Zeitung Heute : Polizeifreies Kreuzberg bleibt Theorie

Der Tagesspiegel

Von Christoph Villinger

Die Idee eines polizeifreien Kreuzberg am 1. Mai ist endgültig vom Tisch. Nach der Ablehnung seines Lösungsvorschlags durch Innensenator Ehrhart Körting (SPD) will das Personenbündnis „Denk Mai neu“ um den FU-Professor Peter Grottian heute sein weiteres Vorgehen bekanntgeben. Durch ein polizeifreies Kreuzberg und ein großes Straßenfest hatte das Bündnis die bekannten Krawalle zwischen Polizei und Autonomen verhindern wollen. Für die Sprecherin des Personenbündnisses, Katja Grote, gibt es jetzt „für Gespräche mit der Polizei über unser Konzept keine Grundlage mehr“. Aber Grottian möchte sich andererseits auch „nicht einfach vom Acker machen“. Genaueres wollte er gestern noch nicht sagen. Beobachter gehen davon aus, dass sich das Personenbündnis nun am Fest auf dem Mariannenplatz beteiligen sowie auf den beiden „Revolutionären 1.-Mai-Demonstrationen“ ein Konzept des „Bürger beobachten die Polizei“ verfolgen wird.

Das alljährlich von den Bezirksorganisationen von PDS und Bündnis 90/Grüne veranstaltete „Familienfest“ auf dem Mariannenplatz soll auf jeden Fall am Nachmittag des 1. Mai stattfinden. Auch die beiden „Revolutionären 1.-Mai-Demos“ um 13 und 18 Uhr sind weiterhin angemeldet.

Die Idee eines polizeifreien Kreuzberg am 1. Mai ist auch bei vielen Kreuzbergern umstritten. „Man sollte es ausprobieren“, meint die inzwischen zur Inhaberin eines kleinen Frauenhotels gewordene ehemalige Hausbesetzerin Silvia Colitti (41). Sie ist überzeugt, dass „ohne den Reiz der Anwesenheit der Polizei nichts passiert“. Auch für Colittis dreizehnjährigen Sohn Leonardo „gehören zum Streiten immer zwei“. Keine Angst vor einem polizeifreien Kreuzberg hat die 35-jährige Ärztin Kerstin S.: „Von den Autonomen habe ich noch nie etwas auf den Kopf gekriegt, aber von der Polizei. Und die Sachschäden wurden doch immer mit den Versicherungen geregelt.“ Noch gut kann sie sich an die Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit durch die Polizei im letzten Jahr erinnern.

Der aus Westafrika eingewanderte Besitzer der Bar „Sunugaal“ in der Oranienstraße, Usa Wade (32), freut sich auf ein großes Fest. Die Leute sollten auch am ersten Mai zeigen dürfen, dass sie „wegen der hohen Arbeitslosigkeit sauer sind – nur eben friedlich.“

Sehr viel kritischer ist die seit Jahren in Kreuzberg wohnende Schauspielerin Sabine Sch. (39) gegenüber dem Vorschlag des Personenbündnisses. „Ich finde es gut, einen gewaltfreien 1. Mai anzustreben, aber nicht mit dieser Anbiederungspolitik gegenüber der Polizei.“ Grottian spiele die existierenden politischen Ansprüche des 1. Mai herunter, um anschließend den angeblich freien Raum mit den Inhalten von Grünen und PDS zu besetzen. „Mit den ganzen Parteien will ich nichts zu tun haben“.

„Wirklich unpolitisch sind doch die Bratwürste der Gewerkschaften“, findet der in einem ehemaligen besetzten Haus lebende und seit Jahren arbeitslose Architekt Bertold H. (40). Für ihn ist die Frage des Grottian-Bündnisses falsch gestellt. „Wer sich zentral fragt, wie man Krawalle verhindern und die Autonomen im Schach halten kann, kann nur scheitern. Mit so einem Ansatz kommt es auf jeden Fall zur Straßenschlacht“. Weiter fragt er, „warum ausgerechnet die Autonomen nun gewaltfrei sein sollen, nachdem die Grünen gerade letzte Woche den Grundsatz der Gewaltfreiheit aus ihrem Programm gestrichen haben.“ Trotzdem ist er der Meinung, dass Grottians Konzept sehr wohl funktionieren könne. Er befürchtet aber, dass „die Polizei, um das politische Anliegen kaputt zu machen, irgendeinen Anlass findet, dass Fest auf dem Mariannenplatz vorzeitig aufzulösen und die Demonstration anzugreifen“.

Für „völlig naiv“ hält der in einem Krankenhaus arbeitende und sich „zu den Altautonomen“ zählende „Dirk“ den Vorschlag von Grottian. „Wenn keine Polizei da ist, werden die Ersten schon um zwei Uhr versuchen, die Supermärkte aufzumachen.“ Dann müsse das Personenbündnis „Hilfssheriff“ spielen und gerate zwischen die Fronten. „Gerade hat der Senat doch beschlossen, 250 Millionen Euro bei den Sozialhilfeempfängern zu sparen. Da gibt es doch jede Menge berechtigte Wut“, so der 35-Jährige. Für ihn gehören die Krawalle am 1. Mai, wie die Love Parade, „ in jeden Berliner Kulturkalender“.

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