Zeitung Heute : Pool-Novellen (I)

Der Dramatiker Moritz Rinke wollte dichter ran an die Nationalmannschaft. Deshalb hatte er sich im Mannschaftsquartier Schlosshotel Grunewald als Poolwächter beworben. Wie es dort zugeht, hat er sich schon gedacht.

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Monatelang habe ich um diesen Job gekämpft. Eine tschechische Freundin von mir leitet mit ihrem Mann die größte Berliner Gebäudereinigungsfirma, welche den Auftrag vom Schlosshotel Grunewald bekam, zusätzlich zum Hotelpersonal Serviceleistungen durchzuführen, die durch 10 externe Reiniger eine größtmögliche Sauberkeit gewährleisten sollte.

Ich fragte meine Freundin, ob es nicht elf sein könnten, die Verhandlungen zogen sich Wochen hin, mit Frau Felgner vom Hotelmanagement, einer wunderbaren Dame, das kann ich jetzt schon sagen, vor allem mit dem Sicherheitspersonal der Fifa und einer administrativen Fußballwelt, die meines Erachtens längst die Relationen verloren hat. Wenn wir doch nur den Kongo, Afghanistan oder den Irak so absichern würden wie das Schlosshotel Grunewald!

Es wäre so schön gewesen.

Also, ich bin Poolwächter seit dem 10. Juni. Meine Aufgabe ist es, Blätter und Insekten, die in den Pool hineinwehen könnten, mit einem Käscher herauszufischen, Handtücher auszuwechseln und die rot-weiß bezogenen Liegen nach Benutzung wieder liegefertig zu machen. Es gibt die Anweisung, weder Autogrammwünsche auszusprechen noch die Gäste in ein Gespräch zu verwickeln, sondern nur zu reinigen bzw. den Pool zu bewachen.

Ich habe mir vorsichtshalber etwas zum Lesen mitgenommen, John von Düffels „Vom Wasser“, das will ich schon seit einiger Zeit lesen. Ich darf auch nicht herumlaufen, natürlich würde ich mal gerne nachgucken, was sich in der Lobby tut oder an der Kaminbar, aber die Laufwege sind von der Fifa vorgegeben. Meiner ist von der Einfahrt der Brahmsstraße direkt durch den Garten zum Spa-Bereich, dort sitze ich in schwarzweißer Uniform auf einem erhöhten Stuhl, ähnlich wie die Schiedsrichter beim Tennis oder die Rettungsschwimmer an der Nordsee.

Am Samstag, um 9 Uhr 10 kam als Erster Kahn, mit Schlosshotel-Grunewald-Badeschuhen und Bademantel. Ich nickte freundlich mit dem Kopf, Kahn nickte auch, dann sprang er mit Kopfsprung in den Pool, Wasser spritzte auf mein Von-Düffel-Buch. Jedem anderen Menschen, der so in den Pool springt, dass mein Eigentum nass wird, dem würde ich was erzählen, aber jetzt war ich ergriffen. Wasser, das Kahn verdrängte, auf von Düffels Buch, ich wäre jetzt auch gern der Autor gewesen, nicht nur der Poolwächter, da kann ja jeder Klappentext einpacken gegen Kahnwasser.

Kahn kraulte vier Bahnen, stieg über den Beckenrand raus, nahm den Bademantel, für das Gesicht nur ein Handtuch, das er auf die Liege warf, und ging. Ich blieb noch eine Weile regungslos auf meinem Sitz, dann stieg ich herunter, nahm das Kahnhandtuch, um es vorschriftsmäßig in einen Korb für benutzte Badetücher zu werfen, dann aber hatte ich einen Blackout. Ein Schwindelgefühl, vielleicht verursacht durch eine Form von Emotion, die ich von mir noch nicht kannte und die auch weder Frau Felgner noch die Fifa mehr zu kontrollieren imstande gewesen wären.

Gut, ich war in meiner Jugend ein Fußballwahnsinniger, ich wollte Nationaltorwart werden, ich habe irgendwann angefangen, wenn ich über mich nachdachte, die Phasen meines Lebens an EM- und WM-Turnieren auszurichten; wenn jemand fragt, was ich zum Beispiel nach dem Abitur gemacht habe, fällt mir erst mal die von Toni Schumacher unterlaufene Flanke ein im Finale 1986 in Mexiko. Im Prinzip bin ich heute erwachsen, manche halten mich sogar für einen Intellektuellen, ich bin sogar auf der Cicero-Liste, auf der auch Habermas ist und Alexander Kluge, Platz 144, aber jetzt mit Kahns Handtuch, ich weiß nicht ...

Ich wollte mir das Handtuch plötzlich in die Hose stopfen, am Fifa-Personal vorbeischmuggeln nach Hause. Ich stand bestimmt zwei Minuten regungslos da, aber innerlich hin und her gerissen. Ich halte mich weder für pervers, noch habe ich etwas mit Devotionalien am Hut, ich glaube, es war eher so eine Art zweiminütiger Kampf zwischen Kontrolle und einer aus frühster Zeit heraufsteigenden Kindlichkeit, quasi ein Hin und Her zwischen der Cicero-Liste und jedem Kindheits-Duplo, das man wie ein Irrer kaufte wegen der Fußballklebe-Bilder.

Für mich war es vielleicht der erste Moment, wo ich nun wirklich begriffen habe, was Fußball in meinem Leben bedeutet. Und ich glaube, dass sehr viele dieses Heraufsteigen gerade jetzt wieder in sich spüren, das einem wenigstens für ein paar Wochen die Kindheit noch einmal verlängert.

Demnächst mehr von meinem Sitz am Pool Schlosshotel Grunewald.

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