Zeitung Heute : Politik aus den Köpfen

Die iranische Nationalmannschaft will nichts zu den Entscheidungen und Äußerungen ihres Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad sagen. Den Sport müsse man von diesen Themen trennen, heißt es. Trainer Branko Ivankovic verweist auf die Fifa, die das genauso sieht. Unterdessen überrascht das Team Skeptiker mit Höflichkeit und Offenheit.

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Von Armin Lehmann

Klaus Segelbacher ist nicht leicht aus der Fassung zu bringen, er ist ein höflicher Mensch und ein liebevoller Gastgeber. Aber die Frage quält ihn. Es ist immer diese eine Frage, die Frage, wie die iranische Nationalmannschaft die Politik aus dem Kopf bekommt. Klaus Segelbacher ist durchaus eine Instanz, um diese Frage zu beantworten, er ist nämlich derjenige, der den Iran zur WM an den Bodensee holte, er hält engsten Kontakt zur Mannschaft, er kennt Trainer Branko Ivankovic fast so gut wie einen Freund. Und es ist ja auch nicht so, dass es eine unerhebliche oder profane Frage wäre. Draußen in der Welt der Politik streiten sie schließlich mit harten Bandagen um das iranische Atomprogramm, und viel schlimmer noch, Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad hat nicht nur öffentlich den Holocaust geleugnet, sondern sähe Israel am liebsten zerstört. Die Frage, ob Ahmadinedschad nach Deutschland zur WM reisen würde, verdrängte lange Zeit die Tatsache, dass auch ein paar Iraner zum Fußballspielen gekommen sind. Und das ärgert Segelbacher ungemein.

Er sitzt im leeren Zeppelinstadion von Friedrichshafen, und es schwillt ihm der Kamm. Seine Stimme überschlägt sich: „Sie ist nicht drin in den Köpfen“, schreit er. Die Politik existiere nicht in den Gehirnwinden der iranischen Nationalspieler. Und deswegen, fügt er hinzu, müsse auch niemand den Kopf frei bekommen.

Man muss Segelbachers Zorn verstehen, er ist ein Fußballverrückter, er arbeitete jahrelang im Alleingang dafür, dass das kleine Friedrichshafen eine Rolle bei der Weltmeisterschaft spielen darf. Erst haben sie ihn belächelt, dann bekamen die Stadtoberen es mit der Angst zu tun, und schließlich machten alle mit, bei dem Projekt, Gastgeber einer Nationalmannschaft zu sein. Dass es Iran wurde, damit haben die Friedrichshafener eher nicht gerechnet – obwohl die Mannschaft sich hier schon auf den Asiencup vorbereitet hatte –, und dass der Iran just zur WM auch die weltpolitische Debatte bestimmen würde, hatte sich schon gar niemand ausgemalt.

7000 Zuschauer beim Training

Segelbacher, groß wie eine Giraffe, einst ein brauchbarer Zweitligaspieler, hat die Politik auch aus diesen Gründen aus seinem Kopf verdrängt. Sie hilft weder ihm noch der Stadt und auch nicht einem Team, dem er doch sehr nahe steht, weil er es einmal in Teheran besuchen durfte. Trotzig sagt er: „Wir haben mit Iran sogar das große Los gezogen, wenn ich höre, wie arrogant sich manche Teams woanders benehmen.“ Das wiederum stimmt schon. Was hatte man nicht alles erwartet, als die politischen Dinge sich immer mehr zuspitzten und auch für Friedrichshafen die höchste Sicherheitsstufe ausgerufen wurde. Polizei, Soldaten, Terror. All das war in der örtlichen Presse breit diskutiert worden. Doch mit Ankunft der Iraner haben sich diese Gespenster vorerst wieder versteckt. Feierlich wurden die Karimis und Hashemians empfangen, Blumen wurden gestreut, warme Worte gesprochen, und vor dem Hotel im Vorort Schnetzenhausen postierte sich ein einsamer Polizeiwagen. Das erste öffentliche Training wurde von 7000 Menschen bestaunt, die spontane Autogrammstunde ließ nur die geheimen Sicherheitskräfte die Stirn runzeln, ebenso die Tatsache, dass das nächste, nicht öffentliche Training kurzerhand in ein öffentliches verwandelt wurde. Und mittendrin steht stets ein Mann, der so freundlich Auskunft gibt, als hätte er gerade das WM-Höflichkeitstraining der deutschen Gastgeber durchlaufen.

Herr Ivankovic, kann man wirklich Sport und Politik trennen?

Branko Ivankovic, 54, Nationaltrainer Irans, ein Mann mit klarem Blick und größtem diplomatischem Talent, sagt: „Haben Sie nicht gehört, dass selbst die Fifa sagt, man müsse das strikt trennen?“ Da hat er Recht, der Kroate, der einst, mitten im ersten Balkankrieg, Assistenztrainer der kroatischen Nationalmannschaft war und somit mit politisch heiklen Situationen bestens vertraut ist.

Herr Ivankovic, gibt es nicht Situationen, in denen es besser ist, Sport und Politik nicht als autonome Bereiche zu betrachten?

Antwort: „Jeder weiß, dass das Image des Iran zurzeit nicht gut ist in der Welt. Deshalb ist diese Weltmeisterschaft ganz besonders wichtig für das iranische Volk.“ Ivankovic würde kein direktes Wort verlieren über die politische Situation, er sagt stattdessen: „Die iranischen Menschen erwarten, dass wir in Deutschland zeigen, wer der Iran wirklich ist: historisch, kulturell, der Fußball ist ein Instrument dafür, das Image zu verbessern.“

Herr Ivankovic, was also kann der Fußball leisten für den Iran?

„Er kann den Menschen helfen, deshalb ist er so wichtig. Jeder im Iran guckt Fußball, die Jungen, die Alten, die Männer und die Frauen. Unsere Pflicht ist es, mit dem Fußball einen Beitrag zu leisten, damit das iranische Volk stolz sein kann.“

Vielleicht braucht es gar kein Atomprogramm dafür, vielleicht reicht ja der Einzug in die zweite Runde. Aber das darf man natürlich einem wie Mahmud Ahmadinedschad nicht sagen. Auch nicht die Spieler, und so schweigen die lieber, wenn es um die Politik geht, „sind ja auch sehr jung“, sagt Ivankovic, nur Routinier Ali Daei, einst beim FC Bayern und bei Hertha BSC unter Vertrag, verteidigte ausgerechnet das Fußballverbot für Frauen, das doch der Präsident aufheben wollte und dabei an den Religionsführern gescheitert war.

Ansonsten hört man Sätze wie diesen von Ali Karimi, Irans Fußballgott und Mittelfeldspieler des FC Bayern: „Wir freuen uns, bei einem solchen Turnier zu spielen, wir sind stolz, dabei zu sein.“ Die Berater hinter den Spielern können zwar erklären, warum die nicht deutlicher werden, aber auch die Berater wollen das öffentlich nicht tun. Hinter vorgehaltener Hand aber wird darauf hingewiesen, dass viele Iraner gerade in Deutschland nicht verstehen würden, warum ein ganzes Volk unter Generalverdacht stünde, nur weil der Präsident und die Mullahs, die ihn dirigieren, sich mit der ganzen Welt anlegen.

Am Sonntag um 18 Uhr wird sich nun zeigen, wie frei die Köpfe der iranischen Spieler wirklich sind. Ivankovic jedenfalls braucht diese Köpfe, denn er setzt auf „Geist und Herz“. Er will, dass seine Jungs Spaß haben, denn nur wenn sie das Turnier auch genießen können, würden sie an die Leistungsgrenze stoßen. Dann könnte das Motto Ali Karimis gelebt werden: „Du kannst alles erreichen, wenn du es willst.“ Ivankovic formuliert es so: „Jeder braucht einen Traum, und wir haben den Traum, in die zweite Runde einzuziehen. Und dann immer weiter.“ Am liebsten würde er die Rolle spielen, die Griechenland bei der EM 2004 an sich riss, die Rolle des heldenhaften Außenseiters.

Irans Präsident jedenfalls wird keinen Beitrag dazu leisten, dass die Iraner in ihrem Auftaktmatch gegen Mexiko versuchen werden, das zu tun, was ihr Trainer verlangt: „Die Favoritenrolle der Mexikaner zerstören.“

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