Zeitung Heute : Portugal – Frankreich 0 : 1

WM-Stadion München, 5. Juli 2006, 66 000 Zuschauer

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Ein schottischer Journalist auf der Pressetribüne pfeift: „Always look on the bright side of life“. Und zischelt im steifsten Slang der britischen Inseln durch einen alles andere als makellosen Oberkiefer: „Mehr ist zu diesem Tag nicht zu sagen!“ Der Schweiß rinnt ihm aus der grauen Mähne. Sein Zug aus Dortmund vom Halbfinale am Tag zuvor hatte drei Stunden Verspätung. Die Tasche mit der frischen Wäsche hat man ihm geklaut, als er kurzzeitig im Abteil eingenickt ist. Und der Taxifahrer knöpfte ihm für die Fahrt vom Bahnhof zur Arena ungeheuerliche 50 Euro ab. Der Schotte lacht. „Er fuhr durch eine Trabantenstadt.“ Der direkte Weg hätte wahrscheinlich knapp die Hälfte gekostet.

Auf dem grünen Rasen geht der Nepp gleich weiter: Figo markiert schon nach 19 Minuten wieder den angeschossenen Gockel, wälzt sich nach einem Stolperer mit schmerzverzerrten Gesicht im Gras, wird vom Platz getragen und beantragt nach Wunderheilung hektisch, wieder aufs Feld gelassen zu werden. Selbst der pausenlos vom Publikum ausgepfiffene Cristiano Ronaldo probiert, als hätte man ihn darauf abgerichtet, immer wieder gewagte Schwalben. Aber der fehlerfreie Unparteiische Jorge Larrionda aus Uruguay geht auf die Entnervungstaktik der Portugiesen nicht ein. Bis zum Elfmeter rennt Felipe Scolari wieder und wieder wie ein tollwütiger Rottweiler gegen die Begrenzungslinie seiner Coaching-Zone, um mit aller Entrüstung diverse Karten gegen die Franzosen zu fordern. Ab der 33. Minute beginnt dann das wahre Spiel. Die deutschen Fans im Stadion signalisieren dazu eindrucksvoll, dass sie trotz bitteren Ausscheidens der DFB-Truppe einen Tag zuvor ihre gute Laune nicht verlieren wollen. Immerhin ein Drittel aller Zuschauer reißt es bei „Steht auf, wenn ihr Deutsche seid“ noch bis zur 72. Minute immer wieder aus den Plastiksitzen. Dann erwächst aus einem stakkatohaften „Allez les bleus“ allmählich die aus allen Ecken des Stadions widerhallende „La Marseillaise“. Nach Abpfiff legt der Stadion-DJ sogar Joe Dassins „Champs Elysées“ nach, das wiederum in den White-Trash-Mix von „I will survive“ mündet. Für die geschlagenen Portugiesen war „Always look on the bright side of life“ nicht im Angebot. Das pfiff nur leise ein Schotte auf der Pressetribüne. Tim Jürgens

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