Portrait : Die Hassfigur Mehdorn

Vor zehn Jahren übernahm er den "zweitverrücktesten Job" des Landes. Inzwischen macht die Deutsche Bahn hohe Gewinne, und er selbst tut am Ende etwas, das ihm nur wenige zugetraut hätten.

Carsten Brönstrup
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Zum Zug. Hartmut Mehdorn (hier auf einem Archivfoto) im Berliner Hauptbahnhof. -Foto: ddp

Am Ende tut er etwas, das ihm nur wenige zugetraut hätten: Er zeigt Gefühle. „Es ist für mich sehr bedrückend“, sagt Hartmut Mehdorn, dass jetzt jeder über den „sogenannten Skandal“ rede, aber niemand über die „schlimmste Rezession der Nachkriegsgeschichte“. Seine Stimme bebt, es ist mäuschenstill im Saal. Verliert er jetzt noch die Fassung, nach beinahe zehn harten Jahren an der Spitze der Deutschen Bahn? Er, der kleine, zackige Manager mit dem großen Ego? Die dicht vor ihm postierten Fotografen lauern auf einen Abschied unter Tränen. Doch Mehdorn fängt sich. Der Verantwortung wolle er sich nicht entziehen, liest er von seinem Blatt ab. „Das habe ich noch nie in meinem Berufsleben gemacht.“ Den Führungswechsel in einer solch schwierigen Lage „müssen andere verantworten“. Dem Vorsitzenden des Aufsichtsrats, Werner Müller, habe er seinen Rücktritt angeboten.

Hartmut Mehdorn hatte eigentlich auf der Bilanzpressekonferenz über seinen Erfolg reden wollen, über einen Milliardengewinn, über die Pläne für die Zukunft und über einen womöglich neuen Termin für den Börsengang des Staatskonzerns. Statt dessen muss er an diesem Montagmorgen in einem Luxushotel am Potsdamer Platz über sein Scheitern reden, über den vorzeitigen Abschied aus der 25. Etage des benachbarten Bahn-Towers. Die vielen Zahlen und Rekorde, die Mehdorn zunächst detailverliebt und durchaus vergnügt mit bunten Schaubildern und Tabellen vorträgt, interessieren kaum einen der Journalisten.

Noch bis Mai 2011 wäre sein Vertrag gelaufen. Doch die Affäre um die jahrelange Bespitzelung von Mitarbeitern, um immerwährende Verdächtigungen und die Überwachung Zehntausender E-Mails, sie sorgt für eine andere Tagesordnung. Einer der bekanntesten und zugleich unbeliebtesten Manager der Republik muss gehen, die Politiker der Koalition wollen es so. Und doch ist der Mann mit sich im Reinen. Um einen „Datenskandal“ gehe es gar nicht, befindet Mehdorn, sondern um eine „Kampagne“ gegen die Bahn, gegen ihn, den Chef. Von  „unzulässigen Vorverurteilungen“ spricht er, nichts sei erwiesen, es gebe „keine Hinweise auf strafrechtlich relevantes Verhalten“ der Bahn-Leute, allenfalls „bloße Ordnungswidrigkeiten“ habe es gegeben. Dass immer neue unschöne Details zur Überwachung der Belegschaft ans Licht kamen, dass bei der Bahn selbst Führungskräfte von ihm abgerückt sind und sich viele der 240 000 Beschäftigten fühlen wie in einem Überwachungsstaat, das sagt Mehdorn nicht.

Ohnehin hat er lange unterschätzt, welche Dynamik die Spitzel-Affäre entwickelte, die Ende Januar ihren Anfang genommen hatte. Sogar am Montag wunderte er sich, wie eng ihn die Kameraleute umlagerten. „Gott seid ihr viele“, sagt er zu ihnen vor Beginn der Pressekonferenz – dabei war zu der Zeit längst, klar, dass seine Tage als Spitzenmanager gezählt waren. Es ist wie so oft in der Laufbahn des 66-Jährigen: Die anderen sind unfähig, ängstlich und haben keine Ahnung, welch immense Verantwortung auf seinen Schultern lastet.

Über seine Zukunft war zu diesem Zeitpunkt längst entschieden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), stets seine wichtigste Stütze im ständigen Machtkampf der Hauptstadt, hatte ihm die Gunst entzogen. Vergangenen Freitag hatten Sonderermittler dem Aufsichtsrat über die E-Mail-Überwachung bei der Bahn berichtet. Die Gewerkschaften hatten Mehdorn daraufhin die Unterstützung versagt – und damit sein Ende besiegelt. Gegen die Arbeitnehmer lässt sich ein so politisches Unternehmen wie die Bahn nicht führen.

Noch am Wochenende hält sich Merkel zunächst bedeckt. Am Samstag ist sie ständig in der Republik unterwegs, Rede bei der Meisterfeier der Handwerkskammer in Dortmund, Rede beim Landesparteitag der CDU in Berlin – keine Zeit mithin, sich gründlich mit dem Fall zu befassen. „Wenn sich zeigt, dass Mehdorn davon wusste oder hätte wissen müssen, ist er nicht zu halten“, sagt einer, der mit den Vorgängen vertraut ist.

Dabei hätte Merkel den bulligen Bahn-Chef im Prinzip ganz gerne noch gehalten. Nach den ungeschriebenen Regeln der Parteibuch-Pöstchenwirtschaft wäre derzeit als Nachfolger ein SPD-Nahsteher dran. Nach der Bundestagswahl sieht das womöglich anders aus. Das erklärt, warum die SPD schon sehr früh die Geduld mit Mehdorn verlor und warum die FDP einen „Interimskandidaten“ ins Spiel gebracht hat. Aber all diese kleinen taktischen Züge treten jetzt in den Hintergrund. Schon bei der letzten Drehung in der Spitzelangelegenheit lautete schließlich die regierungsoffiziöse Sprachregelung: Wenn noch was komme, dann müsse Mehdorn gehen.

Am Freitag war dann „noch was“ gekommen, und wieder erst auf Nachforschungen hin. Die Frage, ob das „noch was“ bei scharfer juristischer Betrachtung vielleicht sogar legal war, spielt nur noch eine Nebenrolle. Die alte, eiserne Regel aller Skandale tritt in Kraft: Nicht was einer getan oder nicht getan hat, kostet ihn am Ende das Amt, sondern sein Umgang damit. Am späten Sonntagabend geht Merkels Daumen endgültig nach unten. Man habe sich auf die Suche nach einem Nachfolger begeben, lässt das Kanzleramt erkennen. „So ist Politik“, bekennt ein einflussreicher Unionsmann. Zumal die Politik im Wahlkampf steckt – Europawahl, drei Landtagswahlen, im September die Bundestagswahl. „In der Situation eine offene Personalie mit ständiger Diskussion und fürchterlicher Kritik von der Opposition, da reagieren Politiker allergisch“, bekennt der CDU-Stratege.

Hartmut Mehdorn, das war stets mehr als nur eine Personalie, genauso wie die Bahn seit jeher mehr ist als ein normales Unternehmen. 1999 hatte ihm Gerhard Schröder den „zweitverrücktesten Job der Republik“ angeboten. Mehdorn hatte zugegriffen, nachdem er den Machtkampf beim Luftfahrtkonzern Dasa um die Spitze verloren und den Maschinenbauer Heidelberger Druckmaschinen vor der Pleite gerettet hatte. Seither hat der Berliner dem chaotischen Unternehmen Deutsche Bahn ein Gesicht gegeben. Den sieben Millionen Menschen, die die Bahn jeden Tag transportiert, galt er als Sündenbock für jedes verstopfte Bahnhofsklo, jeden verdreckte Bahnsteig und jede verspätete Bimmelbahn.

Zugleich ist es bislang kaum einem Wirtschaftsführer gelungen, sich in so vielen Lagern so viele Feinde zu machen. Mehdorn, der Hauptmann der Reserve, sprach von Ministern, die nichts auf die Reihe kriegen, von Parlamentariern als „sogenannten Experten“, von Zugherstellern, die nur Schrott abliefern, von Kunden, die die schönen ICE-Züge vollmüllen. „Zu den Leuten, die unterm Teppich durchlaufen können, ohne oben eine Beule zu erzeugen, dazu gehöre ich jedenfalls nicht“, hat er einmal gesagt. Und damit kokettiert, dass ihm Napoleon durchaus sympathisch gewesen wäre. Dafür musste er sich im Gegenzug Schmähungen gefallen lassen – „Rumpelstilzchen“ und „Rambo“ waren noch die harmloseren. So wie Josef Ackermann vielen als Personifizierung der Gier galt, sahen Mehdorn viele als die Dreistigkeit in Person. „Ich bin kein Handtuchwerfer“, sagte der Hobby-Schmied mit den breiten Händen immer, wenn er sich für seien Kurs rechtfertigen musste. Oder „Ich werde nicht für Pflege meines guten Images bezahlt.“

Der Zorn auf ihn kam nicht von Ungefähr. Eine vermurkste Reform der Bahn-Preise, tausende stillgelegte Gleiskilometer, zehntausende abgebaute Arbeitsplätze, die Ankündigung eines „Bedienzuschlags“ beim Fahrkartenverkauf, ständig steigende Tarife, wochenlange Querelen und Streiks der Gewerkschaften – die Liste der Niederlagen und Verfehlungen ist lang, die Hartmut Mehdorn angekreidet werden. Die meisten Manager großer Unternehmen gelten als stromlinienförmig, wägen jedes Wort, werden abgeschirmt von misstrauischen PR-Beratern. Mehdorn redete immer so, wie es ihm passte.

Überleben konnte er die immerwährende Kritik nur angesichts seiner Bilanz. Aus der behäbigen Behördenbahn, die jedes Jahr Milliarden aus dem Haushalt verschlang, machte er ein wirtschaftlich erfolgreichen Großkonzern, der international agiert und vielen Konkurrenten als Vorbild dient. Beinahe hätte es Mehdorn mit der Bahn sogar bis an die Börse geschafft. Ende Oktober, nach zahllosen Verschiebungen, sollte der letzte große Staatskonzern an der Börse notiert sein. Doch die Wirrungen der weltweiten Finanzkrise kamen dazwischen, in letzter Minute blies die Politik den Verkauf ab. Für Mehdorn eine beinahe tragische Entwicklung – hatte er doch seit seinem Amtsantritt den Konzern bedingungslos darauf ausgerichtet, zu einem der großen Spieler auf dem internationalen Kapitalmarkt zu werden. An der Börse zu den Schwergewichten zu gehören, in einer Reihe mit Daimler oder der Lufthansa, das war sein Traum. Das daraus nichts werden würde, schien Mehdorn schon früh geahnt zu haben. „Hat immer gekämpft. Hat nie alles erreicht. Das ist sein Schicksal“, nannte er einmal als sein Lebensmotto.

Wer ihm nachfolgt, wird es schwer haben. Nicht nur, weil die Rezession die Bahn in der nächsten Zeit in arge Schieflage bringen dürfte. Sondern auch, weil kaum ein Top-Manager auf einen Job scharf sein dürfte, bei dem ständig die Politiker mitreden wollen – Bürgermeister, damit der ICE in ihrer Stadt hält, Sozialdemokraten, damit die Tariflöhne steigen. „Allenfalls fünf Leute in Europa kommen in Frage, und die sitzen nicht zuhause und warten auf einen Anruf aus Berlin“, heißt es in der Regierung.

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