Porträt Clemens Meyer : Der Kampfschreiber

Gossenpoet oder Stilist? Clemens Meyer ist tätowiert und studiert. Beim Wettlesen in Klagenfurt geht es ihm wie immer um alles

Kai Müller

Die zweite Auflage stagniert. Das hätte er nicht gedacht. „Es ist echt nicht so, dass die Leser das wegkaufen“, sagt Clemens Meyer und sächselt gerade so viel, dass man seine Herkunft immer durchhört. Es klingt enttäuscht. Sein Debütroman „Als wir träumten“ galt als literarische Sensation des Frühjahrs. Er hatte die Geschichte einer Jugendclique geschildert, die sich während der Wende mit rivalisierenden Banden prügelt, von „Glatzen“ und „Zecken“ gejagt wird, Autos knackt und an Drogen und Alkohol zerbricht. Es geht um das eherne Gesetz der Freundschaft und den Verrat, den sie unweigerlich nach sich zieht. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ adelte das 500-Seiten-Werk als „großen Roman“, der „Spiegel“ als „grandios, farbig und mitreißend“, und „Bild“ brachte ein Foto des Jungstars. Darauf ein blasser junger Mann mit randloser Brille und volltätowierten Armen. „So sehen heute Schriftsteller aus“, lautete die Überschrift.

Die ersten 10 000 Exemplare waren denn auch schnell vergriffen. Meyer wurde für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Ein anderer bekam ihn. Und die zweite Auflage blieb in den Buchläden liegen. Wer kauft auch schon in der allgemeinen Fußball-Euphorie ein Buch, auf dessen Umschlag ein Boxer abgebildet ist?

Das könnte sich bald wieder ändern. Wenn am heutigen Mittwoch in Klagenfurt die Tage der deutschsprachigen Literatur beginnen, zählt Clemens Meyer zu den heißesten Anwärtern auf den Ingeborg-Bachmann-Preis. Seit 1977, Meyers Geburtsjahr, wählt eine Jury aus 18 Autoren jenen Sonderbegabten aus, der zu Höherem berufen ist. Wobei das ungewöhnlich fiebrige Klima dieses Wettbewerbs dadurch entsteht, dass die Autoren vor Publikum und Fernsehkameras kritisiert werden, manche meinen: durch den Fleischwolf gedreht. Da muss man einstecken können.

Dass Clemens Meyer sich seine rustikale Statur an Plätzen erworben hat, die einer literarischen Karriere nicht eben förderlich sind, begreift der Besucher sofort, der sich zu ihm auf den Weg macht. Anger-Crottendorf und Reudnitz heißen die Leipziger Stadtviertel, die meisten Geschäfte hier wurden aufgegeben. Nicht einmal ein „Zu Vermieten“-Schild hängt in blinden Schaufenstern. Die Erdgeschosse sind zugemauert oder mit Spanplatten vernagelt. Meyers Wohnung befindet sich an einer Ausfallstraße. Ein Bahndamm und das verwilderte Fabrikgelände gegenüber zeugen vom industriellen Erbe der Gegend.

Sein Leben habe sich in den vergangenen 29 Jahren auf denselben eineinhalb Kilometern abgespielt, sagt Meyer und schaut durch die schwarzen Lamellen der heruntergelassenen Jalousie auf die Straße. Aus der Küche trabt ein großes Tier heran. Pete, ein elf Jahre alter Labrador-Dobermann. Mit dem Hund hat Meyer früher beim Objektschutz gearbeitet. Er hält ihn fest. Die Menschen des Viertels, die mitbekommen haben, dass aus dem Bücherwurm von damals ein Schriftsteller geworden ist, sehen ihn jetzt mit anderen Augen. In der „Bild“ stand, dass Meyers Roman das am zweitmeisten geklaute Buch der Messe war. Er sagt: „Die denken plötzlich, du hast Geld.“

Gäste werden auf einem Veloursofa mit verblichenem Blumenmuster platziert. Von dort schaut man direkt auf ein volles Bücherregal, in dem fast ausschließlich gebundene Ausgaben stehen. Antiquarisch zusammengetragen. Sein „erster Lehrer“ Hemingway ist darunter, neben Hubert Selby, Chandler und Hammett. Auf einem Tisch stapeln sich Boxbücher, an der Wand kleben Bilder aus dem Ring sowie ein grimmiges Porträt von Iran Barkley. Auf dem Fensterbrett steht ein Schachbrett, das den Strategen in ihm anregt. Boxen sei der Ursport, erklärt Meyer seine Begeisterung für das rohe Element. Bevor sich jemand einen Ball baue, benutze er seine Fäuste. Er selbst sparrt gelegentlich. Ein Bandscheibenschaden hindert ihn an mehr. Zudem sei er von Geburt an auf einem Ohr taub. Nicht gut für den Gleichgewichtssinn. Meyer trinkt Tee.

„Vor einem Jahr saß ich hier im Dunkeln“, gerät der Schriftsteller ins Plaudern, „weil sie mir den Strom abgedreht hatten. Mein Vater hat sein Rentensparbuch aufgelöst, damit ich zwei Mieten von den vier oder fünf, die ich im Rückstand war, bezahlen konnte. Ich ging zu meiner Mutter essen, wenn sie nicht da war, weil ich nichts hatte. Und dann: In kürzester Zeit ändert sich alles. Komplett alles. Da hat man sechs Jahre investiert. Und plötzlich ist alles da.“

Doch gelassen macht ihn das nicht. Er hat Angst, dass man ihn für einen Gossenpoeten halten könnte, der nur sein Leben aufgeschrieben hat. Er sieht sich als Stilist. Mit der sozialen Wirklichkeit haben seine Kleinkriminellen-Storys so viel zu tun wie Martin Scorseses Mafia-Filme mit dem Alltag in Little Italy.

„Emile Zola ist durch abgewrackte Gegenden gewandert, um Stoff zum Schreiben zu finden, ich wohne dort.“ Das ist einer der markigen Sprüche, mit denen Meyer die Feuilletons verschreckt und fasziniert. Er hat die passende Biografie dazu. Als Sohn einer Sozialpädagogin und eines Krankenpflegers geboren, zu den Jungpionieren ging er nicht, die Eltern waren kirchennah. Mit der Mutter besuchte er die Montagsdemonstrationen. Nach dem Abitur, das Meyer im Unterschied zu seinen literarischen Helden gemacht hat, arbeitete er auf dem Bau, fuhr einen Gabelstapler bei einem Großhandel und verdingte sich als Wachmann. Von 1998 bis 2002 studierte er am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Zehn Verlage lehnten das Manuskript seines ersten Romans ab. Er lebte von Hartz IV. Erst durch die Vermittlung von Sten Nadolny, bei dem er ein Seminar belegt hatte („Was wollen Sie denn hier?“), kam Meyer beim renommierten S. Fischer Verlag unter.

Meyer weiß um die Vorzüge einer schillernden Vita. Dass vieles in seinem Buch von ihm selbst erlebt sein könnte, hebt seine Erinnerungssaga aus dem literarischen Elfenbeinturm heraus. Die Frage, wie lang sein Vorstrafenregister denn wirklich ist, lässt er unkommentiert. Er will als Person seine Kunst nicht überblenden. Seine Sprache ist brutal und kühl, ein raffiniertes Kunstgebilde. Eine Distanzierungsmaschine.

In Klagenfurt werde er sich eine gute Hose anziehen, ein gutes Hemd und ein Jackett. „Ich brauch das Geld“, sagt der groß gewachsene Mann und meint die 22 500 Euro, die dem Sieger winken. Für Meyer ist bereits die Reise nach Österreich ein kleines Abenteuer. Pete muss er zurücklassen, das macht er nicht gerne. Wegen Pete schlägt er Aufenthaltsstipendien aus, mit denen sich andere Nachwuchsautoren über Wasser halten. Als man den BachmannWettbewerb an ihn herantrug, überlegte er zumindest. Ist er eine Kämpfernatur? Niemand kämpft gerne um das, was ihn seiner Meinung nach ausmacht. In Klagenfurt stehen die Chancen immerhin besser als anderswo und bestimmt besser als in Leipzig-Ost.

Bei 17 Konkurrenten sei das eine 1 : 18-Chance, rechnet Meyer vor. „Wenn die zu viele Realismusdebatten gelesen haben, dann kann man auch mit ...“ Er grübelt. „Nee, ich glaub’s nicht. Ein guter Text“, er verkündet es fast, „ein guter Text muss sich durchsetzen. Ich krieg den Preis. Jetzt bin ich mir ganz sicher.“

Vermutlich ist es für einen Bachmann- Preis-Bewerber normal, zwischen Genialitätsgefühlen und Selbstzweifeln hin- und hergerissen zu werden. Für die elf Seiten, die er in der vorgeschriebenen Zeit lesen kann, habe er ein Stück aus sich herausgerissen, sagt er. Aber mit Preisen ist das so eine Sache. Wenn man Clemens Meyer fragt, warum er den Leipziger Buchmessenpreis nicht bekommen hat, sagt er: Durch die Art, wie die Jurorin Sigrid Löffler ihn begrüßt habe, wusste er sofort, dass er verlieren würde. Ihr Blick ist auf eine Weise kalt gewesen, wie er nur Fremden zugemutet wird.

Er streichelt seine beeindruckenden Unterarme, die mit flammenden Tätowierungen bedeckt sind, wo sich Monsterköpfe und ein Drachentier umschlingen. Der Rücken sei schon „komplett zu“, sagt er. Das Äußere lenkt die Aufmerksamkeit automatisch auf etwas, das Worte nicht aufwiegen. Erst kürzlich las er in einer Zeitung: Jedes Mal, wenn er hundert Euro verdiene, bekomme sein Drachen einen neuen Flügel. Er kann gar nicht sagen, wie sehr ihn das kränkt.

Am Abend sitzt Meyer 80 Besuchern einer Lesung in Halle gegenüber. Eigentlich würde er lieber Fußball gucken, aber sein Opa ist ins Neue Theater von Halle gekommen, um ihn lesen zu hören, sein Onkel auch und noch mehr Verwandtschaft. Meyer sitzt neben einem E-Gitarren-Verstärker. Der ist zwar nicht für ihn. Aber er passt ganz gut in die Landschaft, die sich bald mit den Figuren seiner Fantasie füllt, mit dem blechernen Lärm eines Kneipenfernsehers, in dem der Weltmeisterschaftskampf zwischen Maske und Rocchigiani übertragen wird und der so laut aufgedreht ist, dass er das Gebrüll der Säufer übertönt. Meyer jongliert mit den Kapiteln seines Buches wie ein Musiker mit Songs. Dieses handelt von den „großen Kämpfen“, die alle verloren wurden.

Wie viel Kämpfertum in ihm selbst steckt, ahnt, wer ihn über sein Buch gebeugt rufen und blaffen hört. Er liest schnell, atemlos. Der Straßenjargon sprudelt aus ihm heraus. „Wir stießen an und kippten unsern Schnaps hinter“, heißt es mehrfach. Und jedesmal scheint der Satz dringlicher zu wirken. Er schreibt, sagt er, immer um seine Existenz. Selbst wenn er das Preisgeld von 22 500 Euro schon auf seinem Konto hätte, und er hat nicht mal ein Konto, geht es um alles. „Ich fahre nicht nach Klagenfurt, um nicht zu gewinnen“, sagt er. „Auch wenn da 100 andere wären, würde ich gewinnen wollen. Wenn’s dann nichts wird, muss man die Größe haben zu sagen, das war nichts. Wenn’s ungerecht ist, sagt man eben, die haben einen beschissen.“

Der Hund hat am Vortag seine Boxhandschuhe kaputtgemacht. Einer ist ganz weg, der andere liegt zerfetzt in der Ecke. „Ist nicht so schlimm“, sagt er, „die hatte ich mir gerade erst gekauft.“

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