Zeitung Heute : Pool-Novellen (III)

Der Dramatiker Moritz Rinke wollte dichter ran an die Nationalmannschaft. Deshalb hatte er sich im Mannschaftsquartier Schlosshotel Grunewald als Poolwächter beworben. Wie es dort zugeht, hat er sich schon gedacht.

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Die Tage nach dem Spiel gegen Ekuador hatte ich nur Mittwoch und Donnerstag Dienst, gestern musste ich nicht, da reiste die Mannschaft ab, zum Achtelfinale nach München. Ja, heute das große Achtelfinale!

Als ich am Donnerstagabend die benutzen Handtücher von Huth und Odonkor in den Händen hielt, da machte ich mir schon so meine Gedanken: Werde ich jemals wieder die Badehandtücher der Deutschen in den Wäscheraum tragen? Werden meine Badegäste denn jemals wiederkehren an meinen Pool?

Von der deutschen Fahne an meinem Schwimmmeisterstuhl hatte ich ja schon berichtet, ich sitze ja auf einem, vom Fifa-Sicherheitspersonal erhöhten Stuhl, ähnlich wie beim Tennis der Schiedsrichter oder die Küstenwache an der Nordsee, um meinen Arbeitsplatz zu überblicken. Dass Asamoah aus Ghana letzte Woche unter der Aufsicht von mir und meiner Fahne 16 Bahnen schwamm und dabei das Lied „Du gehörst zu mir wie mein Name an der Tür“ von Marianne Rosenberg summte, das hat mich beschäftigt. Ich hatte ja darüber berichtet und meinte, eine leichte Ironisierung meiner Fahne von Seiten Asamoahs herausgehört zu haben, was mir allerdings auch wieder unwahrscheinlich erschien, denn er stürmt ja für Deutschland, nicht ich. Am nächsten Tag hatte ich auf jeden Fall an der anderen Seite meines Stuhles eine Fahne von Ghana angebracht, denn Asamoah soll wissen, wenn er baden geht, dass ich weltoffen bin und dass ich ein Deutscher sein will, der kein Problem hat mit zwei Namen an seiner Tür.

Ich mag Asamoah. Ich gestehe auch, dass ich einen magischen Mondstein aus Afrika habe, den mir ein Voodoolehrer in einem spirituellen Theaterworkshop überreichte, als ich noch Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen studierte. Dieser magische Voodoostein liegt seit Tagen auf meinem Schwimmmeisterstuhl, ich möchte ihn Asamoah zum Einzug ins Achtelfinale schenken, aber Asamoah kam bisher nicht mehr an meinen Pool.

Donnerstagabend also, als ich da nun mit den Handtüchern von Huth und Odonkor herumräsonierte, was wohl die Zukunft bringt, da entschied ich mich, zum zweiten Mal in meinem Leben ein Voodooritual durchzuführen. Das erste Mal habe ich es vor der Uraufführung meiner „Nibelungen“ gemacht, die sind zwar bei den Hunnen untergegangen, aber die Uraufführung an sich, die lief sehr gut. Damals legte ich den magischen Mondstein im Dom von Worms auf mein Manuskript und rief auf Moshi-Dagomba, das ist eine afrikanische Sprache, dreimal „Ayamayoto“, das heißt „Maisbrei“ und bedeutet, es komme Ernte und Segen. Also, „Ayamayoto“, das kennt Asamoah garantiert, das ist bekannt in Ghana. Nun legte ich den magischen Mondstein in das Handtuch von Robert Huth und rief dreimal „Ayamayoto, Ayamayoto, Ayamayoto“! In dem Moment kamen die Spielerfrauen an den Pool.

Ich fass es nicht, was machen die denn hier!? Gut, am Dienstag nach dem Spiel war Barbecue, die Frauen haben übernachtet auf Mittwoch im Schlosshotel, aber von Donnerstag auf Freitag, gestern Abend war doch schwedische Videoanalyse??

Petra Frings springt sofort rein, Linn von Arne Friedrich auch, Lena, die Freundin von Borowski, testet noch die Temperatur, dann ist schon Carina Schneider drin, mein Gott, ist mir das peinlich, ich knie da am Beckenrand mit Huths Badehandtuch und rufe dreimal „Ayamayoto“, das letzte haben die doch bestimmt gehört! Michaela Nowotny guckt mich an wie einen Handtuchhalter und nimmt mir kommentarlos das Voodootuch von Huth aus der Hand. Jetzt springt Sylwia Klose in den Pool, ich knie immer noch mit meinem Mondstein am Beckenrand und mir gehen die unmöglichsten Fußball-Kalauer für meine Novelle durch den Kopf: „EINE GEHT NOCH, EINE GEHT NOCH REIN!“, schwupp, schwimmt die Monika vom Poldi durch meinen Pool!

Ich liebe Spielerfrauen, ich renne jetzt hin und her und hole immer mehr Badehandtücher, 23 Stück! Schon beim Spiel Schweden – Paraguay war ich begeistert, ich saß unterhalb der schwedischen Spielerfrauen! 23 blonde Frauen, einige mit Babys mit Lärmschutzkopfhörern. Die Spielerfrauen haben ständig mit den Fans geredet, dabei die Kinder gestillt, Interviews gegeben, ihren Männern bei der Arbeit zugewinkt. Ja, Spielerfrauen müssen alles können: Vorzeigefrau, Mutter, Medienfrau, Seelsorgerin, Psychologin, Managerin; Lena, die Freundin von Borowski, studiert nebenbei noch auf Lehramt, Petra Frings ist leitende Innenarchitektin. Obwohl mit den schlimmsten Klischees konfrontiert durch die Unterwäschefreundinnen von Ronaldo, Beckham, Italien & Co., stehen gerade die deutschen Spielerfrauen für die Synthese von klassisch-moderner Frauenrolle. Solche Frauen bewundere ich! Dem Mann noch mit links das Gefühl geben, bewunderter Mann zu sein, aber auf der anderen Seite voll auf der Höhe sein der Gender-Diskussion, aber eben nicht so verbissen! Ja, nur mit solchen starken Frauen kann unsere Gesellschaft überleben!

Beim Spiel Deutschland – Ekuador habe ich im Stadion mit meinen Fernglas die Ehrentribüne beobachtet. Merkel schon wieder ohne Mann, Wowereit wenigstens mit Freund, aber der saß da bauchfrei rum, Zustände sind das, weit und breit auf jeden Fall keine klassisch-moderne Frau auf der Ehrentribüne! Wenn ich mit meinem Fernglas auf diese Tribüne sehe, dann sehe ich im Geiste neben Merkel Legionen von verkrampften, kleinregierten deutschen Männern und zwischen Wowis Welten nirgendwo ein deutsches Baby.

So sah ich lieber noch eine Weile meinen wundervollen Badegästen zu. Ich hoffe, demnächst mehr von meinem Sitz am Pool Schlosshotel Grunewald. Ayamayoto!!!

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