Zeitung Heute : Pop mit Beipackzettel

Mit dem „Music Store“ bringt die Computerfirma Apple den legalen Online-Musikhandel in Schwung

Henry Steinhau

Die von Erfolgsmeldungen in den letzten Jahren nicht gerade verwöhnten Musikbosse staunten nicht schlecht. Da eröffnet ein Newcomer seine erste Filiale und verkauft innerhalb von nur sieben Tagen eine Million Songs. Genauer gesagt „Downloads“, denn der vom kalifornischen Computer- und Software-Hersteller Apple betriebene „iTunes Music Store“ ist nur im Internet zu finden und die Musik ausschließlich in Form digitaler Dateien zu erhalten. „Ein Riesenerfolg“ sagt Doug Morris, Chef von Universal Music, einem der fünf großen „Majors“. Für ihn wäre der millionste Download auch nach vier Wochen eine Anerkennung wert gewesen. „Wir sind sehr glücklich, wie das bei Apple gelaufen ist“, gibt auch Martin Schäfer zu, Vizepräsident der Bertelsmann Music Group (BMG) Europa.

Die Freude ist durchaus nachvollziehbar. Immerhin verdienen die Musikfirmen an jedem durch Apple verkauften Download rund 60 bis 70 Cent. Gleichwohl tragen diese Online-Verkäufe nur wenig zur Linderung der Krise bei, unter der die Musikindustrie seit drei Jahren leidet (rund 11 Prozent Umsatzrückgang von 2001 auf 2002 allein in Deutschland). Trotz der Überzeugung, dass vor allem die kostenlos erhältlichen Downloads an der Misere Schuld sind, wich die Musikwirtschaft von ihrer ablehnenden Haltung gegenüber den Downloads ab. Die sechs Millionen deutschen Downloader werden nicht mehr nur als Anarchisten der „Kostenlos“-Kultur gebrandmarkt. Die „Majors“ machen sich auf die Flucht nach vorn. Und zwar nicht mehr mit Legalisierungsversuchen, wie die gescheiterte Übernahme der Musik-Tauschbörse „Napster“ durch Bertelsmann, sondern durch den Zukauf vorhandener und Aufbau eigner Dienste.

Die Majors kamen mit einem neuen Geschäftsmodell: Musik als Leihware, Konsumenten als Abonnenten. Mit bescheidenem Erfolg. Ganze 350 000 Abonnenten nutzen bislang alle Dienste zusammen. „Die Abonnement-Dienste sind gescheitert. Wer will schon Musik leihen?“ sagt Apple-Chef Steve Jobs, in dessen „Music Store“ jeder Song den Festpreis von 99 Cent kostet, während ganze Alben für 9,99 Dollar zu haben sind.

Doch nicht nur mit dem Kaufmodell weicht „Music Store“ vom Gros der Wettbewerber ab. „Music Store“ ist radikal Verbraucher-orientiert und auf einfachste Nutzung hin gestaltet – durch die Integration ins typische Nutzerumfeld, zumindest jenes der amerikanischen Apple-User. Denn momentan bleibt der Service nur den Besitzern eines Apple Macintosh mit Betriebssystem 10.2. vorbehalten und davon auch nur jenen, die eine Kreditkarte mit amerikanischer Rechnungsadresse vorweisen können. Europäische Apple-Nutzer haben bereits eine Petition an Steve Jobs gestartet.

Für den Gang ins virtuelle Musikgeschäft muss der Nutzer allein die Musikabspiel-Software „iTunes“ starten, in der sich seine private Musikbibliothek befindet. Dort kann er eigene Abspiellisten zusammenstellen und daraus Musikdateien konvertieren. Auch Audio- oder MP3-CDs können damit gebrannt werden. Ohne Umweg über einen Internet-Browser und ohne störende Werbung präsentiert sich das derzeit über 200 000 Tracks umfassende Angebot mit Künstlerfotos, Cover-Abbildungen und Zusatzinformationen. Zu jedem Song steht eine 30-sekündige Kostprobe bereit. Obwohl das Blättern und Laden von Musik aus einem Download-Shop auch im aktuellen Windows Media Player möglich sei – „so schlüssig, schön und simpel ist der Online-Musik-Verkauf noch keinem gelungen“, loben Branchen-Kenner die Apple-Lösung.

Wohlwollen, das Apple auch dank der eingesetzten Kopierschutz-Lösung erntet. Die Tracks lassen sich auf maximal drei autorisierten Rechnern abspielen, können beliebig oft auf CDs gebrannt (pro Playlist jedoch nur bis zu zehnmal) und unbeschränkt auf portable Player geladen werden; momentan allerdings nur auf Apples „iPod“. Dennoch: Der gute Kompromiss zwischen Verbraucher- und Musiker-Interessen bietet den Käufern mehr Flexibilität als andere Download-Anbieter. Dabei liefert auch Apple die (übrigens nicht als MP3- sondern als kleinere und besser klingende AAC-Dateien kodierte) Musik mit „Beipackzettel“ aus: Statt einfach nur zu hören, heißt es, soll man auf das Datenformat und die Nutzungsbeschränkungen achten. Nach der jüngsten Urheberrechtsnovelle ist das Umgehen von Kopierschutz verboten, beinhaltet also ein Risiko mit strafrechtlichen Nebenwirkungen.

So kann die verbrauchernahe Apple-Lösung das eigentliche Dilemma mit digitaler Musik nicht umgehen, sondern fördert es nur noch deutlicher zu Tage: Die Menge an Formaten, Kopierschutzlösungen und Nutzungs-Begrenzungen hat schon jetzt eine Dschungelartige Vielfalt angenommen. Verlässliche, breit akzeptierte Standards sind noch nicht in Sicht.

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