Popstar Franziskus : Rock ’n’ Roll im Vatikan

Der gute „Rolling Stone“, das amerikanische Musikmagazin, ist offensichtlich auch nicht mehr, was er mal war. Ich meine, wenn der Lordsiegelbewahrer des Rock ’n’ Roll jetzt dem Papst eine Titelgeschichte widmet und Franziskus vom Cover lächeln lässt, dann ist das doch ein bisschen, als wenn der „Rolling Stone“, der alte Renegat, konvertiert wäre.

Es gab in der Geschichte des „Rolling Stone“ gelegentlich mal nicht nur wilde Rockbands und willige Groupies auf dem Titel, es waren manchmal auch Präsidenten und Schauspieler zu sehen. Aber ein Papst, oberster Vertreter einer Welt, die mit Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll vermeintlich so wenig zu tun hat wie der Teufel mit dem Weihwasser, war da noch nie abgelichtet.

Das schockt. Oder rockt es? The times they are a-changin’. Der alte Dylan-Song steht dann auch über dem Text. Ein paar Jahre, nachdem Dylan sein drittes Album mit dem titelgebenden Song eingespielt hatte, 1964 war das, wurde in New York ein Musical von Andrew Lloyd Webber uraufgeführt, 1971 war das: „Jesus Christ Superstar“. Irgendwie hängt wohl alles in gewisser Art zusammen.

Francesco Superstar. Der Mann hat es geschafft. Wer in die Hall of Fame der Popkultur aufgenommen wird, weil er, so der Autor des Textes, bescheiden ist, Einfühlungsvermögen hat und sich den Armen zuwendet, hat es wohl geschafft.

Nun zum Vatikan. Der hat sich nämlich inzwischen auch eingeschaltet ins erstaunliche Crossover von Rock und Kirche. Und zwar erbost. Vatikansprecher Federico Lombardi, keine Ahnung, ob der das schon unter Benedikt XVI., unserem alten Joseph Aloisius Ratzinger, war. Aber das ist auch unwichtig, weil er redet und agiert, als ob er Benedikt XVI. und dessen Wirken nachtrauert. Es sei zwar ein Zeichen für das große Interesse in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen am amtierenden Papst, tat Lombardi kund. Aber weil das „Rolling Stone“-Porträt den Francesco am Benedikt spiegelt, „disqualifiziert sich der Artikel selbst“. Mehr noch, er verfalle „mit überraschender Rohheit dem gewohnten Fehler eines oberflächlichen Journalismus“. Man kann Lombardi möglicherweise zugutehalten, dass er den „Rolling Stone“ nie gelesen hat, warum auch, wo es doch nie Überschneidungen gegeben hat. Auch dass er keine Ahnung hat von der wohltuenden Rohheit des Rock ’n’ Roll. Oder aber: Mögen sich der „Rolling Stone“ und das Amt des Papstes in Persona des Franziskus wandeln, der gute alte Vatikan bleibt, wie er ist: weltabgewandt.Helmut Schümann

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