Zeitung Heute : Porträt: Das Herz am rechten Fleck

Malte Lehming

Etwas Würdiges geht von dem schlanken Mann mit der sonoren, tiefen Stimme aus. Buschige Augenbrauen dominieren sein Gesicht. Das Haar ist grau und schütter. Solchen Menschen wird gern ein einnehmendes Wesen bescheinigt. Und das wird Dan Coats, der künftige US-Botschafter in der Bundesrepublik, der John Kornblum ablöst, sicher brauchen. Denn mit der Ankunft des 58-Jährigen Ende August in Berlin prallen zwei Welten aufeinander. Hier der religiöse Abtreibungsgegner, der während der Clinton-Jahre zum Sprachrohr der Republikaner in ihrem Kampf gegen homosexuelle Soldaten geworden war, der Sicherheitsexperte, der den Aufbau eines Raketenabwehrschirms begrüßt. Und dort Berlin, die deutsche Hauptstadt mit ihren mehrheitlich freizügigen Bewohnern, das international vor allem wegen der Loveparade wahrgenommen wird und wo demnächst vielleicht mit Hilfe der Ex-Kommunisten ein schwuler Bürgermeister im Amt bestätigt wird.

Allerdings gehört zu den Wundern Berlins wie zu denen Amerikas, dass diese beiden Welten trotzdem ein bisschen Gefallen aneinander finden können. Er jedenfalls freue sich auf das große Abenteuer, sagt Coats, der seine Frau und seinen Hund an die Spree mitnimmt. "Wenn Deutsche und Amerikaner einer Meinung sind, dann kann aus dieser gemeinsamen Kraft viel Gutes erwachsen: Frieden, Wohlstand, ein stabiles Europa." Zwar kritisierte Coats diese Woche bei einer Anhörung im Senat die Bundesrepublik überraschend deutlich: "Wir sehen in dem schrumpfenden Bundeswehretat eine große Gefahr", sagte er, "Deutschland muss sich darüber im Klaren sein, dass es ohne die entsprechenden militärischen Mittel keine stärkere politische Rolle übernehmen kann." Dennoch bezeichnet er die deutsch-amerikanischen Beziehungen als "einzigartig".

Aus zwei Gründen wurde der Nicht-Diplomat von George W. Bush ernannt. Zum einen musste Coats entschädigt werden, weil er ursprünglich als Verteidigungsminister vorgesehen war. Dann jedoch ging der Präsident auf Abstand zu dem Sicherheitsexperten. Vielleicht war ihm Coats nicht erfahren und energisch genug. Jedenfalls fiel die Entscheidung schließlich zugunsten des Pentagon-Veteranen Donald Rumsfeld.

Zum zweiten wird Coats von Bush doch außerordentlich geschätzt. Die Philosophie des "compassionate conservatism", mit der der Texaner in den Präsidentschafts-Wahlkampf gezogen war, wurde von Coats gewissermaßen mitentwickelt. Schon seit Anfang der 90er Jahre setzte sich der gelernte Rechtsanwalt - oft im Widerstand zu seiner eigenen Partei - für eine fundamental neue Sozialpolitik ein und gründete 1995 das "Projekt zur Erneuerung Amerikas", das den Grundstock legte für viele Vorhaben der mitfühlenden Konservativen. Deren Grundüberzeugung lässt sich auf die Formel bringen: Den Ärmsten muss stärker geholfen werden, aber nicht durch den Staat, sondern durch aktive Nächstenliebe und religiöse Organisationen. Bis heute ist Coats der Vorsitzende von "Big Brother Big Sister", einer Organisation, die Patenschaften vermittelt für Kinder aus sozial schwachen Familien.

Seinen politischen Ruf begründete Coats vor etwas mehr als acht Jahren durch eine ganz besondere Episode. Damals war gerade Bill Clinton zum Präsidenten gewählt worden. Im Senat sollte die Anhörung des designierten Verteidigungsministers stattfinden. Die Republikaner verteilten unter sich die Fragen für das Kreuzverhör. Als das Thema an die Reihe kam, wer den künftigen Verteidigungsminister nach dessen Haltung zu Homosexuellen in der Armee befragen soll, "herrschte plötzlich Todesstille", erinnert sich Coats. Also übernahm er pflichtbewusst die Initiative. Plötzlich war aus dem unauffälligen Senator aus Indiana, der drei Kinder und mehrere Enkel hat, der Wortführer der Republikaner gegen die Aufhebung des Schwulenverbots im Militär geworden.

Coats ist ein amerikanischer Konservativer, wie er im Lehrbuch steht. Aber gerade das, zusammen mit seiner überwältigenden Freundlichkeit, macht ihn auf eine Weise glaubwürdig, die Neugier ermöglicht, statt Ablehnung zu provozieren. Wenn er Sätze bedeutungsschwer betont wie "Deutschland kommt eine Schlüsselrolle zu", fällt es schwer, dies nur als Plattitüden zu verstehen. In wenigen Wochen prallen in Berlin zwei Welten aufeinander. Wer nicht verbohrt ist, wird das als spannend empfinden.

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