Zeitung Heute : Pommes und Promille

REIMZEIT „Heimat, Fußball, Rockmusik“: Frank Goosen liest Geschichten aus dem Ruhrpott.

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Dem Klischee nach ernähren wir uns im Ruhrgebiet ja fast ausschließlich von Currywurstpommesmayo. Das gehört praktisch zu unserer kulturellen Identität. Bei mir fing es damit an, dass bei uns gegenüber die Bäckerei Schmidtmeier dichtmachte und der „Akropolis Grill“ einzog. Mein Vater stand Neuerungen eher skeptisch gegenüber: „Watt solln wir mit dem scheiß Sirtaki-Fraß!“ Meine Mutter aber war kulinarisch etwas aufgeschlossener, drückte meinem Vater eines Abends zwanzig Mark in die Hand und sagte: „Mann, geh hinaus ins feindliche Leben, jagen und sammeln!“ Mein Vater überquerte die Straße und kam lange nicht zurück.

Eine halbe Stunde verging, eine ganze, anderthalb Stunden. Nach mehr als zwei Stunden tauchte er wieder auf – voll wie ein Eimer. Und bekehrt: „Die sind voll in Ordnung, da drüben!“, meinte er mit schwerer Zunge. „Kaum war ich drin, hatte ich sonn Pinnchen mit Lakritz-Wasser vor mir stehen!“

„Und was ist mit dem Essen?“, wollte meine Mutter wissen.

„Naja, nur das erste Pinnchen war umsonst!“

Jahre später hat eine andere Pommesbude ganz in der Nähe vor allem mein Bild vom Pommes-Personal geprägt. Wenn man jemandem etwas abkauft, hat man doch gerne das Gefühl, der Verkäufer, die Verkäuferin vertraut diesem Produkt auch privat. Ein Mercedes-Händler, der privat Opel fährt – das weckt Misstrauen. Steht man vor einem spillerigen Männeken von knapp eins fünfzig, ist man geneigt zu sagen: Bei dir kaufe ich Drogen, aber keine Pommes!

Sehr viel mehr Vertrauen erweckte die Servicekraft von Hölschers Imbiss an der Bochumer Gussstahlstraße, gleich „anne Gurke“, dem Rotlichtbezirk. Wie schon erwähnt, bewohnte ich ab dem achtzehnten Lebensjahr ein winziges Appartement im gleichen Haus wie meine elterliche Wohnung, und diese Freiheit nutzte ich, um, zunächst nur an den Wochenenden, dann auch an den Tagen dazwischen, streng wissenschaftliche Versuchsreihen anzustellen. Ich testete die Auswirkungen diverser alkoholischer Getränke auf den männlichen Körper. Dummerweise vergaß ich ständig die Ergebnisse und musste wieder von vorn anfangen. Eines aber wurde deutlich: Befindet sich der männliche Körper in einem Zustand alkoholischer Zuspitzung, also jenseits von 1,5 Promille, morgens gegen vier, halb fünf, tut er nicht das Gesündeste und geht an Ort und Stelle für sechzehn Stunden in den Ruhestand über, sondern in seinem Gehirn meldet sich eine Stimme, die ihm suggestiv einhämmert: „Du brauchst noch ne Currywurst! Du brauchst noch ne Currywurst! Du brauchst noch ne Currywurst!“

Wühlmäuse,

6.3., 20 Uhr

Der kabarettgeneigten Öffentlichkeit wurde Frank Goosen als Mitglied des Duos „Tresenlesen“ bekannt; er war die trefflich coole Ergänzung des cholerischen Kollegen Jochen Malmsheimer. Diese gelassene Grundhaltung befähigte ihn auch nach der Auflösung der erfolgreichen Bühnenpartner- schaft im Jahr 2000, seine Beobachtungen ruhrpöttischen Treibens trockenhumorig niederzuschreiben. Zugleich mit vollem Herzen mittendrin, schildert der 46-jährige Bochumer in etlichen Buchveröffentlichungen den Alltag entlang der A40, wo einem, wie der Autor versichert, die gut gelaunte Grußformel „Jupp, altes Arschloch“ begegnen kann. Weil er die Bühne nicht missen mag und nach wie vor wenig geneigt ist, Texte auswendig zu lernen, ist Goosen mal wieder auf Tour, um uns Geschichten über „Heimat, Fußball, Rockmusik“ vorzulesen. Im so über- schriebenen aktuellen Programm schöpft er vor allem aus seinen letzten Werken, dem fußballverrückten „Weil Samstag ist“ (Heyne) und dem leicht sentimentalen, gleichwohl liebenswerten Roman „Sommerfest“ (Kiepenheuer & Witsch). Das nebenstehende Lesepröbchen aber stammt aus dem Erzählband „Radio Heimat“ (Heyne): Volksnah im besten Sinne und mit einem Pinnchen politisch unkorrekter Nostalgie in Sachen Ernährung und Alkoholmissbrauch. eNTe

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