Zeitung Heute : Politically incorrect: RTL wagt eine Kinderserie für Erwachsene

Gregor Wildermann

Wenn heute bei RTL ab 23 Uhr 15 zum ersten Mal vier kleine bunte Zeichentrickfiguren durch einen Ort namens "South Park" laufen, artig auf den Schulbus warten und die beschwingte Melodie der Band "Primus" zu unseren Ohren kommt, ist das für viele Zuschauer längst keine Überraschung mehr. Ganz im Gegenteil. Viele werden, von der Park-Hysterie angeheizt, gespannt vor dem Fernseher sitzen und nur darauf warten, dass die Hauptcharaktere Eric Cartman, Kyle Broslowski, Stan Marsh und Kenny McCormick sich lächerlich machen und allerlei Grunz- und Blähgeräusche von sich geben. Die 1995 von Matt Stone und Trey Parker, zwei anfänglich erfolglosen Filmschulstudenten, erfundene Zeichentrickserie ist trotz seiner bunten Farben und lieblichen Gestalten nur auf den ersten Blick eine Kinderserie aus USA.

Die einzelnen Folgen drehen sich um Themen wie Genforschung, Invasion von Außerirdischen, Sexualität in jeder Aus- oder Verformung, Konsumwahn und Rassenhass. Spätestens in der Folge, wo Cartman ganz sorgenfrei sich zu Halloween als Hitler verkleidet, wurde den Programmchefs und Sittenwächtern klar, dass diese Serie nach 23 Uhr gesendet werden muss. Neben der durchaus problematischen Übersetzungsarbeit, die RTL recht gut mit der Besetzung durch Stimmen von Ingolf Lück, Jutta Speidel, Wigald Boning, Heiner Lauterbach oder Jörg Reitbacher-Stuttmann (als Cartman) löste, ist jedoch nicht nur der späte Sendetermin dieser knapp halbstündigen Serie etwas Besonderes.

"South Park" ist wie der kürzlich in die Schlagzeilen gekommene US-Erfolgshorrorfilm "The Blair Witch Project" ein Undergroundphänomen, das in kürzester Zeit zur internationalen Marketing- und Meinungsschlacht wurde. Eingängige Sprüche wie "Kick the Baby" (was in der deutschen Übersetzung prompt zum "Babyfreistoß" mutiert) oder der sich in jeder Folge wiederholende Ausruf "Oh, my god, they killed Kenny!" eroberten in den USA den täglichen Sprachgebrauch und eigneten sich gleichzeitig für T-Shirts und sprechende Spardosen.

Im Mai diesen Jahres kam schließlich der Kinofilm "South Park - Bigger, Louder and Uncut" in die amerikanischen Kinos und 399 Flüche, 128 unanständige Gesten und 221 Gewaltszenen führten prompt zu einem R-Rating und Schnitten im Film, der allein schon mit dem Krieg gegen Kanada ein diskussionsfreudiges Thema als Grundlage hatte. Auch eine Sodomieszene zwischen Satan und Saddam Hussein rief selbst die kleinsten Lobbyistengruppen auf den Plan. Die christlich ausgerichtete Internetseite Crosstalk.Com beschrieb den Film als "das Abscheulichste, was die US-Filmwirtschaft je hervorgebracht hätte".

Als der Film nun auch in England in die Kinos kam, beschloss der Direktor einer gleichnamigen Schule in Reigate/Surrey, sein Gebäude in "The Orchards" (Die Obstgärten) umzubenennen. Ein Filmstarttermin für Deutschland steht bisher noch nicht fest. Hierzulande konnten Freunde der Serie nur in ausgewählten Fanshops die englischen Videos oder Stoffpuppen kaufen, zum Serienstart quillen jetzt selbst die kleinsten Kaufhäuser nun mit Fanartikeln über.

Für die jüngeren Fans der Serie ist die Münchner Videospielfirma Acclaim die letzte Hoffnung. Im für PC, N64 und PlayStation erschienenen Videospiel können sie vormittags noch das Kuhgeschoss abfeuern oder Truthähne jagen; die Serie auf RTL werden sie wohl nur im Bett erleben!

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