Porträts : Bilder und Erinnerung

Die Neuordnung des Alltags oder wie Künstler mit der alltäglichen Bilderflut umgehen – zwei Porträts.

R. J. Magill Kate Menconeri
Kunstwerke von Leslie Hewitt. Installation "view from the everyday" (Blick aus dem Alltag) im Center for Curatorial Studies am Bard College in Annandaleon-Hudson im Staat New York.Alle Bilder anzeigen
Foto: Courtesy carlier,gebauer
09.09.2011 12:26Kunstwerke von Leslie Hewitt. Installation "view from the everyday" (Blick aus dem Alltag) im Center for Curatorial Studies am...

Paul Pfeifer

Im Sport gibt es Regeln. Regeln legen fest, wie die Spieler sich auf dem Feld, auf dem Platz, im Ring verhalten. Zuschauer und Spieler stehen durch ihr stilles Verständnis der Regeln miteinander in Verbindung. Was aber geschieht mit den Regeln des Sports, wenn man die Sportler, Mitspieler oder Fans aus der Gleichung entfernt? Wie werden die Regeln wahrgenommen, wenn es keine Spieler gibt, die nach ihnen spielen?

Die Arbeiten des Videokünstlers Paul Pfeiffer machen einen geisterhaften Vorstoß in diese menschenlosen Sportszenarien. Seine Fotoserie The Four Horsemen of the Apocalypse („Die vier Reiter der Apokalypse“) aus den Jahren 2000 - 2009 zeigt zum Beispiel nachbearbeitete Fotos von Basketballspielern ohne Mitspieler oder Gegenspieler. Hier springt einer im Gegenlicht, dort blickt einer hoffnungsvoll gen Himmel. Ein einzelner Spieler, extravagant in Szene gesetzt, ohne Trikotnummer oder Team-Logo, triumphal im Sprung in einem grandiosen Moment der Zweideutigkeit. In demselben Projekt widerfuhr Werbeaufnahmen von Marilyn Monroe das genaue Gegenteil: Die Umgebung wurde belassen, aber das Zentrum – Marilyn selbst – entfernt. Es mangelt an Kontext, und es entsteht zu viel Raum für Interpretation; das Gegenteil dessen, was Fotografie in ihrer Wirklichkeitsnähe eigentlich durch das bewirken soll, was Roland Barthes „das perfekte Analogon“ nannte: die Macht der Fotografie, alles naturalisieren zu können.

Einen ähnlichen Trick wendet Pfeiffer in seinen Filmen an. The Long Count (Thrilla in Manila) (etwa: „Das lange Zählen (Thriller in Manila)“) von 2001 ist die Videoschleife eines Boxkampfs, aus dem die Boxer digital entfernt wurden. Das Publikum schreit und pfeift beim Anblick der schwingenden Seile, die sich unter der Kraft der massigen und doch unsichtbaren Körper biegen. Die Vorstellungskraft lässt uns das Fehlende automatisch einfügen, das Nicht-Vorhandene lösen. Das Hirn, wenn es sich denn erinnert, ergänzt die Körper der Schwergewichtler Muhammad Ali und Joe Frazer in ihrem Kampf vom 1. Oktober 1975.

In seiner 2009er Installation im Hamburger Bahnhof in Berlin kombinierte Pfeiffer mehrere seiner unkonventionellen Methoden. Vitruvian Figure („Vitruvianische Figur“) (2009), ein gigantisches Birkenholz- und Edelstahlmodell eines Sportstadions, stand im selben Raum wie die Ton- und Videoinstallation The Saints („Die Heiligen“) (2007), eine digital bearbeitete Schleife des Weltmeisterschaftsfinales von 1966 (Westdeutschland gegen England).

In einem anderen Raum ein Film, der eine zeitgenössische, angeheuerte Menschenmenge in einem Imax- Kino in der philippinischen Hauptstadt Manila zeigt, die sich das Spiel von 1966 ansieht. In einem weiteren Raum Pfeiffers Film Empire („Reich“) (2004), eine drei Monate lange Videoprojektion von Wespen beim Nestbau. Auf einem winzigen, in die Wand der Galerie eingelassenen Fernseher lief das historische Schwarz-Weiß- Material der schicksalhaften Begegnung von 1966 (England gewann 4:2), aus der alle Spieler außer dem dreifachen Torschützen Geoffrey Hurst digital entfernt waren. Der kleine Mann jubelt, außer sich vor Freude – und völlig allein.

In diesem sportorientierten Teil von Pfeiffers Werk sind die Spieler, wegen derer Menschenmassen zusammenkommen, Fans schreien und große Momente der Sportgeschichte gefeiert werden, einfach verschwunden. Jubelnde Mengen werden zu wimmelnden Wespen, deren Geräusche bevorstehende Gefahr signalisieren. Spieler werden aus der Geschichte geschnitten, bloße Geistererscheinungen eines Siegs. Sind die Erinnerungen an große Menschenansammlungen wie bei einem Sportereignis an Bilder oder Klänge gekoppelt, oder an eine Mischung? Pfeiffers Werk hinterfragt die Bestandteile kollektiver Erinnerung und lotet aus, wie weit die visuelle Verfremdung gehen kann, bis das Ereignis oder das Spiel nicht mehr dasselbe ist, bevor wir nicht mehr an sein Rohmaterial gefesselt sind. Er zeigt uns, was wir im Geiste immer noch sehen, wenn wir gar nichts sehen, aber Erinnerungsstützen an die Hand bekommen.

Sein intelligent reduzierendes Werk eckt an größeren Fragen unserer Zeit an. „Als das World Trade Center einstürzte, blickte man noch lange danach auf in der Erwartung, etwas zu sehen“, sagte Pfeiffer in der Sendung „Art 21“ im öffentlichen US-Fernsehen. Doch er entfernt die Menschen nicht aus ideologischen Gründen, sondern mit dem Ziel, sportliche Leistung zu zelebrieren – oder solipsistische Träume ad absurdum zu führen: Regeln brauchen schließlich Spieler, um Sport Wirklichkeit werden zu lassen.

Lesen Sie auf Seite zwei das nächste Portrait über Leslie Hewitt

Seite 1 von 2
  • Bilder und Erinnerung
  • Seite
Artikel auf einer Seite lesen

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar