Porträt Müntefering : Erste Reihe, Rücken frei

Er wird nun zum zweiten Mal SPD-Chef, aber zum ersten Mal mit der vollen Verantwortung. Franz Müntefering will seine lädierte Partei wieder zur „Meinungsführerschaft“ bringen. Und die hat den Ernst der Lage erkannt: Sie streitet nicht mehr.

Tissy Bruns
Müntefering
Antrieb aus dem Innersten. Franz Müntefering im Parlament. -Foto: dpa

Da müssen Sie anrufen und fragen“, sagt Franz Müntefering und reicht Seyran Ates seine Karte mit der eingekringelten Telefonnummer auf der Rückseite, „das ist meine Bundestagsnummer. Im Willy-Brandt-Haus habe ich noch keine.“ Es ist Mittwoch, drei Tage vor dem SPD-Sonderparteitag. Der designierte Vorsitzende sitzt im Kreis deutsch- türkischer Autorinnen, darunter die Anwältin und Frauenrechtlerin Ates. Buchmesse in Frankfurt. Noch kann er sie sich leisten, die lockere Zettelwirtschaft, bei der er Termine verspricht, eigenhändig in den Kalender schreibt und kleine Vermerke auf losen Blättern festhält. Noch hat er Zeit, noch kann er viel lesen oder morgens auf dem Laufband 3000 Meter laufen. Müntefering ist schnell, er ist sehr schmal geworden und blass. Und er ist entschlossen. Das war er schon immer.

Das Jahr war gut, sagt er in Frankfurt. „Es war furchtbar, aber auch gut.“ Nach elf Monaten Abstand von der Spitzenpolitik wird er am Montag das Berliner Willy-Brandt-Haus übernehmen, die Parteizentrale. In diesen elf Monaten hat er in Bonn seine schwer kranke Frau betreut und begleitet bis zu ihrem Tod im Spätsommer. Jegliches hat seine Zeit – für Müntefering war es auch die Zeit, seiner anderen Passion, der Politik, auf andere Weise nachzugehen, als es mitten im Getriebe der Spitzenpolitik möglich ist. Lesend, schreibend, außerhalb des Tagesdrucks. Diese Zeit hat ihn, nach eigenem Bekenntnis, verändert.

In die SPD-Zentrale zieht er zum vierten Mal in seinem Leben ein. 1995 ist er als Bundesgeschäftsführer gekommen, angekündigt als „letzte Chance“ für den damaligen SPD-Chef Rudolf Scharping. Der ist es aber schon nicht mehr, als Müntefering kurz darauf in Mannheim gewählt wird. Der SPD-Vorsitzende heißt nun Oskar Lafontaine, und als der sich ohne Erklärung von der Truppe entfernt, muss Müntefering 1999 als Generalsekretär ran. Vorsitzender ist nun Gerhard Schröder, der ist Bundeskanzler und braucht einen, der ihm den Rücken freihält, auch und vor allem vor den Anwandlungen der Genossen. Im Feuer der Schröderschen Reformpolitik muss 2004 die Dosis gesteigert und Müntefering selbst Parteichef werden – eine Rolle, die kaum auszufüllen ist.

Der Mann, der aufstieg zum stillen Helden der SPD – zum Seelenversteher und ersten Parteisoldaten –, und sie nur deshalb antreiben konnte, das Regieren und die Verantwortung zu wollen, führt sie nach heftigen Konflikten um die Reformpolitik schließlich in eine vorgezogene Neuwahl, denn Schröders Macht ist aufgebraucht. Rettet sie zusammen mit Schröder in eine ungeliebte, die große Koalition. Gibt den Parteivorsitz mitten in der Regierungsbildung auf, als im Konflikt um den künftigen Generalsekretär klar wird, dass die SPD sich nicht an der kurzen Leine des designierten Vize-Kanzlers Müntefering führen lassen will, weil sie Schröders Basta-Politik satt hat.

Der Auftritt des soeben zurückgetretenen SPD-Chefs im November 2005 ist ein denkwürdiger, ein typischer „Münte“. Er habe sich ja eigentlich vorgenommen, erklärt er damals der überraschten Öffentlichkeit und einer schockstarren SPD, in den nächsten Jahren den Übergang zur nächsten SPD-Generation einzuleiten. „Das“, sagte der damals 65-Jährige lakonisch, „findet nun etwas schneller statt.“

Ein Moment der Parteigeschichte, den er geschrieben – und der ihn eingeholt hat. Denn Müntefering irrt, es findet kein Generationenwechsel, sondern ein Zerfall statt. Drei Jahre später kehrt er als 68-jähriger Parteichef zurück, der sich nicht als Übergangslösung versteht. Tatsächlich sieht die SPD nach seinem Rücktritt von 2005 immer älter aus. Müntefering muss zusehen, wie der abtrünnige Lafontaine mit der neuen Linken sich im Land breitmacht und der SPD das Wasser abgräbt, wie unter seinem Nachfolger Kurt Beck die Sozialdemokratie niedergeht und den Glauben an sich selbst verliert.

Schon Mitte August, kurz nach dem Tod seiner Frau, wird der Ruf nach seiner Rückkehr in die Politik laut. Anfang September kehrt der erprobte Wahlkämpfer – „heißes Herz und klare Kante“ im Münchner Hofbräuhaus – für jedermann sichtbar auf die politische Bühne zurück. Wenige Tage später braucht er zehn Minuten Bedenkzeit, als es um die Nachfolge Becks geht. Der tritt zurück, als er begreift, dass er in einer Troika mit Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier und Wahlhelfer Müntefering de facto kein Parteivorsitzender mehr sein wird.

Seither führt wieder ein Duo die SPD, die damit nicht nur gute Erfahrungen hat – siehe Schröder und Lafontaine. Die haben bis zum Wahlerfolg von 1998 eine Männerfreundschaft inszeniert, zwischen die kein Blatt Papier passt, um zu verbergen, dass ihre Konkurrenz mit Schröders Kanzlerkandidatur nicht beendet war. Das müssen Steinmeier und der künftige SPD-Vorsitzende nicht; die Aufgaben sind ehrlich verteilt. Der Kanzlerkandidat ist der wichtigste Mann für die SPD, postuliert der designierte Vorsitzende seitdem unermüdlich. Er überlässt Steinmeier den Platz vorn auf der Bühne bereitwillig. Es ist Steinmeier, der in Interviews die Perspektive einer rot-gelb- grünen Ampel ausruft. Oder nach dem Wahldebakel der CSU im Willy-Brandt- Haus zum Entzücken der versammelten Genossen ein politisches Erdbeben und das Ende der schwarz-gelben Hoffnungen beschwört.

Münteferings nette Zettelwirtschaft, seine penible Weigerung, als Vorsitzender aufzutreten vor der formalen Wahl, verdeckt ein Rollenproblem ganz neuer Art. Müntefering wird zum zweiten Mal SPD-Chef, aber er wird es zum ersten Mal mit der ganzen Verantwortung. Er muss die Zuversicht und Kampfeslust in die SPD zurückbringen, die ihr nicht erst unter Beck verloren gegangen ist.

„Die Luft schwirrt vor sozialdemokratischen Fragen“, antwortet Müntefering selbstbewusst, wenn er gefragt wird, ob die SPD nach der großen Finanzkrise die Meinungsführerschaft erobern kann, die er der CDU und Angela Merkel abspricht. „Wir sind nicht der Kanzlerwahlverein“, ruft Andrea Nahles, die Parteilinke, vor dem Parteitag vernehmlich. Ein Hinweis, dem in der SPD niemand ernsthaft widersprechen kann. Schon gar nicht der neue Vorsitzende. Denn niemand weiß besser als Müntefering, dass eine SPD ohne Zuversicht so viel wert ist wie eine Kirche ohne Glauben, und auch, dass sich in dieser Partei kein Siegeswillen entzünden lässt, der nur aufs Kanzleramt zielt. Die „Meinungsführerschaft“, die seine Partei gewinnen soll, braucht einen Antrieb, der aus dem Innersten der SPD kommt. Von dort kommt Müntefering, der Kanzlerkandidat nicht. Der formalen Zuschreibung, die Steinmeier zum ersten Mann der SPD erklärt, wird die Partei vielleicht folgen. Um Steinmeier im Wahljahr aber auch tatsächlich dazu zu machen, dafür allerdings ist Müntefering nun zum ersten Mal in seinem Leben der Wichtigste in der SPD.

Das Wochenende am Schwielowsee, die bayerische Landtagswahl und der große Schock der Finanzkrise – die SPD ist im Oktober 2008 kaum wiederzuerkennen. Das neue Duo hat noch nicht gesprochen. Aber es ist möglich, dass über Ampelperspektiven geredet wird, mit einer SPD an der Spitze, die immer noch bei Niedrigwerten liegt.

Im September stellen erst Nahles, dann Steinmeier ein Buch des umtriebigen Umweltministers Sigmar Gabriel vor, und es ist, als gebe es keine Flügel mehr in der SPD. Der Streit über Ja oder Nein zur Agenda? Gemeinschaftlich zu Grabe getragen: „Es muss Schluss sein mit der schwärenden Auseinandersetzung um die Agenda“, sagt Nahles. Und Gerhard Schröder, der an einem Montag Ende September groß eingeladen hat, wiederholt seinen Hinweis, dass seine Reformen keinen Moses nötig haben, der sie hütet. Es klingt milde, ganz anders als vor einem Jahr, als das gleiche Schröder-Wort als scharfe Munition gegen Müntefering verstanden worden ist, der Kurt Becks Korrektur bei der Verlängerung des Arbeitslosengelds vergeblich widersprochen hatte.

Es ist eine bemerkenswerte Versammlung, die sich im Berliner Jüdischen Museum zusammengefunden hat. Man feiert das zehnte Jubiläum der von Schröder geschaffenen Institution des Kulturstaatsministers. Alle sind gekommen, von Günter Grass bis Peter Maffay. Das mehrstündige Programm ist eine Zumutung für alle, die nicht zur Familie gehören. Doch die, die SPD nämlich, sonnt sich an diesem Abend an sich selbst, wie man es seit Jahren nicht gesehen hat.

Verdient? Niemandes Verdienst, die Situation hat sich verändert. Steinmeier hält spät eine schöne Rede, in der er herausstellt, wie gut es doch war, dass die rot-grüne und die großkoalitionäre Auslands- und sonstige Kulturpolitik den Rufen widerstanden hat, den Staat auf diesem Feld zurückzuziehen. Da ist der Schock der Finanzkrise noch nicht in Berlin angekommen. Der designierte SPD-Vorsitzende, Autodidakt in allen Fragen höherer Bildung, der frühe Warner vor den Heuschrecken, spricht an diesem Abend in kein Mikrofon. Er sitzt in der ersten Reihe und hört zu, es muss eine Plage sein. Er habe sich amüsiert, gibt er später zu Protokoll.

Schwer zu glauben, im Fall des Franz Müntefering trotzdem glaubhaft. „Die Situation ist da“, hätte der erste Kanzler der Republik, Konrad Adenauer, vielleicht gesagt. Der hat, wie Müntefering, selbstbewusst einen eingeschränkten Wortschatz eingesetzt, wenn er Menschen mit seinen Reden überzeugen wollte.

Der katholische Rheinländer Adenauer hat stets den Rat gegeben, man solle die Menschen so nehmen wie sie sind. Denn andere gibt es nicht. Der katholische Sauerländer Müntefering zitiert mit Vorliebe einen alten Genossen, Karl Richter, kein prominenter Mann, der an seinem 100. Geburtstag die Bilanz gezogen hat: „Du musst das Leben nehmen wie es ist. Aber du darfst es nicht so lassen.“ Am Samstag wird Müntefering gewählt, mit 97 Prozent Zustimmung rechnet er nicht. Die muss Steinmeier bekommen.

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