Portrait : Wer ist eigentlich Volker Ratzmann?

Als Hausbesetzer fing er an, der linke Demonstrant. Längst ist er mitten im Bürgertum angekommen – jetzt will er Parteichef der Grünen werden. Doch ihre Herzen muss er erst noch erobern.

Sabine Beikler
Volker Ratzmann
Der Fraktionsvorsitzende im Land Berlin: Volker Ratzmann. -Foto: dpa

WOHER KOMMT VOLKER RATZMANN?



Die achtziger Jahre: Ein frischer Wind weht mit der Gründung der Grünen durch die deutsche Parteienlandschaft. Eine Partei, die ökologisch, basisdemokratisch, gewaltfrei und sozial sein will. Namen wie Brokdorf, Schacht Konrad, Republik Freies Wendland, Gorleben stehen damals für die Anti-AKW-Bewegung. Auch Volker Ratzmann lebt im Kampf gegen das Atommülllager Gorleben ein paar Tage im Hüttendorf der Republik Wendland.

Als er 1981 zum Studium nach Berlin kommt, zieht die „Igel-Partei“ – die Grünen-Vorläuferin Alternative Liste – das erste Mal ins Abgeordnetenhaus ein. Sie ist gegen Vermummungsverbote auf Demos, gegen Abschiebungen – eben gegen vieles, was der „herrschenden Meinung“ entspricht. Es ist die Hochzeit der Berliner Hausbesetzerbewegung: In einem besetzten Haus lebt auch Volker Ratzmann vorübergehend. Während des Studiums lernt er die Brüder Wolf kennen. Heute ist Udo Wolf Abgeordneter der Linken im Landesparlament, sein älterer Bruder Harald Wirtschaftssenator. Legendär sind die gemeinsamen WG-Zeiten in der Gneisenaustraße. Ratzmann hat die WG einmal als „Kampagnenbüro für linke Politik" bezeichnet. Dort treffen sich viele, die sozialistische Träume haben und sich in der AL engagieren – Leute wie Ratzmann, der 1986 in die AL eintritt.

Als sich nach der Wende die linke Bewegung in alle Himmelsrichtungen zu verstreuen droht, organisiert sich die Gruppe „Zasilo“ – übersetzt „Zwischen allen Stühlen für linke Politik“ – ein Sammelbecken von Gewerkschaftern, AL-Leuten, Ex-ALern, Bürgerbewegten und K-Grüpplern. Man will verhindern, dass alle sich „individualisieren“ und von der politischen Bühne verabschieden.

Ratzmann verabschiedet sich nicht. Allerdings sieht er seine Aufgabe weniger in der Gremienarbeit. Er engagiert sich als Anwalt, der Asylbewerber oder Demonstranten verteidigt. In den neunziger Jahren arbeitet er in einer Anwaltssozietät in Prenzlauer Berg, ist in der Vereinigung der Berliner Strafverteidiger aktiv. Mit Renate Künast hält er den Kontakt. Aber erst als 2001 die große Koalition zerbricht, mischt Ratzmann auf Bitten von Künast im politischen Geschäft richtig mit. Die Grünen brauchen einen Rechtspolitiker: Denn Künast wird Ministerin im Bund – und Fraktionschef und Rechtspolitiker Wolfgang Wieland wird in Berlins rot-grüner Übergangsregierung Justizsenator. Ratzmann gelangt über die Landesliste ins Abgeordnetenhaus. Für einen Newcomer macht er schnell Karriere: 2003 wird er Fraktionschef an der Doppelspitze. Heute ist der einstige Linke bei den Realpolitikern angekommen. Er verkörpert nicht nur mit seinem Dresscode – Anzug, Hemd, die beiden oberen Knöpfe offen – das grüne, kulturelle Bildungsbürgertum. Früher hießen sie Postmaterialisten, heute sind sie die „Lohas“: Menschen, die für „Lifestyle of health and sustainability“ bewusst nachhaltig leben und konsumieren. Sie leben nicht altruistisch, sind Genießer, aber mit moralischem Anspruch. Statt wie früher Motorradtouren auf einer Moto Guzzi zu unternehmen, fährt Ratzmann heute Saab Cabrio – mit Biopower und Biosprit.

WIE KOMMT ES, DASS ER JETZT EINER VON ZWEI KANDIDATEN FÜR DEN GRÜNEN-VORSITZ IST?

Als Reinhard Bütikofer im Frühjahr seinen Rückzug von der Parteispitze und die Kandidatur für das Europaparlament ankündigt, winken alle Reformer ab, die für seine Nachfolge in Frage kommen: der in Hessen unabkömmliche Tarek Al Wazir, der unabkömmliche Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, die in Sachsen unabkömmliche Antje Hermenau, die unabkömmliche Hamburger Senatorin Anja Hajduk und auch der zunächst unabkömmliche Europaabgeordnete Cem Özdemir. Deutschlands Presse spottet: Das Zeit-Magazin entwirft eine fiktive Stellenanzeige, die Frankfurter Rundschau kreiert den treffenden Begriff „Generation Kann-gerade-nicht“. So wird in den Führungsriegen weiter gesucht. Mit klarer Vorgabe: Der Proporz an der Parteispitze muss gewahrt bleiben. Neben der Parteilinken Claudia Roth, die wieder kandidiert, kann es nur jemand sein, der die realpolitische Handschrift trägt. Volker Ratzmann ist dann der erste, der das Amt als reizvoll bezeichnet, ohne sich zunächst festzulegen.

Als dann Renate Künast in einem Tagesspiegel-Interview Ratzmanns Kandidatur öffentlich unterstützt, wird das Reformerlager unruhig.Was macht man mit einem Kandidaten, der nicht den klassischen Stallgeruch der Realos hat, der nach ihrer Gefühlswelt nicht zur Familie gehört? Der aus dem berüchtigten Pankower Kreisverband kommt, dessen Mitglieder auf Bundesparteitagen schon mal ordentlich nerven können? Bei der Debatte über das Partei-Logo Ende 2006 haben es die Pankower geschafft, das vorgestellte Logo wegen des schleichenden Abschieds vom „Bündnis 90“-Zusatz mit der Mehrheit in die Tonne zu treten. Ja, was macht man mit einem Kandidaten, einem früheren „Demo-Anwalt“ mit verhältnismäßig kurzer politischer Laufbahn, der möglicherweise die Führungsriege mit Trittin, Künast, Roth und Kuhn in ein linkes Übergewicht bringen könnte? Die Reformer haben fieberhaft überlegt. Und sie machen einen taktischen Fehler, als sie vorschnell Nein zur Kandidatur sagen. Nur einen Tag später nach Künasts Positionierung für Ratzmann erklärt Özdemir dann doch noch seine Kandidatur. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass sich Volker Ratzmann auch öffentlich äußert: Vergangenes Wochenende hat er es getan und seine Kandidatur bekannt gegeben.

WOFÜR STEHT ER POLITISCH?

Er ist ein Grüner der neuen Generation: Nie hat er häkelnd hinter Abgeordnetenhausbänken gesessen oder sich in spontihaftem Aktionismus verstrickt. Ratzmann kommt zwar vom linken Flügel, doch ist er nicht ideologisch verbohrt. Er hat auch keine klassische Flügelzugehörigkeit, steht mit seinen Positionen den Reformern aber sehr nahe. Ratzmann ist ein Pragmatiker. Als einmal in seiner WG das marode Bad sanieren werden musste, hat er diese Aufgabe mit den Worten „Irgendjemand muss das jetzt machen“ übernommen – auch wenn das Ergebnis dann recht gewöhnungsbedürftig gewesen ist, wie Harald Wolf sich erinnert.

Als Pragmatiker scheut Ratzmann auch nicht die Zusammenarbeit mit CDU und FDP: Er ist einer der Wegbereiter des Jamaika-Kurses – wohlgemerkt in der Opposition. Jamaika oder Schwarz-Grün für eine Regierungskonstellation auf Landes- und Bundesebene kann sich Ratzmann zurzeit nicht vorstellen. Viel zu viele Differenzen zur CDU sieht er bei der Inneren Sicherheit, Energie- und Klimapolitik sowie Integration. So hat Ratzmann vor kurzem Verfassungsklage gegen den deutschen Sprachtest für nachziehende Ehepartner aus dem Ausland eingereicht.

Sein Verhältnis zu der Linken ist ambivalent. Es mag daran liegen, dass linke Politik einen Teil seiner eigenen Geschichte ausmacht. Ratzmann prügelt schon mal heftig auf die Linke ein, nennt sie konzeptionslos, gestaltungsunfähig und langweilig. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. In Berlin sehen die Grünen durchaus Anknüpfungspunkte zu Rot-Rot und unterstützen je nach Thema die Regierungspolitik. Bei der Diskussion über die Zukunft des Flughafen Tempelhof haben die Grünen Seite an Seite mit sozialdemokratischen und linken Schließungsbefürwortern gestanden. Mit dieser Strategie fahren sie nicht schlecht: Einerseits Rot-Rot mit der Jamaika-Opposition treiben, andererseits mit Rot-Rot kuscheln, wenn es politisch opportun ist. Natürlich weiß Ratzmann, dass es in einem Fünfparteiensystem um bündnispolitische Optionen und eben auch um rot-rot-grüne Mehrheiten gehen kann. Und so sagt er sibyllinisch, dass man sich die Entwicklung auf Landesebene anschauen müsse. Auf Bundesebene sieht er dagegen „schwarz für rot-rot-grüne Farbenspiele“. Noch.

Ratzmann kennt politisches Taktieren und würde sich nicht zu Aussagen hinreißen lassen, die er nicht mehr rückgängig machen kann. Deshalb spricht er lieber abstrakt davon, neue „Gestaltungsräume“ zu öffnen oder „Gestaltungsmöglichkeiten“ jenseits der SPD auszuloten. Er gehört zu den Grünen, die sich nach dem Ende von Rot-Grün von der Fixierung auf die SPD gelöst haben und offen für neue Wege sind. Aber nicht um jeden Preis: Das grüne Profil muss gewahrt bleiben.

Ratzmann ist ein kluger Kopf, kein Sprücheklopfer. Er ist ein guter Redner, überlegt, bedächtig. Aber das Charismatische, das Mitreißende fehlt ihm. Spröde wirkt er und ein bisschen steif, als ob Humor in der Politik nichts zu suchen hätte. In den vergangenen Jahren hat Ratzmann viel über das Innenleben seiner Partei lernen müssen: Alleingänge werden sträflich geahndet. Das hat ihm Abstimmungsniederlagen eingebracht. Er lässt heute manchmal noch das nötige Fingerspitzengefühl vermissen: Wenn er von etwas überzeugt ist, zieht er durch, zielstrebig, ehrgeizig und stur.Und das ist bei den Grünen gefährlich, wo man vieles nur mit Empathie, mit Einfühlungsvermögen durchsetzen kann. Dafür hat Ratzmann ein gutes Gespür für Macht, er will nach vorne. Für eine erfolgreiche Kandidatur gibt es aber nur ein Rezept: Reden, reden, reden – und mit Hingabe auch die kleinsten Kreisverbände besuchen. Die Ochsentour eben.

WAS WIRD AUS IHM?

Abwarten. Da es keine parteiinternen Vorwahlen gibt, liegt es jetzt an Volker Ratzmann, bis zum Bundesparteitag im November für sich zu werben. In einem Punkt kann er sich entspannt zurücklehnen: Während Özdemir vorgehalten wird, er wolle nur Parteichef werden, weil er so einen sicheren Listenplatz in Baden-Württemberg für die Bundestagswahl erhalten könne, hat Ratzmann eine Kandidatur für den Bundestag definitiv ausgeschlossen.

Und wenn er nicht gewählt wird? Einen „Achtungserfolg“ wird er mindestens erzielen und sich für andere Aufgaben empfehlen. Gelingt ihm der Sprung an die Parteispitze, gibt er sein Mandat in Berlin auf. Schafft er es nicht, bleibt er Fraktionschef im Abgeordnetenhaus und arbeitet weiter als Anwalt. Nicht mehr in Ost-Berlin, sondern seit Jahresanfang in nobler Ku’damm-Nähe. Künast – auch Anwältin – und er sind Mitglieder einer Bürogemeinschaft. Übrigens, eine Kanzlei mit bekannter Adresse: Fasanenstraße 72, Hochparterre. Ein Stockwerk höher arbeitet Anwaltskollege Gregor Gysi.

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