POPDie Goldenen Zitronen und Bernd Begemann : Hamburg rockt

Jörg W er

Eine über Geschmacksfragen hinausreichende Grundsatzentscheidung stellt am Mittwoch die Wahl des Konzertbesuchs dar. Denn zeitgleich und im selben Stadtteil treten die Goldenen Zitronen und Bernd Begemann auf, die in der Binnentopografie aus Hamburg stammender deutschsprachiger Popmusik gegensätzliche Positionen einnehmen.

Die Goldenen Zitronen (Foto rechts) haben eine erstaunliche Karriere hingelegt, die sie von einer mittelmäßig subversiven Spaßpunk-Combo zur linken Politpop-Institution aufsteigen ließ. Dass der Band um die Oberzitronen Schorsch Kamerun und Ted Gaier ihr agitatorischer Furor durchaus im Wege stehen kann, hört man ihrer neuen, mittlerweile zehnten Platte an: „Die Entstehung der Nacht“ läuft stellenweise reichlich unrund, der zerhäckselte Collagensound lässt nur noch wenig Pop-Affinität erahnen. Was Zugänglichkeit und Reichweite eingrenzt.

Dem Hamburg-Mainstream von Blumfeld bis Sterne steht Bernd Begemann (links) musikalisch näher, haltungsmäßig sicher nicht: Der große Eigenbrötler hat sich erfolgreich gegen jede Szenevereinnahmung gewehrt und ist zur bienenfleißigen Lichtgestalt eines strikt selbstbestimmten Songwritertums geworden. Seine Stärken sind zugleich seine Achillesfersen: Wer so selbstironisch und meist ohne politischen Impetus textet und die Welt lieber im Kleinen erklärt, wird nicht besonders ernst genommen. Weshalb seine Auftritte schon mal im Showteil bei der Musik-Comedy einsortiert werden. Ungerecht. Es bleibt eine schwierige Entscheidung: Toll werden sicher beide Konzerte. Aber sag bloß nicht Hamburger Schule dazu, sonst reden sie kein Wort mehr mit dir.Jörg Wunder

Festsaal Kreuzberg, Mi 16.12., 21 Uhr, 14 € (Zitronen); Lido, Mi 16.12., 21 Uhr, 18 € (Begemann)

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