Porträt : Wer ist John McCain?

Er stimmte oft gegen Bush. Seine Kampagne war schon pleite. Jetzt ist der prinzipientreue Außenseiter plötzlich der charakterstarke Favorit der Republikaner.

Christoph Marschall

WIE HAT ES MCCAIN GESCHAFFT, PLÖTZLICH ZUM FAVORITEN BEI DEN REPUBLIKANERN ZU WERDEN?

Amerika erlebt eine Auferstehungsgeschichte. John McCain, der weißhaarige Senator aus Arizona, ist plötzlich der Frontrunner der Republikaner für die Präsidentschaftswahl. Dabei haftete ihm bei seinen Bewerbungen ums Weiße Haus ein Verliererimage an. Im Sommer 2007 hatten ihn fast alle abgeschrieben. Der Vietnamveteran trat für eine Truppenverstärkung im Irak ein, die selbst unter vielen Republikanern unpopulär war. Deshalb blieben Spenden für seinen Wahlkampf aus. Im Juli war seine Kampagne pleite. Er musste viele Mitarbeiter entlassen.

McCain stieg vom Wahlkampf per Jet und Empfängen in teuren Hotels auf seinen bewährten Reisebus um, den „Straight Talk Express“ und tourte durch die frühen Vorwahlstaaten, nun als Underdog. In dieser Rolle ist er glaubwürdiger. Nun ist die Zahl der Anschläge im Irak zurückgegangen. McCain gilt nun als der weise Mann, der den Bürgern sagt, „was ihr nicht hören wollt, aber wissen müsst“ – und der Recht behielt.

Auch wegen des Wahljahrs 2000 haftet ihm der Ruf des zu Unrecht Missachteten an. Kurzzeitig war er damals der Favorit, nach seinem Triumph bei der Vorwahl in New Hampshire. In South Carolina aber stoppte ihn George W. Bush, auch dank einer anonymen „Smear Campaign“ – es hieß, McCain habe angeblich eine uneheliche Tochter mit einer Schwarzen. Tatsächlich hat er ein dunkelhäutiges Mädchen aus Bangladesch adoptiert, nach Vermittlung durch Mutter Teresa. Umso süßer für ihn war nun sein überzeugender Sieg bei der Vorwahl in South Carolina 2008.

McCains plötzliche Beliebtheit ergibt sich aus seiner vielschichtigen Beziehung zur Republikanischen Partei und den konservativen Wählern. Sie lieben ihn nicht, dafür ist er zu liberal und dafür hat er zu oft gegen die Parteidisziplin verstoßen. Aber sie respektieren seine Prinzipientreue, sie achten seinen Charakter und sie verehren den Kriegshelden von Vietnam. Er hat den Ruf, er tue, was er für richtig halte, selbst wenn ihm das politisch schade. Sie nennen ihn einen „Maverick“: einen Außenseiter, einen Jungstier ohne Brandzeichen, also unkontrollierbar. Er ist damit das Gegenmodell zu Mitt Romney, der einen opportunistischen Wahlkampf führt und um die Rechte buhlt, obwohl er vor wenigen Jahren als Gouverneur im liberalen Massachusetts moderate Positionen vertrat.

Eingeschworene Konservative werfen McCain vor, er missachte republikanische Grundtugenden. Er stimmte mehrfach gegen Bushs Steuersenkungsprogramme. Nach seiner Meinung waren die nicht gerecht und gefährdeten die Budgetdisziplin. Er lehnt zwar Abtreibung ab, ist aber zugleich gegen ein absolutes Abtreibungsverbot. Er stellt sich gegen die Forderung der Rechten, die Homosexuellenehe gesetzlich zu verbieten. Der Staat habe sich in solche privaten Beziehungen nicht einzumischen. Persönlich wertkonservativ, aber tolerant gegenüber Andersdenkenden: Das ist die typische Haltung im Westen des Landes, auch in Arizona, das McCain seit über 20 Jahren im US-Senat vertritt.

Erbitterte Kämpfe hat er sich mit Bush geliefert, als der eine „Folter light“ gegen Terrorverdächtige durchsetzen wollte. McCain sprach dagegen: Amerika dürfe im Kampf gegen Extremisten nicht seine Werte verraten. Folter-„Geständnisse“ seien zudem unzuverlässig. Jeder Mensch habe eine Leidensgrenze, ab der er alles sage, was die Peiniger hören wollen. Das war besonders glaubwürdig, weil er selbst in fünfeinhalb Jahren nordvietnamesischer Kriegsgefangenschaft gefoltert worden war.

Auch beim Umgang mit den rund elf Millionen illegalen Einwanderern aus Mexiko, Mittel- und Südamerika lehnt er den ideologischen Kurs der Rechten ab – verfolgen, bestrafen und deportieren. Er ist für eine pragmatische Lösung: das Angebot einer Legalisierung, wenn die Betreffenden Steuern nachzahlen.

WAS HAT IHN GEPRÄGT?

Er stammt aus einer Militärfamilie und ist ein Kämpfer. In seiner Jugend litt er unter seiner schmächtigen Gestalt – damals nur 58 Kilo Gewicht bei 1,70 Meter Größe. Einige Jahre seiner Militärzeit war er nebenher Leichtgewichtsboxer. Er galt aber auch schon damals als jähzornig. Geprägt hat ihn die mehrfache Erfahrung von Todesnähe. Als Marineflieger stürzte er im Training vor der Küste von Texas ins Meer, überlebte aber ohne größere Verletzung. Im Vietnamkrieg flog er Einsätze von einem Flugzeugträger. Als er in seinem voll betankten und mit Napalmbomben bestückten Jet startbereit war, löste sich eine Rakete und setzte die Maschine in Brand. McCain konnte aussteigen und von der Flugzeugnase auf das flammenübersähte Deck springen, ehe sein Jet explodierte.

Wenig später wurde er abgeschossen und kam in Kriegsgefangenschaft. Zunächst wurde er zuvorkommend behandelt, da sein Vater gerade Oberbefehlshaber Pazifik der Navy geworden war und die Nordvietnamesen auf einen Propagandaerfolg hofften, wenn sie McCain freilassen. Doch der lehnte eine Vorzugsbehandlung ab. Er wolle nur gemeinsam mit seinen Kameraden freikommen.

Auch das trägt zum Bild der Charakterstärke bei. Nun wurde er aber gefoltert. Es wurden ihm Knochen gebrochen, was ihn in mindestens einen Selbstmordversuch trieb. Erst nach fünfeinhalb Jahren im berüchtigten „Hanoi Hilton“ kehrte er heim – als halber Krüppel. Bis heute kann er beide Arme nicht über Kopfhöhe heben. Noch eine Story aus der Kriegsgefangenschaft bewegt religiöse und konservative Amerikaner. An einem Weihnachtstag habe eine vietnamesische Wache sich schweigend neben ihn gestellt und mit dem Fuß ein christliches Kreuz in den Staub gezogen. Das habe ihm Überlebenskraft gegeben – sagt John McCain auch heute oft bei Wahlkampfauftritten.

MCCAIN WÄRE, WENN ER SIEGT, MIT 72 JAHREN DER ÄLTESTE US-PRÄSIDENT ZU BEGINN DER ERSTEN AMTSZEIT. WELCHE ROLLE SPIELT DAS ALTER FÜR IHN UND SEINE WÄHLER?

Es hängt sehr stark vom Verlauf dieses Wahljahres ab, ob sein Alter als Vorzug oder Nachteil wahrgenommen wird. Sollte sich die Wirtschaftskrise verschärfen oder sollte es gar einen Anschlag in den USA geben, würden viele Bürger einen Präsidenten mit Erfahrung wünschen. „Keine Experimente“ mit der ersten Frau, Hillary Clinton, oder dem ersten Schwarzen, Barack Obama, im Weißen Haus, könnte die Stimmung sein, wenn die Nation das Gefühl hat, ihre Sicherheit oder ihre ökonomische Lage seien ernsthaft bedroht.

Bleibt es dagegen bei der heutigen Stimmungslage – die Mehrheit ist enttäuscht von Bushs Bilanz und will eine Wende –, dann kommt das eher den Demokraten zugute. Im Vergleich mit dem 46 Jahre jungen, athletischen Barack Obama sähe John McCain alt aus. Auch seine Gesundheit würde wohl zum Thema. Er hat eine stark gerötete Gesichtshaut, er leidet unter den Spätfolgen von Gefangenschaft und Folter, er hatte Hautkrebs. Im Duell mit Hillary Clinton, die am Wahltag 61 ist, spielt das Alter eine geringere Rolle. Beide werben mit ihrer Erfahrung.

WIE WÜRDE ER AMERIKA NACH ACHT JAHREN BUSH VERÄNDERN?

McCain ist ein moderater Konservativer und ein Pragmatiker, kein Ideologe. Er würde Bushs Innenpolitik korrigieren, zum Beispiel bei Steuern und Budget. Er würde die Einschränkung der Bürgerrechte in Teilen zurücknehmen und sich bemühen, das Gefangenenlager Guantanamo zu schließen, weil er sieht, wie sehr es Amerikas Ansehen in der Welt schadet. McCain ist außenpolitisch gut vernetzt. In den vergangenen 15 Jahren war er regelmäßiger Gast der jährlichen Sicherheitskonferenz in München. Er hat gute Kontakte in Russland und China.

Aber er würde den Kurs eines starken Militärs im Irak und in Afghanistan fortsetzen. Er glaubt, dass die USA beide Konflikte mit einer klugen Strategie noch immer siegreich beenden können – und dass sie auch alles dafür tun müssen, weil die Folgen eines Misserfolgs fatal wären.

McCain würde mehr für den Klimaschutz tun. Er selbst hält den Klimawandel für eine Tatsache, wünscht aber keinen Grundsatzstreit mit Konservativen, die nicht daran glauben. McCain sagt: Lasst uns darüber nicht streiten. Was schadet es, wenn wir uns bemühen, unseren Kindern die Erde sauberer zu hinterlassen, als wir sie vorgefunden haben?

Die religiöse Rechte misstraut seiner Kompromissbereitschaft. McCain weiß, dass er ohne die Stimmen der Rechten nicht gewinnen kann. Also umwirbt er sie. Aber er weiß auch, dass die Wahl 2008 in der Mitte entschieden wird. Da steht er. Er kann nicht anders.

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