die meisten schlapp.“

„Was können wir tun?“ Eine junge Verkäuferin zuckt die Schultern. „Uns fragt keiner“. Furcht hat sie keine, aber auf Vorteile hofft sie auch nicht. Dass die Amerikaner mit den Menschen in Redzikowo Geschäfte machen werden, glaubt hier kaum jemand. „Sie werden wie in einem Ghetto unter sich leben“, sagt der Kioskbesitzer. „Sie werden bei uns nicht einmal ein Würstchen kaufen.“ Andrzej Kotlicki, der Vorsitzende des Siedlungsrates, fürchtet, dass Investoren die Region künftig noch mehr meiden könnten als ohnehin schon. „Wer baut sein Geschäft direkt bei einem Raketenschild?“ Gemeindevorsteher Chmiel sagt: „Wir wollen keine Zusatzvorteile. Nur das, was wir durch den Schild verlieren werden.“

Einer, der vielleicht besser weiß als alle anderen, wie es kommen wird, ist Jacek Chmara. Er stammt aus Redzikowo, lebt jetzt aber in Manchester, neben einer US-Militärbasis. „Was soll sich ändern? Werden die Amerikaner nach Slupsk fahren oder bei uns in Redzikowo ihre Freizeit verbringen?“ Chmara lacht. „Nein, sie werden nach Danzig fahren. Ansonsten werden sie sich außerhalb der Base nicht blicken lassen.“

Aber dass die Lage sich verschlechtern wird, das erwartet er auch nicht. „Die Raketen werden eher zu einem Sündenbock.“ Die Sonderwirtschaftszone hier – es ist eine von 16 in Polen, Investoren bekommen zum Beispiel Steuervergünstigungen – entwickele sich sowieso nicht gut. „Jetzt wird es heißen, wir hätten hier das Wirtschaftsparadies, nur die Amerikaner stehen im Wege.“

Gemeindevorsteher Chmiel wirkt überrascht, als er mit dieser Sicht der Dinge konfrontiert wird. „Wir hatten ernste Nachfragen. Ein Reifenhersteller aus Indien wollte hier eine Fabrik, mit 4000 Arbeitsplätzen.“ Doch das Gebiet gehört dem Staat. Als die Inder nach Warschau fuhren, habe niemand mit ihnen sprechen wollen. „Jetzt denke ich mir, schon damals wollten die Amerikaner, dass hier alles frei bleibt“, sagt Chmiel. Er zählt auf, was die Region wirtschaftlich erreicht hat. Sie gehört zu den 30 sich am schnellsten entwickelnden im Land. Die Arbeitslosigkeit sinkt, sie liegt nun bei 27 Prozent.

Chmiel hofft, die Amerikaner vielleicht doch noch entmutigen zu können. „Mal sehen, ob sie unsere Umweltschutzvorschriften erfüllen“, sagt er, irgendwie schon nicht mehr mit voller Kraft.

Das nächste Auto hält am Ortsschild an. Ein junges Paar aus Warschau macht ein Foto. Nach einer Weile steigen sie wieder ein, drehen um, fahren wieder Richtung Slupsk. „Sogar Wasser haben sie nicht gekauft“, sagt der Mann, der immer noch die Gasrohre verlegt.

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