POPJochen Distelmeyer : Lass uns Liebe sein

Jörg W er

Obwohl drei Jahre die übliche Zeitspanne zwischen zwei Blumfeld-Alben bildeten, war die Überraschung groß, als Jochen Distelmeyer im Frühsommer ein Solowerk ankündigte. Die eskapistischen Songstillleben auf dem finalen Blumfeld-Album „Verbotene Früchte“ klangen so sehr nach Abschied, dass man damit rechnete, Distelmeyer könnte eher als Heidedichter oder Blumenzüchter denn als Popmusiker aus der Versenkung auftauchen.

Vielleicht war der Mitteilungsdrang einfach zu groß: Mit „Heavy“ findet der wichtigste deutschsprachige Songwriter der letzten 20 Jahre zu einer archaischen Einfachheit des Ausdrucks, die keine Kompromisse mehr kennt. Natürlich wird ihm ein Stück wie „Wohin mit dem Hass?“ mit seiner plakativen Verbalisierung des linken Volkszorns von Kritikern um die Ohren gehauen. Andererseits verleiht er all den Verteilungskampfverlierern mit der Parole „Kennst du die Reichen und die Mächtigen / lass ihre Autos brennen“ eine Stimme, deren Wut die robuste Gitarrenrock-Instrumentierung unterstreicht. Ist Distelmeyer in den Rocksongs ganz undiskursiv auf Krawall gebürstet, stellt er sich mit zu Herzen gehenden Balladen wie „Bleiben oder gehen“ und „Nur mit dir“ als Liebesleidender in den Gegenwind oder wagt mit dem wunderbar patschenden „Lass uns Liebe sein“ ein paar linkische Tanzschritte in der Disko. Zwar kommt er dabei dem „verminten Terrain seiner neuen Nachbarn, der deutschen Radiostars“ (Spex) bedenklich nahe. Doch der Hölle der Massenkultur setzt St. Jochen eine unbedingte Aufrichtigkeit entgegen, an der sich der Mainstream schwer verschlucken könnte. Jörg Wunder

Postbahnhof, Di 17.11., 20 Uhr, 18 € + VVK DI892

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