Zeitung Heute : Politik der Angst

Extremismus als Erbe oder wie die Mechanismen der McCarthy-Ära bis heute die politische Auseinandersetzung in den USA bestimmen

Haynes Johnson

Als ich 1957 als junger Reporter in die Hauptstadt der USA kam, war Joe McCarthy seit drei Monaten tot. Er war bereits zur Fußnote einer schwierigen Zeit degradiert worden. Man erwähnte ihn selten und wenn, dann gewöhnlich, um eine traurige Geschichte aus dem Niedergang seiner späten Jahre zu erzählen. Und doch war der Einfluss der McCarthy-Ära auf unsere Politik und auf die Art, wie die Amerikaner ihre Führer und ihre Regierung betrachten, tief greifend. Er ist noch heute zu spüren.

Von Joe McCarthy kann man sagen: Angst machte ihn möglich, Vetternwirtschaft war für seinen Aufstieg verantwortlich, und Politiker, Presse und Öffentlichkeit trugen die Schuld dafür, dass seinem Missbrauch kein Einhalt geboten wurde, der unzähligen Einzelpersonen Schaden zufügte und Schande über die USA brachte.Obwohl er enorme und weit reichende öffentliche Unterstützung besaß, hätte McCarthy ohne die Ermutigung seiner Partei einschließlich der führenden Republikaner im Senat niemals derartige Prominenz erlangt. Schon Jahre vor der McCarthy-Ära versuchten diese Führer auf zynische Weise, aus dem Gespenst des Kommunismus politisches Kapital zu schlagen. Das System McCarthy war ein Hauptgrund für den Aufstieg der Rechtsradikalen und die Polarisierung, die das Leben in Amerika zur Qual macht, indem Gruppen und Regionen gegeneinander ausgespielt, Zynismus und Misstrauen gesät und die öffentliche Meinung durch Angstmache und Verleumdungen manipuliert wird. Die so genannten Kulturkriege, die unseren öffentlichen Diskurs verpesten, haben wir ebenfalls McCarthy zu verdanken – wie auch die andauernde Dämonisierung der Liberalen, der nationalen Presse und anderer, deren Wertvorstellungen nicht denen „echter“, „patriotischer“, kirchentreuer Amerikaner entsprechen.

Was die Demokraten in der McCarthy-Ära betrifft, so hat auch von ihnen kaum einer einen Lorbeerkranz und ganz bestimmt keinen Orden für mutiges Auftreten verdient. Wie die Republikaner hatten auch sie Angst, McCarthy direkt anzugreifen, und ließen sich von kleinlichen politischen Erwägungen leiten. Sie glaubten, von McCarthys Exzessen profitieren zu können, indem sie darauf hinwiesen, dass er ein Problem der Republikaner sei – er gehörte zu denen, nicht zu uns. Dabei war er natürlich ein Problem aller Amerikaner.Die Demokratische Partei, die aus der McCarthy-Zeit hervorging, ist Vorwürfen gegenüber, sie sei zu schwach, was Verteidigung und die Bekämpfung der Kommunisten (früher) und des Terrorismus (heute) angeht, immer ängstlicher geworden. Und zu Recht. Über die Jahrzehnte sind die Demokraten immer wieder Ziel politischer Kampagnen gewesen, die dieselbe Taktik von Verleumdung und Verzerrung verwenden wie in der McCarthy-Ära, Kampagnen, die ihre Gegner mit Anklagen besudeln, sie seien un-amerikanisch, unpatriotisch oder, wie im Wahlkampf 2004, sie geben den Feinden Amerikas „Trost und Hilfe“. Aus dieser Art von Angriffen gingen während Nixons Präsidentschaft die Feindeslisten hervor, sie trieben einen Keil durch Amerika. Sie sind heute Standard, und die Nation hat einen hohen Preis dafür bezahlt.

Während des Vietnamkrieges heizten manche Kriegsgegner den öffentlichen Hass damit an, dass sie die amerikanische Flagge verbrannten, der nationalen Uniform mit Verachtung begegneten, Polizisten auf provozierende Weise als „Schweine“ bezeichneten, Gewalt rechtfertigten, den Autoritäten misstrauten und sich „radikaler“ politischer Aktion zuwandten. Damit demonstrierten sie, dass sie zu orthodoxem Dogmatismus nicht weniger fähig waren als ihre rechtsgerichteten Gegenstücke, die Joe McCarthy unterstützt hatten. Wie man im Wahlkampf 2004 auf beunruhigende Weise sehen konnte, existieren diese gesellschaftlichen Verwerfungen noch heute.

Extremismus – mit dem Misstrauen und dem Hass, den er hervorruft – könnte Joe McCarthys dauerhaftestes Vermächtnis sein. Kaum war McCarthy gestorben, da behaupteten Extremisten, er sei ermordet worden, „umgebracht“, „gefoltert“, „gekreuzigt“. Eisenhower, der Oberste Richter Earl Warren and CIA-Chef Allen Dulles wurden alle von der John Birch Society, einer nationalen Organisation, die im Jahr nach McCarthys Tod eingerichtet wurde, um die angeblich fortdauernde Infiltration von Kommunisten im amerikanischen Alltag zu bekämpfen, als Kommunisten gebrandmarkt. Die Gesellschaft wurde von wohlhabenden Konservativen unterstützt und wuchs von ihren ursprünglichen elf Mitgliedern schnell auf fast Hunderttausend an. Sie vertrat den Standpunkt, die Vereinigten Staaten müssten ebenso konspirativ denken wie die Kommunisten, um die Gefahr kommunistischer Unterwanderung zu bekämpfen.

In unserer Zeit beeinflussen die ewigen Verschwörungstheorien nach wie vor Politik und öffentliche Meinung in Amerika. Ein Beispiel dafür ist das Buch „Treason“ von Ann Coulter (veröffentlicht 2003), das McCarthy als den Helden seiner Zeit und Opfer von Angriffen aus dem liberalen Lager darstellt. Coulter ist der Meinung, dass Amerikas aktuelle Probleme in 50 Jahren liberalem Verrat auf Seiten der Demokraten wurzeln. Die Tatsache, dass ihr Buch ein nationaler Bestseller wurde, belegt die fortdauernde Tiefe des Verschwörungsdenkens im amerikanischen Alltag. Zu McCarthys Zeiten hinderte seine eigennützige Show die Öffentlichkeit daran, die Realität der kommunistischen Gefahr zu verstehen – intern wie extern. Liberale tendierten dazu, sie als Produkt einer rechtsgerichteten Mentalität abzutun, Konservative erklärten damit jegliches Versagen der USA. Diese Risse im amerikanischen Alltag verhärteten die ideologischen Fronten, schwächten die Mitte, wo Konsens möglich wäre, arbeiteten gegen ein echtes Zweiparteiensystem im nationalen Interesse und erschwerten eine sinnvolle öffentliche Diskussion komplexer heikler Themen. Sie tun es noch heute – mehr denn je.

Der Autor ist Journalist. Der Text stammt aus seinem Buch: The Age of Anxiety. McCarthyism to Terrorism.

Aus dem Englischen von Susanna Nieder

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