Zeitung Heute : Polka tanzen

Wie ein Partygänger Berlin erleben kann

Christine Lang

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Bereits im Juni haben wir Ihnen an dieser Stelle den Bucovina Club ans Herz gelegt. Falls Sie die Party jedoch verpasst haben (weil sie lieber baden gegangen sind), sollten Sie das jetzt unbedingt nachholen! Wer im Berliner Nachtleben schon länger vergeblich nach exzessiven Tanzpartys und kollektiven Ekstasezuständen gesucht hat, hier findet er den Vibe vergangener Technozeiten – garantiert.

Der Bucovina Club ist das Kind der Frankfurter DJs und Produzenten Stefan Hantel, alias Shantel. Deutschlandweit bekannt wurde er als Produzent mit seinem auf dem Label K7 veröffentlichten Album „Greatdelay“ und als Partyveranstalter, als er Mitte der 90er als einer der ersten Kruder & Dorfmeister nach Deutschland holte.

Kürzlich überraschte der alt eingesessene Elektroniker dann mit dem Bucovina Club Album, einer Kompilation von Musik aus Osteuropa und dem Balkan. Seit über einem Jahr feiert die anspruchsvolle Frankfurter Clubszene im Foyer des renommierten Schauspiel Frankfurt zum Bucovina-Sound. DJ Shantel hat nicht nur einen Club in einem Ort der Hochkultur etabliert, sondern er hat mit einer neuen Idee frischen Wind in eine festgefahrene Clubkultur gebracht. Jetzt tourt er durch Deutschlands Metropolen und bringt den Bucovina Club nach Berlin, auch hier in einen Ort, in dem sich Kulturen begegnen: Im Tränenpalast talkt dienstags Sandra Maischberger, und am Wochenende wird getanzt.

Eigentlich gründet der Bucovina Club auf einem Zufall: Wie in einem ausführlichen Interview von Max Dax mit Shantel im „alert“-Magazin geschildert wird, fiel bei einer Party in Paris ein Mädchen auf den Plattenspieler, die Nadel sprang von der Platte, und im Club herrschte plötzlich Stille. Um die Situation zu retten, drückte Shantel auf den Knopf des CD-Spielers, in dem für später ein rumänisches Polkastück lag. Das durchgestylte Publikum fuhr sofort darauf ab. Vielleicht ist die Geschichte aber auch eine Legende, hatte er schon länger die Idee, Musik aus dem Balkan in die westeuropäischen Clubs zu bringen. Shantel ist zwar in Deutschland geboren, aber seine familiären Wurzeln liegen in Rumänien.

Was er im Bucovina Club macht, ist keine folkloristische Heimatkunde, sondern eine Überführung von Elementen in die elektronische Clubmusik. Und diese Musik scheint einen Nerv der Clubber zu treffen. Zum einen gelingt ihm damit ein postmoderner Mix, wie ihn die Clubszene gerade verlangt – denn auch der in Clubs erfolgreiche Elektroclash ist ja eine Wiederbelebung des 80er-Jahre-Sounds im Gewand moderner elektronischer Clubmusik. Andererseits deutet der Erfolg des Bucovina Sounds auf eine gewisse Übersättigung an elektronischer Musik. In der seelenvollen Zigeunermusik findet die hedonistisch abgeklärte Generation vermutlich verloren geglaubte Emotionen. Und schließlich trifft der Bucovina Club auf ein seit dem Mauerfall entstandenes Interesse an Osteuropa. Nicht umsonst ist Shantel auf Einladung der seit Jahren erfolgreichen Russendisko hier. Also essen Sie gut, damit Sie jede Menge Wodka vertragen, der gehört dazu!

Freitag, 19.09., ab 23 Uhr: Russendisko meets Bucovina Club, feat. DJs Kaminer, Gurzhy & Shantel im Tränenpalast, Reichstagsufer 17.

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