POLITTHRILLER„Carlos – Der Schakal“ : Söldner des Kalten Krieges

Foto: NFP/Warner
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Der Mann ist ein Phantom, ein Mythos, der meistgesuchte Top-Terrorist seiner Zeit. Ilich Ramírez Sánchez alias Carlos: ein kalter Krieger mit dem Sexappeal eines Che Guevara, ein Anschlags-Manager und Auftragskiller, der weniger für eine Idee mordete als für Geld. Zunächst arbeitete der Venezolaner für die Palästinenser, dann im Auftrag von Syrien, Irak oder den Geheimdiensten Osteuropas. Auf sein Konto geht der Überfall auf das Opec-Hauptquartier in Wien 1975, wahrscheinlich auch der Anschlag auf das Berliner Maison de France. An diesem Global Player der Gewalt, sagt Olivier Assayas, kann man die Geopolitik des Kalten Kriegs erklären.

Der französische Regisseur hat einen Fünfeinhalbstundenfilm über Carlos gedreht (der außerdem in einer etwas verstolperten Dreistundenfassung ins Kino kommt): eine deutsch-französische Koproduktion, 100 Drehtage, 120 Darsteller, zehn Länder und ebenso viele Sprachen. Eine nie langatmige, aber auch nie überhitzte Tour de Force durch 20 Jahre Zeitgeschichte, von Carlos’ ersten Attentaten in London und Paris bis zur Auslieferung aus Sudan nach Frankreich, wo er seit 1994 im Gefängnis sitzt. Ein Film ohne internationale Stars: Ein bekanntes Gesicht für den großen Unbekannten, das hätte nicht funktioniert, sagt Assayas. So spielt Édgar Ramírez die Titelrolle; wie Carlos stammt er aus Caracas und bringt die Aura des narzisstischen, unberechenbaren, zerstörerischen Charakters mit viriler Körperlichkeit auf die Leinwand. Die Gewalt ist jeweils ein Schock, ein rüder Ausbruch – und Carlos’ Niedergang nach dem Fall der Mauer zermürbend, hässlich, ein Elend. Assayas ästhetisiert es nicht.

Anders als „Der Baader-Meinhof-Komplex“ begnügt sich „Carlos – Der Schakal“ nicht mit einer actiongeladenen Chronik der Ereignisse, sondern will die komplexen Strukturen der Militanz begreifen: Terror als Werkzeug von Regimen, als Gewalt, die von Staaten ausgeht. Deshalb nimmt der Film sich Zeit, weniger für Psychologisches als für die Deals, die Carlos auf Flughäfen, in Ost-Berliner Hotellobbys oder Camps in Nahost aushandelt. Zum deutschen Cast gehören Nora von Waldstätten, Julia Hummer, Katharina Schüttler, Alexander Scheer. Einzige Schwäche des Films: Assayas’ stereotype Inszenierung der Frauen als dauerschreiende Fanatikerinnen oder lasziv sich unterwerfende Schöne. Sehenswertes Epos über einen TopTerroristen des 20. Jahrhunderts. Christiane Peitz

F/D 2010, 330 bzw. 190 Min., R: Olivier Assayas, D: Édgar Ramírez, Nora von Waldstätten, Alexander Scheer, Christoph Bach, Julia Hummer

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