Zeitung Heute : Porträt: Wer ist Matthias Sammer?

Sven Goldmann Michael Rosentritt

Matthias Sammer schaffte es 1990 als erster DDR-Nationalspieler in die DFB-Auswahl und machte dann eine steile Karriere. Welchen Eigenschaften hat er seinen Aufstieg zu verdanken?

Unter Fußballspielern gibt es Künstler und Kämpfer. Matthias Sammer zeichnete sich dadurch aus, dass er beides war. Ein filigranes Arbeitstier, ein rackernder Ästhet. Sammer beherrschte den Pass über 50 Meter genauso wie die Grätsche an der Eckfahne. Seine Herkunft und sein Talent, seine Ausbildung in der Kinder- und Jugendsportschule der DDR und sein explosives Temperament verschmolzen mit den Erfahrungen als Profi im Westen zu einer echten Führungsfigur. Sammer war die treibende und inspirierende Kraft hinter drei deutschen Meisterschaften für den VfB Stuttgart und Borussia Dortmund. Damals hat die Dortmunder Südkurve gesungen: „Gegen Sammer habt ihr keine Chance.“ Schweiß und Leistung kennzeichneten sein Spiel und legitimierten seine Führungsrolle. „Ich habe nie einen Spieler gesehen, der so ehrgeizig ist wie Matthias“, sagte der frühere Stuttgarter Manager Dieter Hoeneß, der ihn 1990 in die Bundesliga geholt hatte.

Das Bild des willensstarken Arbeiters hat den Fußballer Matthias Sammer geprägt, aber es ist zu eindimensional, um die vielschichtige Persönlichkeit zu erklären. Sammer war mehr als der schmerzunempfindliche, weder sich selbst noch seine Gegner schonende Kämpfer. Er war ein technisch nahezu perfekter Spieler, gepaart mit hoher Physis und stabiler Psyche.

Unter seinem Vater Klaus debütierte er schon als 17-Jähriger in der ersten Mannschaft von Dynamo Dresden. „Ich habe meine ganze Kindheit dem Fußball geopfert. Ich war nicht einmal im Ferienlager“, hat Sammer einmal erzählt. Er begann seine Fußballkarriere als Stürmer, in einer Nachwuchssaison schoss er einmal 238 Tore. Erst als Nationalspieler wurde er zum Mittelfeldspieler umfunktioniert, später reüssierte er als Libero, den er allerdings stets offensiv interpretierte. Matthias Sammer hat sich nie als Abwehrspieler gesehen.

SAMMER BEENDETE SEINE SPIELERKARRIERE VERLETZUNGSBEDINGT. „ICH WÜRDE ALLES GELD DER WELT GEBEN, UM WIEDER SPIELEN ZU KÖNNEN“, SAGTE ER DAMALS. WIE HARTNÄCKIG IST ER?

Das zwiespältige Verhältnis zu seinem eigenen Körper sagt viel über das, was Matthias Sammer sich immer wieder abverlangt hat. Nie hat er sich geschont, selten in sich hineingehorcht, immer das Äußerste von sich verlangt. Er ist ein Kind der gnadenlosen DDR-Schule, die ihm schon in Kindheits- und Jugendtagen höchste Anstrengungen abverlangte. Sammer ertrug sie, obwohl er von der Statur her eher schmächtig ist. Die Härte gegen sich selbst spiegelt sich in den 22 Verletzungen und Krankheiten wider, mit denen er sich im Lauf seiner Karriere herumplagte.

Es gibt ein Foto von ihm, aus dem Jahr 1994, als er mit Borussia Dortmund in Mönchengladbach spielte. Bei einem Zusammenprall erlitt Sammer einen Riss über der Augenbraue, zu groß, als dass er mit einem Pflaster hätte überklebt werden können. Der Dortmunder Trainer hatte schon einen Ersatzmann zum Warmlaufen geschickt, doch Sammer lief zur Seitenlinie und ließ sich die Wunde vom Mannschaftsarzt zutackern – ohne Betäubung. blutüberströmt und mit weit aufgerissenen Augen verfolgte er das Spiel, jede Sekunde verfluchend, die er verpasste. Die Invalidität ereilte ihn am 4. Oktober 1997 in Bielefeld. Wegen einer leichten Meniskusverletzung, so die erste Diagnose, musste er ausgewechselt werden. Die erste Operation, die Entfernung einer Schleimhautfalte, war Routine, doch es nisteten sich Bakterien ein. Die starken Medikamente vertrug er nie. Fünf weitere OPs folgten. Zweieinhalb Jahre lang kämpfte er aufopferungsvoll gegen die Invalidität. Vergebens. Am 14. April 2000 assistierte er Trainer Udo Lattek bei der Rettung der abstiegsbedrohten Borussia. Noch heute kann Sammer nicht schmerzfrei gegen einen Ball treten. Es steht für seine Hartnäckigkeit, dass er nie daran dachte, etwas anderes zu seinem Beruf zu machen als den Fußball. Und ohne seine Sturheit hätte Sammer auch nicht seine Bewerbung um den Job des DFB-Sportdirektors durchgezogen, gegen den erklärten Willen von Bundestrainer Klinsmann. Klinsmann favorisierte den Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters.

WAS UNTERSCHEIDET IHN VON JÜRGEN KLINSMANN?

Matthias Sammer hat als Spieler und Trainer stets das Kollektiv, die Mannschaft über alles gestellt und danach gehandelt. Es liegt wohl an seinem unverwechselbaren Charakter, an seiner Sturheit und seinem Temperament, dass er manchmal wie ein Einzelkämpfer wirkt. Dabei aber geht er längst nicht so weit wie Jürgen Klinsmann. Der heutige Bundestrainer verkörperte schon zu seiner Zeit als Spieler den für einen Stürmer typischen Eigensinn. Sammers hervorstechende Eigenschaft war es, seine Mitspieler anzutreiben, aus ihnen das Optimale herauszuholen. Sammer legte sich auf den Platz und auch in der Kabine nie mit den Schwachen an, sondern immer mit den Starken. In der Nationalmannschaft etwa mit Stefan Effenberg, bei Borussia Dortmund mit Andreas Möller. Der Spieler Sammer ist daran genauso gewachsen wie die Mannschaften, in denen er spielte. Als Deutschland 1996 in England Europameister wurde, kreierte der Bundestrainer Berti Vogts den Spruch: „Der Star ist die Mannschaft.“ Die Mannschaft aber war Matthias Sammer, der schon als Spieler wie ein Trainer dachte und in jenem Jahr zu Europas Fußballer des Jahres gewählt wurde. Offiziell war Jürgen Klinsmann der Mannschaftskapitän, aber seine Führungsrolle reduzierte sich bisweilen auf Äußeres, als er etwa vor dem Finale im Wembleystadion die Spieler der englischen Königin vorstellte.

Sammer war als Fußballspieler nie umstritten, Klinsmann schon. Seine Unabhängigkeit, auf die er schon damals großen Wert legte, als er noch keinen Wohnsitz in Kalifornien hatte, erkaufte er sich mit hoch dotierten und stets von ihm selbst ausgehandelten Verträgen mit Stammplatzgarantie. Klinsmann kümmerte sich in seiner aktiven Karriere vor allem um sich selbst, Sammer um das Kollektiv. So sehr Klinsmann auf seiner Unabhängigkeit besteht, pflegt Matthias Sammer seinen Gerechtigkeitsfimmel. Wenn sich ein Mitspieler nicht schonungslos für die Mannschaft einsetzte, konnte Sammer sehr laut werden. Der zaudernde Schönspieler Andreas Möller hat das in Dortmund sehr oft erfahren müssen.

SAMMER GILT ALS ANSPRUCHSVOLL UND GRÜNDLICH, ABER AUCH ALS STUR. WAS KÖNNTE SICH DIE NATIONALMANNSCHAFT VON IHM ABSCHAUEN?

Sammers fachliche Kompetenz ist unbestritten, ebenso sind es seine Defizite in Sachen Diplomatie. Fußball war für ihn immer mehr als nur die Bewältigung der Probleme, die auftreten beim Versuch, den Ball ins Tor zu bugsieren. Gut Fußball spielen, das heißt, Verantwortung zu übernehmen, nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Nebenleute, mit ihnen zu arbeiten, sie mitzureißen und zu begeistern. Als Spieler wie auch als Trainer war Sammer nie einfach, aber immer ehrlich, vielleicht ein wenig zu ehrlich, was ihm im Zusammenhang mit seiner aufbrausenden Art nicht immer zum Vorteil gereichte. Über allem aber steht der Erfolg. Sammer hat gezeigt, dass es sich lohnen kann, Ecken und Kanten zu haben. Nicht um der Ecken und Kanten willen, die Spieler wie Stefan Effenberg oder Mario Basler gern und öffentlich präsentierten, um als unangepasste Individualisten durchzugehen.

Dazu ist Sammer lernwillig wie kein Zweiter. Im Alter von 34 Jahren wurde Sammer jüngster Meistertrainer der Geschichte der Fußball-Bundesliga. Trotzdem behauptete er von sich, „dass ich noch nicht am Ende des Horizontes angekommen bin. Daran hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn ich 36 Jahre alt bin. Das ist eine Lebensmaxime von mir.“

Mittlerweile ist Sammer 38 und somit knapp drei Jahre jünger als Klinsmann. Ähnlich wie der Bundestrainer legt auch Sammer größten Wert auf körperliche Fitness. Einer seiner Leitsätze lautet: Spaß am Fußball sei schön und gut, aber der Spaß setzt eine gewisse Ernsthaftigkeit voraus: „Spaß will erarbeitet sein.“ Man könne das schöne Spiel propagieren, „nur wenn ich darüber vergesse, den Zweikampf zu gewinnen, der vielleicht nicht so schön ausschaut, dann habe ich keinen Erfolg“.

Matthias Sammer wird viel von seinem Arbeitsethos vermitteln wollen, von seinem Feuer und seiner Besessenheit. Niemand soll kaputttrainiert werden, sondern komplex und so, dass er möglichst lange seinem Beruf nachgehen kann. Sammers Fußballphilosophie ist so etwas wie eine Synthese aus Ost-Erbe und West-Erfahrung. Seine fachliche und menschliche Autorität werden ihm behilflich sein.

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