Zeitung Heute : Polnischer Graf und preußischer Diplomat

Wo heute der Reichstag steht, zeigte der Kunstmäzen Athanasius von Raczynski seine bedeutende Gemäldesammlung

Waltraud Hennig-Krebs

Zum Sightseeing-Programm eines jeden Touristen gehört der Besuch des Reichstagsgebäudes mit seiner imposanten Kuppel. Die Baugeschichte ist den meisten Besuchern bekannt. Doch kaum jemand weiß, dass auf dem Grundstück bis 1883 das Palais des polnischen Grafen, preußischen Diplomaten und Kunstmäzens Athanasius von Raczynski stand. Es beherbergte eine Galerie mit einer der glänzendsten privaten Kunstsammlungen, die im 19. Jahrhundert entstanden sind.

Raczynski, geboren am 2. Mai 1788 in Posen, entstammte einer Familie, die zum alten Adel Großpolens gehörte und genoss, gemeinsam mit seinem Bruder Edward, die für diese Kreise übliche prinzliche Erziehung auf dem Familiengut Rogalin. 1806/1807 beteiligten sich die Brüder an den Feldzügen Napoleons, wofür sie mit dem höchsten polnischen Militärorden ausgezeichnet wurden.

Edward ließ sich nach dem Krieg auf dem Familiengut Rogalin nieder und betätigte sich schon frühzeitig als Mäzen. Er stiftete in Posen eine Bibliothek, außerdem eine Kapelle im Posener Dom, gab im Selbstverlag rund 200 Bände mit „Leuchttürmen“ der polnischen Literatur heraus und engagierte sich in den Bereichen Bildung, Landwirtschaft und Industrie. Aber er setzte sich auch für die Verteidigung der polnischen nationalen Tradition und Sprache unter preußischer Herrschaft ein.

Athanasius dagegen zog es in den diplomatischen Dienst, zuerst an die Gesandtschaft des Königs von Sachsen in Paris, dann als Kammerherr seines Königs in Dresden. Nach Polen heimgekehrt, vermählte er sich 1816 mit Prinzessin Anna Radziwill. Der Ehe entstammen drei Kinder. Nach dem Aufbau eines eigenen Majorats im Großherzogtum Posen, das nun zu Preußen gehörte, war er in den Jahren 1830 bis 1834 preußischer Geschäftsträger in Kopenhagen, später ging er als Gesandter nach Lissabon und Madrid. 1826 entschied er sich, in Berlin sesshaft zu werden. Zunächst kaufte er 1830 ein Palais Unter den Linden, das nach Plänen Schinkels vier Jahre lang umgebaut wurde. 1834 eröffnete er dort bereits eine Galerie mit vom ihm gesammelten Bildern. Das Palais am damaligen Königsplatz 2, wo heute das Reichstagsgebäude steht, wurde von 1842 bis 1844 erbaut. Zeitgleich richtete er im Palast von Gaj Maly in Großpolen eine Galerie ein, in der er Familienporträts präsentierte.

Athanasius Raczynski war reich und unabhängig. Wo er sich niederließ, machte er seine Residenzen zu Schatzkammern der Künste. Schon in seiner Jugend und während seines Studiums in Dresden hatte er begonnen, Gemälde zu sammeln. Durch seine diplomatische Karriere und die zahlreichen Privataufenthalte in den europäischen Metropolen gelang es ihm, zahlreiche und wichtige Kunstwerke zu erwerben. Es war vor allem die alte Kunst, insbesondere die italienische Malerei, die ihn interessierte. Glanzstück dürfte das 1824 in Paris erstandene Gemälde von Sandro Botticelli „Madonna mit dem Kind und singenden Engeln“ sein. Aber auch andere Gemälde alter Schulen erwarb der leidenschaftliche Sammler, etwa in den 1850er Jahren hervorragende Werke der spanischen Malerei, beispielsweise Juan Careno de Mirandas „Auferstehung“ und auch Francisco de Zurbaráns „Von den Kartäusern angebetete Rosenkranzmadonna“. Der Schwerpunkt auf der italienischen Malerei, der Epoche Raffaels und Michelangelos ergab sich, schreibt Wojciech Suchocki in dem Begleitbuch zur Ausstellung „My, berlinczycy! Wir Berliner“, aus Raczynskis „Geschmack und seinen Ansichten über die Kunst“, wonach unter anderem „der in der Antike erreichten Perfektion der Bildhauerei und der Malerei insbesondere im Schaffen Michelangelos und Raffaels in der Gegenwart eine neue Renaissance erfolge, insbesondere durch die Nazarener oder die Düsseldorfer Schule, während bei den Gattungen die stilvolle Historienmalerei und die religiöse Kunst an der Spitze stünden“.

Diese Ansicht war wohl auch entscheidend für die Auswahl der Bilder, die er auf dem Gebiet der zeitgenössischen Kunst traf, der er sich immer mehr zuwandte, so dass sie letztlich in seiner Sammlung das Übergewicht gewann. Denn in der seit 1847 öffentlich zugänglichen Galerie im Palais am Königsplatz zeigte er 92 Werke zeitgenössischer Künstler und 64 Gemälde alter Meister.

Fast die Hälfte der Sammlung der zeitgenössischen Kunst, schreibt Suchocki, bestand aus Werken, die auf Raczynskis Bestellung hin entstanden waren. Denn schon früh hatte er Kontakte zu zeitgenössischen Künstlern geknüpft. Er war der Auffassung, es sei besser, gute zeitgenössische als schwache alte Bilder zu kaufen. Hinzu kam, dass er bei den Auftragsarbeiten Einfluss auf die Form nehmen konnte. So bestellte er bereits 1820 bei den Brüdern Riepenhausen „Raffaels Traum“. Doch am bekanntesten und für ihn am wichtigsten waren Johann Friedrich Overbecks „Verlobung der Jungfrau Maria“ sowie Wilhelm Kaulbachs Gemälde „Hunnenschlacht.“

Wichtigster Teil des Palais war die Galerie. Die Privatwohnung rückte in den Hintergrund. Denn die Gestaltung der Ausstellungsräume sollte nicht wissenschaftlichen Zielen untergeordnet sein, sondern vielmehr erzieherisch und geschmacksbildend wirken. Sie wurde in einem Atemzug mit der 1853 eröffneten Neuen Pinakothek in München genannt, aber auch mit der Berliner Sammlung Wilhelm Wagners.

Welche Wertschätzung Raczynski entgegengebracht wurde, zeigt das von Kaulbach für die Fassade der Pinakothek entworfene Gemälde, das zeitgenössische deutsche Maler und als einzigen Kunstkenner und Kritiker Athanasius Raczynski zeigt. Der gute Geschmack sollte sich dem schlechten entgegenstellen, insbesondere aber umstürzlerischen gesellschaftlichen und politischen Ideen, heißt es bei Wojciech Suchocki. Der Graf war der Meinung, dass es „die Aufgabe der Kunst ist, Ideen zu verbreiten, die im Geiste die sittlich-christlichen Normen bilden. Ein wahrhaft großer Künstler sollte in direkter Verbindung zum Herrscher wirken, der seine schöpferische Freiheit nicht beschneidet und ihm Aufgaben anvertraut, die vom allgemein kulturellen oder gesellschaftlich-politischen Standpunkt aus wichtig sind …“ Auch in Bezug auf Preußen gab Raczynski konkrete Hinweise. Er stellte das Wirken von König Ludwig I. in München als vorbildlich dar und empfahl nicht nur, welche örtlichen Künstler zu unterstützen, sondern auch, welche nach Berlin zu holen seien.

Doch neben seinem Mäzenatentum betätigte sich Raczynski schriftstellerisch. Er veröffentlichte drei Bände seiner „Histoire de l’art moderne en Allemagne“, die zunächst in Paris veröffentlicht wurden, dann, von Friedrich Heinrich von der Hagen übersetzt, in Berlin auf Deutsch erschienen. Es folgten weitere Bücher, die sich mit der Malerei beschäftigten. Allein vom Katalog der „Raczynski Bilder-Sammlung“ kamen 14 Auflagen heraus, die 15. erschien 1876 posthum. Das Werk über die deutsche Kunst erlaubt es, Raczynskis Ansichten genauer zu bestimmen, schreibt Suchocki, aber auch die Ziele als Sammler und Mäzen, die ganz besonders durch seinen Platz in der Geschichte Berlins bestimmt wird und auf die sein „Museum als Tempel des Geschmacks“ zugeschnitten war.

1871 hatten die preußischen Behörden entschieden, die Galerie zu schließen. Der Sohn verkaufte das Grundstück – der Vater war 1874 verstorben – an den Staat. 1883 wurde das Gebäude abgerissen anschließend begann Wallot mit dem Bau des Sitzes für den Reichstag. Die Gemäldesammlung wurde, wie vertraglich vereinbart, für 20 Jahre in der Nationalgalerie untergebracht und anschließend 1903 dem damaligen Kaiser-Friedrich-Museum in Posen übergeben. Dort bildete die Sammlung den Grundstock für das heutige Nationalmuseum Posznan. Seine letzte Ruhestätte fand der Kunstmäzen auf dem Friedhof der Berliner St.-Hedwigs-Kathedrale. Das Grab wurde im Jahr 2004 wiederhergestellt.

In der Geschichte Polens, insbesondere Großpolens, nahm die Familie Raczynski einen hervorragenden Rang ein. Die Frau von Athanasius Bruder Edward bezeichnete sie als „Posener Medici“, was den Umfang und die Qualität ihres Mäzenatentums beschreibt.

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