POP-PERFORMANCELaurie Anderson : Ich erzähl dir was

Alexandra Distler

Die Antwort auf die Frage, in welches Kulturgenre man Laurie Anderson nun packen sollte, wenn man denn muss, ist ausufernd und ungenügend. Sie ist weder bei Theater, Kunst, Literatur oder Pop falsch angesiedelt, vielmehr überall gleichwertig präsent. Sie selbst sagt von sich, sie sei eine Geschichtenerzählerin. Und ihre Geschichten erzählt sie nun seit mittlerweile vier Jahrzehnten, auf ihre unverwechselbare avantgardistische, multimediale, theatrale Laurie-Anderson-Art.

Nun ist die 1947 in Chicago geborene Performance-Künstlerin mit ihrem Programm „Delusion“ – (Selbst-)Täuschung –, das 2010 bei der Winterolympiade in Vancouver uraufgeführt wurde, in Berlin zu Gast. Die ausufernden, assoziationsreichen Stücke ihres aktuellen Albums „Homeland“ werden darin nicht vorkommen. Es scheint, als sei dieses politisch provokante Werk, das während der Amtszeit von George Bush entstand, ein in sich abgeschlossener Entwurf, den die Macherin nicht in eine Tour-Routine zwingen möchte. „Delusion“ besteht dagegen aus Dialogen zwischen Laurie Anderson und ihrem Alter Ego, einer multiplen Persönlichkeit, die mit gepitchter Stimme unterschiedliche, imaginäre Gesprächspartner verkörpert. Und so klein Laurie Anderson mit ihrer selbstgebauten Violine im Vergleich zu der überdimensionalen Leinwand und den darauf projizierten Videos erscheinen mag, so groß sind die Themen, die sie erzählsingt. Es geht um zwischenmenschliche Beziehungen, um Identität, Sehnsucht und Tod, um Träume und Realität. Man erlebt keine neue Laurie Anderson, aber, im besten Sinne, die gute alte, die einen mütterlich umarmt und mit dunkler Stimme in ihre Welt entführt. Alexandra Distler

Volksbühne, Di/Mi 17./18.5., 20 Uhr, 30/24 €

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