Portrait : Wer ist Ursula von der Leyen?

Tochter eines berühmten Vaters ist sie. Und Familienministerin. Noch. Um Gesundheit würde sie sich gern kümmern. Ein schwieriger Job – und ein riskanter.

Hans Monath
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Klare Argumente zählen zu den Stärken von Ursula von der Leyen. Fotos: ddp (2), dpa (2)ddp

WELCHE ROLLE SPIELT SIE IM NEUEN SCHWARZ-GELBEN KABINETT?

Eines stand schon vor Beginn der Koalitionsverhandlungen fest, nachdem Union und FDP die Wahl gewonnen hatten: Was auch immer die Partner vereinbaren, Ursula von der Leyen wird in der neuen Bundesregierung eine wichtige Funktion übernehmen. Dafür gibt es mindestens vier Gründe: Die CDU-Politikerin hat in ihren vier Jahren als Familienministerin der großen Koalition gute Arbeit geleistet und das Land vorangebracht. Sie gehörte schon nach kurzer Zeit zu den populärsten und beliebtesten Politikern der Bundesregierung, obwohl sie vor ihrem Wechsel ins Kabinett Merkel im Jahr 2005 bundesweit kaum bekannt war. Die Kanzlerin schätzt die Leistungen der 51-Jährigen und vertraut ihr. Die CDU-Vorsitzende honoriert auch, dass von der Leyen neue Wählerschichten für ihre Partei erschlossen hat, indem sie das verstaubte Familienbild der CDU modernisierte.

Welcher Minister und welche Ministerin der Union im neuen Kabinett als starke Figur oder sympathischer Politiker gelten wird, hängt auch davon ab, wen die FDP neben Guido Westerwelle mit einem Ministeramt betraut. Sofern die Liberalen neben ihrem Parteichef nur Vertreter der Generation Solms und Brüderle aufbieten, strahlen die Sterne von Ursula von der Leyen und ihrem Jung-Kollegen Karl- Theodor zu Guttenberg (CSU) noch heller. Aber auch neben einem jüngeren Kabinettskollegen von der FDP müsste sich die Noch- Familienministerin nicht verstecken.

Nur in welchem Ministerium von der Leyen demnächst agieren wird, ist noch nicht ganz klar. Auch wenn sie eine klare Vorstellung hat. Schon lange vor der Bundestagswahl gab es deutliche Hinweise, dass von der Leyen gerne ins Gesundheitsressort wechseln wollte. Die Ministerin selbst ging so offen damit um, dass sie entsprechende Behauptungen zeitweise nicht einmal mehr in Interviews dementierte.

WAS BEFÄHIGT SIE, GESUNDHEITSMINISTERIN ZU WERDEN?

Zwei Dinge: ihre fundierte Fachkenntnis und ihre Bilanz als Familienministerin. Die potenzielle Gesundheitsministerin ist promovierte Ärztin und hat daneben als „Master of Public Health“ auch über Sozialmedizin und Gesundheitssysteme geforscht. Sie kann mit statistischem Material und Zahlenkolonnen souverän umgehen und war einer der treibenden Köpfe hinter der Forderung nach einer Umstellung der Gesundheitsfinanzierung auf eine einkommensunabhängige Kopfpauschale, die der CDU-Parteitag im Dezember 2003 beschloss. Von der Leyen war damals eine entschiedene Unterstützerin von Merkels grundlegenden Reformvorschlägen. Nachdem das öffentliche Bekenntnis zu den Zumutungen die Union bei der Bundestagswahl 2005 viele Stimmen gekostet hatte, verabschiedete sich Merkel weitgehend von diesem Kurs. In den Koalitionsverhandlungen leitet die Medizinerin nun für die Union die Arbeitsgruppe Gesundheit/Pflege.

Wichtige Ministerialerfahrungen hat von der Leyen als Familienministerin gesammelt. Zwar waren der Ausbau der Kleinkinderbetreuung und die Gestaltung des Elterngeldes längst von ihrer Vorgängerin Renate Schmidt (SPD) konzipiert worden, als sie das Amt übernahm. Doch die Mutter von sieben Kindern musste sich trotzdem durchsetzen. Sie musste in Zeiten knapper Kassen Geld für neue Familienleistungen erstreiten und zudem den Widerstand in CDU und CSU gegen eine modernere Familienpolitik überwinden. Kanzlerin Merkel hielt sich zu Beginn dieses Kampfes bedeckt und ergriff öffentlich nicht Partei für von der Leyens Position, solange ihr noch ein Scheitern drohte.

Die Ministerin bewies in ihrem Amt nach anfänglichen Fehlern taktisches Geschick und gewann wichtige gesellschaftliche Akteure wie Kirchen, Gewerkschaften und Wirtschaft durch intensiven Kontakt als Unterstützer für ihre Politik. Die Öffentlichkeit beeindruckte sie durch Ehrgeiz, Gestaltungskraft, penetrant gute Laune und kommunikatives Geschick. Das Interesse an ihrer eigenen Lebensgeschichte und an der Doppelbelastung als Ministerin und siebenfache Mutter bediente sie zunächst mit werbewirksamen Posen der gesamten Familie. Schon bald schottete sie aber ihr Privatleben für Fotografen ab, als das Bild von der heilen Familie zur Fessel zu werden drohte. Auch in Diskussionen und Talkshows machte sie oft eine gute Figur.

WAS SPRICHT DAGEGEN?

Eines hatte die Kanzlerin noch vor der Wahl klargestellt: Am Gesundheitsfonds würde auch nach einem schwarz-gelben Wahlsieg nicht gerüttelt. Das Finanzierungssystem für die gesetzlichen Krankenversicherungen, das die FDP gern abschaffen würde, hatte die große Koalition vor zwei Jahren eingeführt. Damit wären auch die Gestaltungsmöglichkeiten einer Gesundheitsministerin von der Leyen begrenzt. Sie müsste jenes Finanzierungssystem verteidigen und stabilisieren, das dem von ihr selbst vor wenigen Jahren vorgelegten Konzept widerspricht. Zudem fehlen den gesetzlichen Krankenkassen Milliardensummen, weshalb CSU und FDP schon Eingriffe ins System statt höherer Steuerzuschüsse oder Zusatzbeiträge fordern. „In der Tat gibt es ein Finanzierungsproblem“, sagt die Arbeitsgruppenleiterin der Union. Doch zumindest in der Öffentlichkeit lehnt sie „Vorfestlegungen“ zu möglichen Lösungen ab.

Der zweite Grund gegen einen Wechsel heißt schlicht: In der Amtszeit von der Leyens hat die CDU den Sozialdemokraten die Kompetenz auf dem Feld der Familienpolitik abgenommen. Die CDU- Chefin und Kanzlerin muss deshalb großes Interesse daran haben, das Familienministerium mit einer CDU-Politikerin mit starker Ausstrahlung zu besetzen. Schließlich gilt Familienpolitik mittlerweile nicht mehr als abseitige Spielwiese, sondern völlig zu Recht als zentrales Politikfeld, das über die Zukunftsfähigkeit des Landes mit entscheidet. Bislang ist noch keine Kandidatin für das Familienministerium bekannt, die in diesem Amt eine ähnliche Ausstrahlung wie von der Leyen hätte. Die bisherige Staatsministerin im Kanzleramt, Maria Böhmer (CDU), die als Anwärterin auf ein um die Zuständigkeit für Integration erweitertes Familienressort genannt wird, hat sich bislang jedenfalls keinen Namen als entscheidungsfreudige und kommunikativ begabte Politikerin gemacht.

WIE SIEHT IHRE ZUKUNFT IN DER UNION AUS?

Die Übernahme des Gesundheitsministeriums wäre für von der Leyen eine Bewährungsprobe. Stärker als in den meisten anderen Ressorts sind dort Durchsetzungswillen, Standfestigkeit und Bereitschaft zum steten Erklären unpopulärer Entscheidungen gefragt. In diesem Amt hilft auch ein hoher Grad an Beliebtheit nur sehr begrenzt weiter. Es geht um knallharte Interessen. Lobbyisten wie Vertreter von Pharmafirmen, der großen Krankenkassen und Ärzte ringen um Einfluss und setzen den jeweiligen Ressortchef öffentlich unter Druck. Viele Entscheidungen lassen sich skandalisieren („Gesundheitsministerin verweigert Hilfe“), was schnelle Reaktionen und klare Botschaften erfordert. Hätte von der Leyen auf diesem harten Politikfeld Erfolg, würde sie sich in gewisser Weise von der Tochterrolle emanzipieren, von der die lächelnd mit ihren Kindern posierende Familienministerin noch profitiert hat.

Die eigene, hoch politische Familiengeschichte half von der Leyen auch bei ihrem Aufstieg in der CDU. Ihr Vater Ernst Albrecht war Generaldirektor der Europäischen Gemeinschaft (EG) in Brüssel und von 1976 bis 1990 für die CDU Ministerpräsident von Niedersachsen. Tochter Ursula kandidierte erstmals nach der Rückkehr von einem langjährigen USA-Aufenthalt im Herbst 2001 bei der Kommunalwahl in Niedersachsen für ein Amt. Nur drei Jahre später wählte sie der Düsseldorfer CDU-Bundesparteitag überraschend mit 94,1 Prozent der Stimmen ins Präsidium. In diesem Amt wurde sie seither mehrmals bestätigt. Weil auch das jüngste ihrer sieben Kinder mittlerweile zur Schule geht, kandidierte von der Leyen in diesem Jahr erstmals für den Bundestag. Zwar verlor sie den Kampf um das Direktmandat, doch zog sie über die niedersächsische Landesliste, die sie anführt, ins Parlament ein.

Mit vier erfolgreichen Jahren im Gesundheitsministerium würde sich die CDU-Politikerin jedenfalls für weitere, vielleicht auch für größere Aufgaben empfehlen. Dabei ist ein Aufstieg ins Kanzleramt eher unwahrscheinlich: Von der Leyen ist nur wenige Jahre jünger als Kanzlerin Merkel, gehört also im Vergleich zur Regierungschefin keinesfalls einer neuen Generation an. Naheliegender ist, dass Niedersachsens CDU ihr eines Tages die Nachfolge von Ministerpräsident Christian Wulff antragen könnte. Es wäre eine feine Pointe der Politik- und Familiengeschichte, wenn die Tochter von Ernst Albrecht sich einmal darum bemühen würde, die Nach-Nach-Nach-Nachfolgerin ihres Vaters zu werden.

GEBOREN

Ursula von der Leyen wurde am 8. Oktober 1958 in Brüssel geboren, wo sie mehrere Jahre lang zur Schule ging. Ihr Vater Ernst Albrecht arbeitete bei den EU-Vorgängerorganisationen EWG und EG und machte später als CDU-Politiker Karriere. In Brüssel empfing die wertkonservative Familie neue Anregungen und verlor etwa ihre Abneigung gegen Ganztagsschulen.


AUSBILDUNG

Als junge Frau studierte Ursula von der Leyen zunächst Volkswirtschaft und später Medizin. Sie  arbeitete als Assistenzärztin und promovierte. In den USA und in Deutschland ließ sie sich zum „Master of Public Health“ ausbilden.


FAMILIE

Die CDU-Politikerin ist mit dem Mediziner und Unternehmer Heiko von der Leyen verheiratet. Sie haben sieben Kinder im Alter von
sieben bis 18 Jahren.

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