Zeitung Heute : Polgar an- und verkaufen

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

David Ensikat

Haben Sie vor, ein Buchantiquariat zu eröffnen? Eigentlich müsste man ja abraten, denn es gibt doch kaum einen Berufsstand, dessen Vertreter so traurig in die Welt schauen wie den der Gebrauchtbuchverkäufer. Man möchte ihnen kistenweise besterhaltenen Erstausgaben schenken, palettenweise zerfledderte Mängelexemplare zu Neubuchpreisen abkaufen, so traurig schauen sie über ihre Lesebrillen hinweg. Man tut’s aber, geben wir’s zu, am Ende doch nicht, man möchte es eben nur, und deshalb müsste man eigentlich abraten von der Eröffnung eines weiteren Buchantiquariats.

Andererseits muss man sehr zuraten. Eröffnen Sie ein Buchantiquariat! Und: Handeln Sie mit Alfred Polgar.

Alfred Polgar schrieb vor vielen langen Jahren viele kurze Geschichten, niemals lange, und in diesen kurzen Geschichten steht eigentlich alles drin. Das Achselzucken spielt in den Geschichten eine große Rolle, denn die Welt, die Polgar da beschreibt, unsere Welt, lässt ja in den allermeisten Fällen keinen anderen Schluss zu. Wir wollen hier die Pointe einer Geschichte vorwegnehmen, die „Kleiner Zwischenfall“ heißt, die von Bertram und Maria handelt, am Ufer liebeswandelnd, den Hilferuf eines Ertrinkenden vernehmend, nichts zu seiner Rettung unternehmend, und deren Rest sich trotz aller Vorwegnahme zu lesen sehr lohnt wie auch sonst alle Geschichten, die Alfred Polgar so geschrieben hat:

„Der (der just Ertrunkene) lag auf dem Grund des Wassers. Viele Fische umstanden ihn, betrachteten interessiert den Kadaver und atmeten durch Kiemen. Was zum Fressen? Vielleicht. Gewiss aber eine Abwechslung im Fischdasein, eine Gelegenheit zum Hin und Her um einen absonderlichen Gegenstand und ganz bestimmt kein Hindernis für die Fortpflanzung.“

Es sind nicht wenig Bücher mit Polgars Geschichten, Feuilletons und Kritiken erschienen, es gibt ja auch recht viele davon. Kaum eines ist jedoch im Buchhandel noch erhältlich. Bleibt nur: das Antiquariat, und sei es das, das Sie eröffnen.

Mein erstes Polgar-Buch habe ich bei einem Antiquar erstanden, den ich für vorbildlich halte, und dessen Haltung ich hiermit all jenen weiterempfehlen möchte, die nun ihrerseits mit alten Büchern Handel treiben möchten: Der Herr öffnet sein Geschäft nicht vor um zwei am Nachmittag – wozu auch, Gebrauchtbuchkäufer machen ihre Besorgungen nur ganz selten am Vormittag. Und er nimmt dem Käufer die lästige Pflicht der Schacherei ab. Dieser Händler handelt mit sich selbst: „Was hab ich da reingeschrieben? Acht Euro? Ach, weißte, da machen wir sieben. Ach: sechsfünfzig. Ist das okay?“ Es ist auch sehr unordentlich in diesem Antiquariat. Da stolpert man leicht über Bücher, die man gar nicht gesucht hat, in die man aber trotzdem mal reingucken sollte. Ein Gebrauchtmöbelhändler auf der anderen Straßenseite hat mir mal gesagt:„Mensch, kauf dem doch mal paar Bücher ab, der ist so geschäftsuntüchtig, da läuft der Laden nicht so toll.“ Klar läuft der Laden nicht so toll, so ist das bei Buchantiquariaten. Aber dieser Händler hier guckt gar nicht so traurig. Der ist ein würdiger Polgar-Buch-Verkäufer.

Antiquariat am Kollwitz-Platz, Wörther Str. 31

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