POPPhillip Boa : Der Durchhalter

Jörg W er

Eines der größten Missverständnisse der jüngeren Popgeschichte war Voodoocult. Unter diesem Namen fungierte in den Neunzigern kurzzeitig ein von Phillip Boa ins Leben gerufenes Bandprojekt, das neben diesem mit Dave Lombardo (Slayer), Chuck Schuldiner (Death) und Mille Petrozza (Kreator) einige der versiertesten Heavy-Metal-Musiker zu einer spektakulären Supergroup vereinte. Das Ergebnis, auf zwei Alben der Nachwelt erhalten, war indes Schrott: Boas Gesang passt einfach nicht zum Brachialgeknüppel seiner Mitstreiter, die Platten waren Ladenhüter.

Zum Glück ist Phillip Boa niemand, den so ein Malheur aus der Bahn werfen würde. In seiner mittlerweile 25-jährigen Karriere hat das Dortmunder Indierock-Urgestein allerlei Anfeindungen und Durststrecken weggesteckt, um dann immer wieder aus der Versenkung aufzutauchen. Wer hätte zum Beispiel damit rechnen können, dass Boa mit seiner Dauerbegleitcombo The Voodooclub noch mal ein Album wie „Diamonds Fall“ gelingt? Eine Platte, auf der sein seit Ende der Achtziger kaum veränderter Stil – ein von melancholischer Stimmlage getragener Gitarren-Pop mit gelegentlichen Ausbrüchen auf die Tanzfläche – nach diversen Retro-Modewellen plötzlich wieder zeitgemäß klingt. Die mit „Black Light“ und „Jane Wyman“, der Hommage an die gleichnamige Schaupielerin und Ronald-Reagan-Gattin, zwei seiner besten Songs seit Ewigkeiten enthält. Und eine, auf der mit der Can-Legende Jaki Liebezeit jemand die Trommelstöcke schwingt, der soviel besser zu Phillip Boas laszivem Phlegma passt als vor 15 Jahren der Speedmetal-Berserker Dave Lombardo. Jörg Wunder

Postbahnhof, So 1.3., 21 Uhr,

25 € + VVK

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