Porträt : Ein Hauch von einem Schrei

Furchtlos erscheint sie den Menschen in Pakistan: Sheema Kermani, die bekannte Tänzerin. Sie sagt: „Ich werde ständig bedroht.“ Während religiöse Fanatiker in ihrem Land Angst verbreiten und Massen mobilisieren, kämpft sie für Menschenrechte.

Eine Institution. Sheema Kermani wird oft in ihrem Land um ihre Meinung gefragt. Sie kämpft für ein säkulares Pakistan, das sich nicht an die Mullahs ausliefert.
Eine Institution. Sheema Kermani wird oft in ihrem Land um ihre Meinung gefragt. Sie kämpft für ein säkulares Pakistan, das sich...Foto: Ingrid Müller

Es ist Zeit, sie muss los. Die Sonne steht schon schräg an diesem Sonntagabend. Sheema Kermani greift die Zigaretten und den Schlüsselbund mit dem bunten Anhänger, ihr Haus verlässt sie durch die Scherengittertür, mit der sich der Wohnraum zum Garten hin öffnet. Das Eisen der Tür ist von der salzigen Meeresluft Karatschis angegriffen. Kermani schlüpft in ihre Sandalen, fertig. Nein, eines fehlt noch. Sie geht zur Hecke und zupft eine weiße Blüte heraus, um sie in ihr langes, dunkles Haar zu stecken. Erst jetzt ist sie bereit.

Auftritte sind ihr Leben, auch die Straße ihre Bühne. Ein Tuch über dem Kopf würde da nur stören. Sheema Kermani würde nie einfallen, sich eines um den Kopf zu binden, wie es immer mehr Frauen in ihrem Land, in Pakistan, für nötig halten, um sich nicht in Gefahr zu bringen.

Diese Gefahr ist nicht sichtbar. Die Menschen reden auch selten über sie. Aber sie begleitet die zierliche Frau, wenn sie in ihren silbernen Santro steigt, um quer durch eine der unsichersten Städte der Welt in dieses Viertel zu fahren, das für sie ein bisschen wie Ausland ist. Wenn sie, wie heute, jungen Mädchen Mut machen will, ihnen zeigen möchte, dass sie etwas können – und keine Angst haben müssen.

„Ich werde ständig bedroht“, sagt Sheema Kermani. „Sie sagen, sie könnten zu meinem Haus kommen.“ Sie schrieben ihr, „was du tust, ist nicht islamisch.“ Ob die, die das schreiben, ihre Drohung auch in die Tat umsetzen würden, weiß Sheema Kermani nicht.

Sheema Kermani ist Tänzerin und Menschenrechtsaktivistin. Sie lebt in einem Land, das in diesen Wochen immer wieder in die Schlagzeilen gerät wegen entfesselter Menschenmassen und gewalttätiger Proteste auf seinen Straßen. Zuletzt setzte ein Minister ein Kopfgeld auf die Macher des Mohammed-Schmähvideos aus. Vielen Pakistanern gehen diese von religiösen Fanatikern initiierten Unruhen auf die Nerven. Auch Sheema Kermani denkt so. Und sie findet, dieser Minister müsse abtreten.

Ein Besuch bei der 61-Jährigen ist aufschlussreich. In ihrer Nähe erfährt man, von welchen Kräften Pakistan zerrissen wird. Kermani hat sich noch nie mit den Fesseln abgefunden, die Extremisten und Ultrakonservative dem Land anlegen wollen. Viele halten schon jetzt den Mund, sie müssten in der hitzigen Atmosphäre um ihr Leben fürchten, glauben sie. Sheema Kermani ist eine Ausnahme. Bei aktuellen Anlässen kommen Fernsehteams bei ihr zu Hause vorbei, um ihre Meinung zu hören, die Meinung einer Tänzerin, die in London studiert hat und zudem noch den weithin verpönten klassischen indischen Tanz beherrscht. 1979 gründete Sheema Kermani die Gruppe Tehrik-e-Niswan. Das ist Urdu und heißt Frauen-Bewegung. Bis heute tanzen die Mitglieder dieser Compagnie für Freiheit und gegen extremistische Mullahs.

Heute Abend aber geht es erst mal um etwas anderes. Kermani fährt ans andere Ende der Stadt, wo Mädchen auf sie warten, deren Sprache ihr nicht geläufig ist. Die Mädchen sprechen Sindhi, sie Urdu. „Es wird schon gehen“, sagt sie und lächelt dabei. Sie ist gebeten worden zu kommen. Aber sie geht nicht allein dorthin.

Kermani steuert zunächst das Haus von Khalim an, eines Freundes. Er war mit ihrer Tehrik-Mitbegründerin verheiratet, nach deren Tod lebt er mit der 18-jährigen Tochter im Haus der Familie. Um es zu erreichen, muss Sheema Kermani eine Straßensperre passieren. Denn in dem Viertel befindet sich das Hauptquartier der MQM, der einflussreichen Partei der aus Indien zugewanderten Urdu-Muslime. Sie unterhält wie viele Parteien in der Stadt bewaffnete Milizen, die als militanter Arm agieren und politische Auseinandersetzungen oft brutal führen. Direkt neben Khalims Haus an zwei Schranken wachen deren Leute.

In Karatschi ist die Grenze manchmal nur schwer zu erkennen, was ein krimineller Akt und was ein Akt politischer Gewalt ist. Nach Zählung der Menschenrechtskommission vom August starben in diesem Jahr 1725 Menschen, davon 227 Aktivisten. „Du kannst das nur akzeptieren oder wegziehen“, sagt Khalim.

Durch Khalim erfuhr Sheema Kermani von den Mädchen, die nun ungeduldig auf sie warten. Sheema stellt sich zwischen sie. „Ihr wisst, dass ich das nicht mag, wenn ihr diese Tücher tragt“, sagt sie zu zweien von ihnen und zieht an deren Kopfbedeckungen. Es ist eine Geste, die den Kindern zeigt, worum es hier geht. Nicht nur um Schritte und fließende Bewegungen, um Proben für eine künftige Theateraufführung. Da ist sehr viel mehr zu leisten. Selbst die Kleinen verhüllen ihr Haar.

Die erste Übung, sie soll eigentlich nur der Auflockerung dienen, ist einfach – und gleichzeitig unendlich schwer. Im Halbkreis stehen die Mädchen und sehen Sheema Kermani tief Luft holen. Mit dem Arm unterstreicht sie den Atemzug und dass sich der Körper streckt und größer macht, sich wichtiger nimmt, und dass die Luft mit einem lauten Schrei wieder hinaus soll. Sheema Kermani macht es vor. Eine scheue Grundschülerin plustert sich auf, atmet ein – doch es ist kaum ein Ton zu hören. Ihre Nachbarin, größer und älter bereits, zieht Luft ein, atmet aus – wieder nur der Hauch eines Schreis. Es ist, als würde ihnen die fehlende Freiheit den Hals zuschnüren.

Sheema Kermani schlägt einen Spaziergang zur Schule vor, wo die Vorstellung geplant ist. Kaum ein Mädchen traut sich ohne Schleier auf die Straße. Alle Blicke sind auf die Gruppe gerichtet, die Männer vor den Geschäften schauen den Mädchen und ihrer selbstbewussten Lehrerin nach. Selbst hier, wo sie eine Fremde ist, scheint sie zu wissen: Seht her, euch passiert nichts.

Morgenlektüre. Sheema Kermani in ihrem Haus in Karatschi.
Morgenlektüre. Sheema Kermani in ihrem Haus in Karatschi.Foto: Ingrid Müller

Sheema Kermani wuchs behütet auf. Der Vater war bei der Armee und die Familie zog ihm alle zwei Jahre zu neuen Aufgaben hinterher. Ein Fahrer brachte die Tochter morgens zur Schule und holte sie auch wieder ab. Dann, 1971, brachen „aufregende Zeiten“ an, wie Kermani sich erinnert. Der Bangladesch-Krieg war gerade zu Ende, die Vietnam-Bewegung, Hippies, Flower Power kamen auch in Pakistan auf. Sheema begann, Marx zu lesen. Sie schloss sich den Linken an.

Die Familie war dagegen: „Ständig gab es Streit.“ Die Tochter gab sich mit Leuten aus dem Untergrund ab. „Die Polizei durchsuchte unser Haus.“ Es endete in der Familienkrise. Der Vater wollte nichts mehr mit ihr zu tun haben, jahrelang herrscht Funkstille.

Sie arbeitete derweil mit Frauen in Fabriken, stritt für die Kinderbetreuung von Arbeiterinnen, organisierte Unterricht für Erwachsene und heuerte als Sekretärin bei einer Pharmafirma an. Schließlich traten sie und ihre Freundin zur Eröffnung eines Einkaufszentrums für Frauen mit einem Proteststück auf – Sheema wollte tanzen, sie hatte am Arts College studiert. „Die Reaktion war so anders als bei all unseren politischen Konferenzen.“ Frauen kamen mit ihren Babies und fingen an zu reden. „Sie erzählten von Vergewaltigung, Zwangsehen, Prügelattacken.“ Das war die Wende und der Beginn von Tehrik-e-Niswan, die erste feministische Organisation. „Wir wollten die Geschichte neu definieren“, sagt sie heute. Sie wollten zeigen, dass es nicht nur männliche Helden gibt. Einfach war es nicht, und einfach ist es bis heute nicht.

Nach Drohungen an der Uni in Karatschi hat es dort keine Veranstaltungen mehr mit ihr gegeben. Doch ihre Devise ist: Wir dürfen uns dem Druck nicht beugen. Sie und ihre Truppe haben 100 Aufführungen gegen sogenannte Ehrenmorde gezeigt. Sie haben Videos gedreht, um Frauen zu ermutigen, sich ihrer Kraft und ihrer Rechte zu entsinnen. Als im vergangenen Jahr der Gouverneur des Pandschab, Salman Taseer, von einem Leibwächter ermordet wurde, weil er sich gegen das Blasphemiegesetz gewandt und für eine zum Tode verurteilte Christin eingesetzt hatte, haben sie mit ihrem Theater abermals nicht geschwiegen. „Die, die die Religion missbrauchen, werden wir stoppen“, skandierten sie in Schwarz gekleidet, reckten die Fäuste.

Es ist spät, als sie nach Hause zurückkehrt und sich im Wintergarten erst mal eine Zigarette anzündet. Trotz des Ventilators an der Decke hat sich die Luft nicht abgekühlt. Nur in ihrem kleinen Studio ist die Hitze weniger drückend. Sheema Kermani sieht hier kurz ihre Mails durch. Sie möchte Verwandte in Großbritannien besuchen, hat ein Visum beantragt. Doch sie werden den Antrag ablehnen, niemand garantiere, dass sie wieder heimfahre, heißt es. Ob sie je wieder ein Visum bekommt, fragt sie sich? Ihre Heimat ist ihr Makel.

Schritte in die Freiheit. Sheema Kermani bildet in ihrem Studio privat junge Tänzer und Tänzerinnen aus.
Schritte in die Freiheit. Sheema Kermani bildet in ihrem Studio privat junge Tänzer und Tänzerinnen aus.Foto: Ingrid Müller

Auch ihre eigene Situation wird zunehmend schwieriger, aber sie spricht darüber nicht. Es gibt nur wenige bezahlte Auftritte, die Einnahmen sind bescheiden. Die Verlockungen, Tänzer zu werden, sind gering.

Am nächsten Tag sitzt sie nach stundenlangen, schweißtreibenden Proben umringt von ihren Tanzkollegen in der Küche, isst mit ihnen Chapatis und Gemüse, alle greifen mit den Fingern zu. Mumtaz, die mit ihrer Tochter Sanna kommt, ist vor ihrem gewalttätigen Mann in ein Frauenhaus geflohen, hält sich jetzt mit Auftritten bei Hochzeiten und mit Näharbeiten über Wasser. Giran, die 23-Jährige im Guess-Shirt, will nur so lange in Pakistan bleiben, wie ihre Schwester Medizin studiert, der Rest der Familie ist längst in den USA. Mohsin, 28, den alle Baber nennen, ist Tänzer mit Leib und Seele, er unterrichtet schon selbst. Zu Hause galt sein Talent lange als „Haram“, als Sünde. Baber fürchtet, dass „Kalaschnikow-Mullahs“ das Land übernehmen könnten.

Kaum sind ihre Schüler aufgebrochen, zieht Sheema sich um, schlüpft in den Santro. Im Carlton Hotel warten elf Bekannte auf sie. Ärzte, Anwälte, Historiker, Journalisten, Honoratioren, mit weißen Haaren und Schnauzbärten. Sie glauben, dass eines der zentralen Probleme Pakistans die Verschmelzung von Staat und Religion ist. Sie wollen dafür kämpfen, den Bezug zum Islam aus der Verfassung zu tilgen. Das sei nicht im Sinne von Staatsgründer Jinnah gewesen, sagen sie. Es werde allzu oft benutzt, um Menschen zu unterdrücken. Sie wissen, dass viele Pakistaner ihren Vorstoß als Verrat empfinden.

Als Sheema Kermani am Carlton eintrifft, fällt ihr auf, dass etwas nicht stimmt. Dass sie etwas versäumt hat. Am Eingang pflückt sie sich eine weiße Blüte von einem Strauch und steckt sie sich hinters Ohr. Jetzt ist sie bereit.

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