Zeitung Heute : Politik in kurzen Hosen

Der Tagesspiegel

Von Lorenz Maroldt

Echte Fußballfans sind immer ein bisschen verrückt. So wie der Kanzler und der Kanzlerkandidat. Das würde immerhin erklären, warum sie sich jetzt beide mehr oder weniger direkt als Auswechselspieler für Leo Kirch ins Gespräch gebracht haben. Wenn der Medienunternehmer für seine Fernsehrechte an der Bundesliga nicht mehr zahlen kann, so ihre Idee, dann stellen sie eben eine Bürgschaft bereit. Und das ist nun wirklich ganz schön verrückt.

Es geht um zweihundert Millionen Euro, die Leo Kirch der Deutschen Fußball-Liga im Mai und im August überweisen muss, aber wahrscheinlich nicht überweisen kann. Mit dem Geld bezahlen die Vereine der ersten und der zweiten Liga ihre teuren Angestellten, erstmal bis zum Ende des Fußball-, nein des Wahlkampfspiels. Der Abpfiff wird am 22. September um 18 Uhr erwartet. Dann ist die Bundestagswahl vorbei.

Aber wahrscheinlich sind Gerhard Schröder und Edmund Stoiber doch keine richtigen Fußballfans, sondern taktische. Sie bleiben auch als Fans noch Politiker. Stoiber hält zu Bayern München, weil das nicht falsch sein kann für einen Siegertypen. Schröder wiederum hat gleich drei Lieblingsvereine, die politisch gut passen. Dortmund (Arbeiter), Cottbus (Osten), Hannover (Heimat) – das macht zusammen ganz schön viel her, oder? Fehlt nur noch der SC Freiburg für den linken Parteiflügel.

Schröder und Stoiber sitzen offenbar zu oft auf der Ehrentribüne. Da bekommen sie nicht alles mit, und deshalb verstehen sie von Fußball nur die Hälfte. Das ist der wahre Grund für ihre Idee, der Bundesliga mal eben so 200 Millionen Euro aus der Staatskasse zu garantieren, wenn das Geld gebraucht wird. Sie halten die Bundesliga nämlich für wichtiger als die meisten anderen Menschen. Genau das ist Leo Kirch auch passiert, und vor allem daran ist er gescheitert. Die Politik überschätzt den Popularitätswert des Fußballs für ihre Zwecke, Kirch den Marktwert des Spiels.

Die Leute haben es dem Unternehmer nicht gedankt, dass er ihnen jedes Spiel nach Hause überträgt, weil ihnen der Dank ganz einfach zu teuer war. Sie wollen nicht so viel Geld für Fußball bezahlen, wie im Fußball ausgegeben wird. Das ist das Problem, das keine Bürgschaft aus der Welt schaffen kann. Die Leute finden, dass die Spieler viel zu viel Geld verdienen und dafür nicht gut genug spielen. Sie ärgern sich darüber, dass fast jeder Tag der Woche ein Spieltag ist, nur weil das Fernsehen es so will. Für all das steht Leo Kirch. Wer als Ersatz für ihn antreten will, muss es anders machen.

Leo Kirch hat den Fußball nicht erfunden, er hat ihn nur ein bisschen verdorben – und alle, die damit zu tun haben, gleich mit. Deshalb wird jetzt auch viel Unsinn geredet. Zum Beispiel: Die Liga wolle doch überhaupt keine Steuergelder, um sich ihre Millionäre weiter leisten zu können. Die Bürgschaft werde garantiert nicht gebraucht, wiegeln die Liga-Funktionäre ab. Aber wozu brauchen sie dann die Bürgschaft? Wenn diese Bürgschaft erstmal da ist, dann wird sie auch abgerufen, das ist so sicher wie der Klassenerhalt von Bayern München.

Und weiter: Ein schuldhaftes Verhalten der Vereine liege nicht vor, sagen die Vereine. Wirklich nicht? Sie haben im Geldrausch verdrängt, was jeder schon lange sehen konnte: Kirchs Konzept geht nicht auf. Doch die Vereine trieben immer weiter die Preise für neue Spieler hoch und verbrannten ihr Geld. Wenn sie jetzt statt von Kirch ihr Geld vom Kanzler bekommen – warum sollten sie daran irgend etwas ändern? Noch eins: Die Bürgschaft sei gerechtfertigt wegen des öffentlichen und gesamtwirtschaftlichen Interesses an der Bundesliga, sagt die Politik. Aber da ist ja überhaupt nichts gefährdet – außer den Spielergehältern. Nur, werden ohne Kirch und Kanzler nicht ausgerechnet die sympathischen kleinen Vereine als erste sterben? Ach nein, das werden die großen, reichen Klubs schon zu verhindern wissen. Sie brauchen die Kleinen doch noch. Gegen wen sollen sie sonst gewinnen?

Fußball wird weiter gespielt, auch ohne Kirch, Schröder und Stoiber. Ein bisschen anders. Wirtschaftlich gesünder. Aber sportlich so schrecklich–schön wie immer.

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