Zeitung Heute : Pop-up-WM

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„39. Minute: Schick schick! Ngom Kome tunnelt Al Jaber, spielt dann einen schönen Paß auf Ndiefi – aber leider steht er im Abseits.“ „40. Minute: Ecke (CMR).“

Ein paar launige, dürre Worte vom Spiel Kamerun gegen Saudi-Arabien – das ist von dieser Fußball-WM übrig geblieben, wenn man alle Partien live miterleben will. Das geht diesmal nur im Internet, zum Beispiel auf der offiziellen FIFA-Website. Sonst bleiben dem Fan nur ein paar Live-Minuten im Radio (im Büro schwer zu verfolgen) oder eine immer noch ziemlich fragwürdige Zukunftsinvestition (Premiere-Decoder).

So hängen Millionen Deutsche in ihren Büros an kleinen Pop-up–Fenstern auf dem Bildschirm, lesen, was ein Redakteur in Asien eben in die Tasten haut, um zu erfahren, wie es gerade steht. 80 Millionen Seitenaufrufe verzeichnete FIFAworldcup.com auf diese Weise alleine am Montag, jubelte gestern die verantwortliche PR-Agentur. Für solche hohen Zahlen brauchen arrivierte Informationsseiten wie Spiegel oder Focus Online einen ganzen Monat. Weltweit wurde die FIFA–Website in den ersten vier Tagen 165 Millionen Mal aufgerufen, alleine in Deutschland am Montag 8,6 Millionen Mal. Das sind rund zwei Millionen Page Views mehr als beim schärfsten Mitbewerber aus dem Hause Kirch, Sport1.de, der die fernsehgefrusteten Fans mit Live-Tickern auf die bessere Seite zu ziehen versucht.

Eine schöne Sache ist das für Sepp Blatter, den FIFA-Präsidenten, und für den technischen Dienstleister Yahoo! Um eine Zahl wird allerdings ein Riesengeheimnis gemacht. Erstmals kann man alle WM-Spiele online per Video-Stream verfolgen, jeden Tag ab 17 Uhr 30 (unter fifaworldcup.com), vier Stunden früher als im Free-TV. Kostenpunkt: 22,50 Euro. Ob sich das Ganze refinanziert, sprich: wieviel Leute diesen Preis bezahlt haben, will Yahoo!-Marketingdirektor Andreas Hoerr nicht verraten. „Paid-Service im Internet ist ein zu heikles Thema, als das wir mit den Zahlen an die Öffentlichkeit gehen.“ Schließlich gehe es nach der WM an Lizenzverhandlungen für die nächsten Olympischen Spiele im Internet. Mitbewerber wolle man da nicht in die Karten schauen lassen. Die Abo-Zahl der Internet-WM-Zuschauer soll im sechsstelligen Bereich liegen.

Immerhin, sehr viel mehr Zuschauer hat Wolf-Dieter Poschmann bei seinen stundenlangen Expertenrunden im ZDF-Studio auch nicht. Das Dilemma dieser Fernseh-WM zeigt sich jeden Tag aufs Neue: ARD und ZDF wissen nicht so recht, was sie um ihre Live-Übertragungen herum zeigen sollen. Eigentlich will man ja nur wissen (und sehen), wenn Ndiefi wieder mal im Abseits steht oder endlich ein Tor schießt. meh

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