Zeitung Heute : Pool Fremde an meinem

Barbara Sukowa war da und Götz George auch. Diese Berliner Villa ist eine begehrte Kulisse. Der Hausherr verdient daran – und verachtet Filme.

Haus für Staatsanwälte: Götz George löst in „Nacht ohne Morgen“ seinen letzten Fall auf diesem Anwesen (o.). Fotos: Georg Moritz (3), WDR/Erik L. Steingroever (3)
Haus für Staatsanwälte: Götz George löst in „Nacht ohne Morgen“ seinen letzten Fall auf diesem Anwesen (o.). Fotos: Georg Moritz...

Herr W. findet, dass Senta Berger aussieht wie eine Putzfrau. Er weiß nicht mehr, wann er das festgestellt hat, in welchem Film sie sich in seinem Marmorbad die Haare kämmte und ihm bei den Dreharbeiten im Flur begegnete. Er weiß auch nicht genau, wann Götz George in seinem Arbeitszimmer grübelte oder warum kalifornische Zuchthunde in seinen Pool sprangen.

Herr W. interessiert sich nicht für Filme, Herr W. mag Musik. Aber seit beinahe 20 Jahren sind sein Eingangstor, seine Gemälde, sein Swimmingpool in Filmen zu sehen. In der Werbung, in Serien, in großen Spielfilmen. „Tatort“, „Der letzte Zeuge“, „Nacht ohne Morgen“ spielten bei Herrn W. daheim. Seit dieser Woche nimmt das ZDF seine neue Serie „Die letzte Spur“ in seinem Wohnzimmer auf. Kulissenbauer Jost Brand-Hübner hält die Villa für eine der meistverfilmten Berlins. „Dort wurde wirklich alles gedreht“, sagt er.

Zwei bis drei Mal im Jahr fällt eine Horde bei Herrn W. ein, manchmal sind es 40 Menschen, oft bleiben sie viele Tage. Sie kommen und filmen, dann verschwinden sie wieder.

Herr W., 69, sitzt in seinem Sessel aus Mohair-Velours, hinter ihm sein Flügel, auf dem er manchmal Konzerte vor Freunden gibt, und er erzählt, wie sich das anfühlt. Die Menschen, die beim Film arbeiten, nennt er „diese Leute“. Herr W. ist Anwalt und will nicht, dass seine Mandanten denken, er hätte mehr mit „diesen Leuten“ zu tun. Deshalb darf sein Name nicht in der Zeitung stehen.

Vor 20 Jahren hörte er von einem Nachbarn, dass ein paar Tage mit diesen Leuten im Haus eine Menge Geld einbrächten. Eine Monatsmiete pro Drehtag, heißt es in der Filmbranche. Bei Herrn W. sind das in manchen Fällen 3000 Euro am Tag. Er hat 1800 Quadratmeter Haus und Garten, einen Pool draußen, der gereinigt werden muss. Das alles frisst viel Geld. „Das Haus könnte eigentlich einen Beitrag zu seinem eigenen Unterhalt leisten“, sagte er sich damals. Der Nachbar gab Herrn W.s Wunsch weiter, und eines Tages klingelten zwei junge Frauen vom Film an seiner Tür. Seitdem teilt Herr W. sein Haus mit der Welt.

Wenn sie einem Richter, einem Staatsanwalt oder einem Unternehmer ein Zuhause geben wollen, dann rufen Produktionsfirmen bei ihm an. „Ein Asozialer könnte hier nicht glaubhaft wohnen“, vermutet Herr W.

Auch Christian Meineke hat Herrn W.s Villa in seinem Archiv. Meineke, 35, ist Location Scout beim Berliner Motivbüro, er sucht Drehorte. In diesen Tagen fährt er dazu durch Schleswig-Holstein, hält Ausschau nach einem efeuberankten Haus, mit einem alten Baum davor – ein Haus für einen alten Bauern – und einem Hof mit großen Fenstern und offener Küche – dort soll ein junger Bauer wohnen. Meineke erstellt Datenbanken, 4000 Motive hat er in den letzten Jahren gesammelt. Er telefoniert mit dem Denkmalschutzamt, Pressestellen von Kommunen und Touristeninformationszentren, erkundet Gegenden auf Google Earth, blättert in Bildbänden. Kürzlich suchte er Londoner Straßen mit uniformen Häusern aus Backstein und kleinen Gartenzäunen in Deutschland. Er fand sie in Aachen und Bayreuth.

„Ein perfektes Filmhaus macht eine klare Aussage“, sagt Meineke. Herr W.s Villa sagt etwas über gehobene Bürgerlichkeit aus: 1961 erbaut, große Fenster zu einem Garten voller Steinskulpturen, eine Doppelgarage mit Holzintarsien, das Eingangstor, gesäumt von zwei lindgrünen Laternen, stilisierten Harfen. Wenn die Schauspieler in einer Szene auf die Straße laufen müssen, dann sieht der Zuschauer hohe Bäume, alte Jugendstilvillen. Er befindet sich im Süden von Berlin, in einer Straße, in der Polizisten die Häuser bewachen, weil Botschafter darin wohnen.

Diese Woche kommen sie wieder, diese Leute vom Film. Sie parken ihre weißen Lieferwagen vor den Nachbarhäusern. Den fürs Catering, den mit der Toilette, den für die Kabel, den für die Möbel. Die Wagen, in denen Senta Berger hergerichtet wird, damit sie im Film nicht aussieht wie eine Putzfrau. Die lauten Generatoren der Filmcrews nerven die Nachbarn, die Autos blockieren die Einfahrten. Herrn W. ist das egal.

Das Filmteam kommt morgens um sieben und rollt Herrn W.s Perserteppiche zusammen, packt seine Beethoven-Büste ein, nimmt seine Samtvorhänge ab, hüllt seine moderne Kunst in Tücher und lagert sie in der Garage. „Man muss ihnen lassen, dass sie sich tipptopp benehmen“, sagt Herr W. Er schaut dabei, als würde er ihnen gern etwas vorwerfen. Doch sie hätten Turnschuhe an, den dunklen Holzboden würden sie mit Matten auslegen, den Rasen schonen. „Wenn meine fünf Neffen zu Besuch waren, sieht es schlimmer aus“, sagt er. Immer wieder trifft Herr W. auf Möbelpacker, die schon wissen, wo der Garagenschlüssel liegt und welche Kunstwerke für den Dreh an der Wand bleiben dürfen, so oft waren sie schon dabei.

Herrn W.s Möbel kommen nicht vor in den Filmen. Die Crews bringen ihre eigenen mit. „Scheußlichkeiten“, sagt Herr W. Nur das Selbstbildnis des Berliner Künstlers Rainer Fetting, ein großes Bild eines Mannes mit rotem Hut, bleibt immer hängen (siehe Fotos). Herr W. muss dazu die Künstler um Erlaubnis bitten, aber die stimmen zu. Die Filme sind Werbung für sie. „Und diese Leute vom Film mögen den roten Hut“, sagt er. Er sagt auch: „Diese Leute sind verrückt nach meinem Pool. Sie küssen sich darin, sie legen Leichen rein.“ Sie mögen auch, dass Platz ist für eine meterlange Kamerafahrt vom Kamin bis zum Flügel, sie mögen die Mosaikwand im Wohnzimmer: hellblaue, zartrosa, blassgelbe Steine, darin eine Tür zum Arbeitszimmer.

Eine bunte Wand sei gut, erklärt Christian Meineke, weil weiße Wände die Gesichter im Film verschwinden lassen. Viele Crews malen den Hausbesitzern deshalb die Wände farbig, oft freuen die sich über eine solche Renovierung.

Bei Herrn W. malt niemand die Wände an, es tauscht auch niemand die Tapeten aus. Niemand fasst das chinesische Buffet in der Ecke an, niemand bewegt den Flügel. Er muss abgedeckt bleiben, bis zu dem Moment, in dem er gefilmt wird.

Das sind die Auflagen, die Herr W. den Filmleuten in die Verträge schreibt. Niemand darf auf seinem Gelände essen oder trinken, nur Frauen dürfen seine Toilette benutzen. Der Naturstein im Eingang gehört abgedeckt. „Das ist mein Haus, da sitze ich mit meinen Freunden, da gebe ich Konzerte“, sagt Herr W. Wer gegen die Auflagen verstößt, muss 150 Euro zahlen, wer etwas zerstört, muss es ersetzen. Aber das ist noch nicht vorgekommen.

„Je lästiger die für mich sind, desto teurer wird die Chose“, sagt Herr W. Wenn ihn die Dreharbeiten nachts wachhalten, weil die riesigen Scheinwerfer bis in seine Wohnung im ersten Stock strahlen, erhöht er die Miete. Und seit in den letzten Jahren so viel in Berlin gedreht wird, kann er sich das leisten.

Manchmal, wenn Herr W. mittags aus seiner Kanzlei in der Stadt zurückkommt, steht er am Rand und schaut dem „Blödsinn“ zu. Er komme sich dann sehr überflüssig vor. „Niemand weiß, wer ich bin“, sagt er und freut sich darüber. „Wenn ich das beruflich machen müsste, würde ich mir das Leben nehmen.“ In den letzten Jahren hat er beobachtet, wie sein Pool im Winter mit 60 Grad heißem Wasser aufgefüllt wird, gigantische Schläuche gelegt werden, um eine Badeszene zu drehen. Wie ein Film in Recklinghausen spielt, aber bei ihm in Berlin gedreht wird. Wie die kalifornischen Hunde auf eine Plattform in dem Pool springen und eingebaute Fontänen spritzen, damit es wirkt, als seien sie ins Wasser gesprungen. „Das ist eine Illusion von vorn bis hinten“, sagt Herr W.

Er seufzt jetzt. Die Parkplätze für den neuen Dreh sind bereits abgesperrt. Bald wird sich das Haus erneut mit Scheußlichkeiten füllen. Die Dekorateure werden eine Wand um das unverrückbare Buffet bauen. „Ich bereue es jedes Mal“, sagt Herr W. „Aber man vergisst.“

Bald werden auch wieder Freunde anrufen. „Dein Haus war im Fernsehen“, sagen sie. „Und weiter?“, fragt Herr W. und schaltet auf ein Klassikkonzert im Fernsehen. Herr W. findet Filme stumpfsinnig.

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