Porträt : Wer ist Dieter Lenzen?

Er hat Spaß an Wirbel. Amerikanische Unis sind ihm ein Vorbild. Widerstand treibt den Berliner FU-Präsidenten an – zurzeit im Kampf mit der Charité.

Anja Kühne
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Der Alpha-Präsident. Dieter Lenzen leitet die FU. Von anderen Hochschulleitern hebt er sich ab. Fotos: dpa (2), Kitty...

VOR WELCHER HERAUSFORDERUNG STEHT LENZEN GERADE?



Empörung und Kopfschütteln hat Dieter Lenzen für seinen Vorschlag geerntet, das Uniklinikum Benjamin Franklin in Berlin-Steglitz (UKBF) wieder enger an die Freie Universität (FU) zu binden und teilweise zu privatisieren. „Das kommt überhaupt nicht infrage!“, erklärte Finanzsenator Ulrich Nußbaum. Hintergrund von Lenzens Vorstoß ist seine Sorge, dass UKBF könnte wegen des hohen Defizits der Charité infrage gestellt werden. Die Professoren des UKBF stehen daher hinter Lenzen. Vor sieben Jahren wurde das UKBF als Uniklinikum der FU nur gerettet, indem es mit der Charité, die damals allein zur Humboldt-Universität gehörte, fusioniert wurde. Wieder einmal verursacht Lenzen Wirbel.

WELCHE ROLLE SPIELT LENZEN IN BERLIN?

Lenzen ist der Alpha-Präsident unter Berlins Hochschulleitern. Schon optisch hebt der 61-Jährige sich ab. Der Erziehungswissenschaftler tritt wie ein Manager auf. Anders als manche seiner Kollegen würde Lenzen niemals in C & A-Anzügen oder gar in verbeulten Cordhosen vor seine Studierenden treten. Er hat Spaß an teurem Tuch. Als Non-Konformisten weisen ihn seine meist kragenlosen Hemden aus. Darüber baumelt ihm oft die Verkabelung zu seinem edlen Handy, denn Lenzen steht mit seiner Umwelt in regem Austausch. Kontakte pflegt er auch gerne im Berliner Capital Club, der den führenden Geschäftsleuten der Stadt englische Tapeten, einen 38 Millimeter hohen chinesischen Teppich und einen schönen Blick über den Gendarmenmarkt bietet.

Wann immer die Hochschulen sich von der Politik bedroht sehen, setzt Lenzen sich an die Spitze des Widerstands. Er mobilisiert die Basis an seiner Uni, rüttelt die Öffentlichkeit auf und besucht sogar den Regierenden Bürgermeister. Bei den gerade abgeschlossenen langwierigen Verhandlungen über die Zuschüsse für die Hochschulen mischte Lenzen kräftig mit – erfolgreich. Der Eindruck entstand, dass Wowereit und Finanzsenator Nußbaum wegen der Proteste der Unis schließlich Zugeständnisse machten. Niemand hat das umstrittene Prestigeprojekt von Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD), die neue Einstein-Stiftung für Berlins Spitzenforschung, heftiger attackiert als Lenzen. Die Uni-Präsidenten nehmen für sich heute in Anspruch, die für sie inakzeptable Ähnlichkeit der Stiftung mit einer Hochschule wegverhandelt zu haben.

Wegen seiner Umtriebigkeit wurde Lenzen vor den letzten Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus sogar in der CDU als zukünftiger Spitzenkandidat gehandelt. Der parteilose Präsident schwor der FU aber die Treue: „Das wäre sonst ja, als hätte man ein Kind gezeugt und würde sich davonmachen.“

Auch bundespolitisch spielt Lenzen über Bande, zumal, seit er im Jahr 2007 Vize-Präsident der Hochschulrektorenkonferenz wurde. Wer angenommen hatte, Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) werde als promovierte Theologin besonders innige Kontakte zur Humboldt-Universität pflegen, weil deren Präsident Christoph Markschies ein Theologie-Professor ist, hat sich geirrt. Lenzen umwarb die Ministerin, ja biederte sich bei ihr an, wie Uni-Angehörige kritisierten, als Schavan Ehrenprofessorin der FU wurde.

WAS MACHT LENZEN STARK?

Lenzens schon immer gutes Selbstbewusstsein hat noch zugenommen, seit er die FU vor zwei Jahren in der bundesweiten Exzellenzinitiative überraschend unter die neun „Eliteunis“ führte. Die Gewichte verschieben sich noch weiter zu seinen Gunsten, weil keiner seiner Amtskollegen es mit ihm aufnehmen kann. Der neben Lenzen bieder wirkende TU-Präsident Kurt Kutzler ist eine lame duck. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Untreue: Er soll der TU-Kanzlerin zu einem überzogenen Gehalt verholfen haben. In einem Dreivierteljahr geht Kutzler ohnehin in Pension. HU-Präsident Markschies ist geschwächt, weil seine Uni anders als allgemein erwartet im Exzellenzwettbewerb scheiterte.

WIE GUT KANN LENZEN MIT ZÖLLNER?

Als Jürgen Zöllner vor fast drei Jahren nach Berlin kam, bezeichnete Lenzen ihn als „Gewinn für das Berliner Bildungswesen“. Zöllner wiederum nannte den FU-Präsidenten „geschickt“. Inzwischen herrscht Atmosphäre Feinfrost. Wo Zöllner Dankbarkeit erwartet, fühlt er sich angegriffen. Der Senator pocht darauf, dass die FU ohne ihn den Elitewettbewerb nicht gewonnen hätte. Denn in der entscheidenden Politikerrunde setzte Zöllner durch, dass nicht nur weitere drei, sondern sechs Hochschulen in Deutschlands Uni-Olymp aufgenommen wurden. Nur so sei überhaupt Platz für die FU gewesen. Entsprechend vergrämte es Zöllner, als Lenzen nach dem Sieg mitteilte: Berlin habe nun eine Exzellenzuni, Zöllners Elite-Stiftung sei also überflüssig. Aus Lenzens Sicht verdankt die FU ihren Sieg zuerst ihrem starken Antrag. Richtig ist, dass die FU ihren Erfolg sowohl einem starken Antrag als auch einem starken Politiker verdankt. Der HU konnte Zöllner nicht helfen: Ihr Antrag war zu diesem Zeitpunkt schon ausgeschieden.

WAS WILL DIETER LENZEN?

Dieter Lenzen hat nur ein Ziel vor Augen: das Wohl der Freien Universität. Was der FU-Präsident darunter versteht, ist an seinem Agieren gut abzulesen. Er will eine Spitzen-Universität nach amerikanischem Vorbild schaffen. Für Lenzen gehört dazu eine möglichst große Unabhängigkeit der FU. In Berlin-Dahlem soll eine autarke Uni-Stadt entstehen, die alles hat, was ihre Einwohner brauchen. War die FU früher über zig Standorte verteilt, wird der Campus nun konzentriert, nicht nur, weil das Kosten spart. Die Studierenden und Wissenschaftler sollen möglichst alle Gebäude zu Fuß erreichen können. Zum Campus gehören neuerdings ein Hotel, eine Weiterbildungsuniversität und ein Beachvolleyplatz – über Läden, in denen die Uni-Angehörigen ihren täglichen Bedarf decken können, hat Lenzen ebenfalls schon nachgedacht. Auch die Wissenschaft der FU soll aus sich selbst heraus lebensfähig sein und nicht am Tropf anderer Einrichtungen hängen. Seit das Uniklinikum Franklin mit der Charité fusioniert ist, hat die FU aber Fächer und Schwerpunkte verloren, die für ihre Naturwissenschaftler wichtig sind, sagt nicht nur Lenzen.

Neben solchem Gerangel um die Forschung will der Präsident sich jetzt besonders für die Lehre engagieren. Auch an der FU wird noch zu lange studiert und zu oft abgebrochen. Studiengebühren hat der Berliner Senat zur Verbesserung der Lehre ausgeschlossen. Das ist ganz in Lenzens Sinne. Er gehört zu den wenigen Hochschulpräsidenten, die meinen, Gebühren führten zu sozialer Auslese.

WARUM HAT LENZEN OFT ÄRGER?

In der Berliner Wissenschaftsszene wächst die Kritik an Lenzen. Der FU-Präsident gilt als Störenfried, dem seine Erfolge zu Kopf gestiegen sind. Denn Lenzen betreibt eine reine Machtpolitik für die FU. Hat er den Eindruck, die FU könne zu kurz kommen, stürzt er sich aufs Spielfeld. So ärgert er die Humboldt-Uni, indem er in der alten Berliner Universität auch die Mutter der FU sieht.

Unbeliebt ist Lenzen auch bei manchen außeruniversitären Instituten. Aus Sicht von Experten ist übergreifende Zusammenarbeit von Forschern aus der Region durchaus ein Gewinn für Berlin. Dem würde Lenzen nicht widersprechen. Doch er achtet genau darauf, dass dabei keine Wissenschaftler aus der FU „herausgelöst“ werden. So gab es mit ihm Krach um die Gründung eines außeruniversitären Zentrums für die Regionalstudien sowie um das angesehene Mathematik-Zentrum „Matheon“ und natürlich um Zöllners Einstein-Stiftung.

WIE KOMMT ER AN DER FU AN?

Auch an der FU gibt es Kritik. Vor wenigen Wochen bekam Lenzen Besuch von einer Delegation aus dem Akademischen Senat. Mehrere Professoren wollten ihrem Gefühl Luft machen, der Präsident habe sich von den Belangen der hart arbeitenden Basis abgewandt. Er bringe herausragenden Forschern, wenn sie nicht in Exzellenzbereichen tätig sind, zu wenig „Wertschätzung“ entgegen und treffe in Klüngelrunden intransparente Entscheidungen. Lenzen konnte die Wogen glätten. Er habe sehr aufgeschlossen reagiert, sagen sogar seine Kritiker. Trotzdem steht der zwei Mal mit großer Zustimmung gewählte FU-Präsident jetzt unter verschärfter Beobachtung.

Ins Wackeln bringen dürfte das seinen Stuhl nicht. Der Sieg im Exzellenzwettbewerb, Besuche von Nobelpreisträgern wie Stephen Hawking und Bischof Tutu und der immer schöner werdende Campus mehren den Stolz vieler Uni-Angehöriger. Und Wissenschaftlerinnen wissen zu schätzen, dass die FU auch durch Lenzens Engagement mehr Professorinnen hat als jede andere deutsche Uni. Bei so viel Erfolg wird ihm dann auch verziehen, wenn er bisweilen ruppig auftritt: „In Berlin muss man auf den Tisch hauen“, sagt ein FU-Dekan.

ZUR PERSON

GEBOREN

Dieter Lenzen wurde 1947 in Münster geboren. Unter der autoritären Schule hat er gelitten. Das prägte seinen Werdegang.


AUSBILDUNG

Er studierte in Münster Erziehungswissenschaft sowie Philosophie, Deutsche, Englische und Niederländische Philologie. Nach der Promotion (1973: „Studien zur strukturalen Didaktik und Curriculumforschung“) arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im nordrhein-westfälischen Kultusministerium unter Johannes Rau. Mit 28 Jahren wurde Lenzen zum Professor in Münster ernannt. Seit 1977 ist er an der FU, zwischen 1999 bis 2003 war er ihr Vizepräsident, seit 2003 ist er FU-Präsident.


FAMILIE

Der Vater dreier Söhne ist verheiratet mit Agi Schründer-Lenzen, Professorin für Grundschulpädagogik an der Uni Potsdam.

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