Zeitung Heute : Positionen: Das Netzwerk des Lebens verstehen

Hans Lehrach

Es gibt wissenschaftliche Revolutionen, die nicht nur Folgen in der Wissenschaft zeigen, sondern sich unmittelbar auf das Leben vieler Menschen auswirken. Am Beginn des "Jahres der Lebenswissenschaften", und in den Tagen der endgültigen Veröffentlichung der Sequenz des menschlichen Genoms, sind wir mitten in einer solchen Umwälzung. Es ist eine Revolution unserer Möglichkeiten, Leid und Tod bekämpfen zu können und langfristig zur Sicherheit der Wirtschaftskraft beizutragen.

Wir haben jetzt mit der Veröffentlichung der Sequenz des menschlichen Genoms erstmals das Programm entziffert, das allen Lebensvorgängen zugrunde liegt. Dieses Programm wird vom Organismus während seiner Entwicklung und seiner gesamten Existenz als Bauplan verwendet - ein komplexer Umsetzungsprozess, an dem freilich auch die Umwelt beteiligt ist.

Um Krankheiten, also Störungen in diesem Prozess, besser verstehen und heilen zu können, müssen wir verstehen, was sich hinter den Vorgängen verbirgt. Vielleicht gelingt es sogar eines Tages, das Netzwerk aus Genen und Genprodukten im Computer zu simulieren.

Bisher haben wir in der biologisch-medizinischen Forschung versucht, dieses Netzwerk durch die genaue Untersuchung kleiner Ausschnitte, typischerweise eines einzelnen Gens oder Genprodukts zu verstehen. Die Fertigstellung der Sequenzaufklärung des Genoms ist jedoch der erste Triumph eines komplementären Forschungsansatzes, der systematischen Analyse biologischer Prozesse durch die Genomforschung, der in Zukunft eine immer wichtigere Rolle in der Aufklärung biologischer Prozesse spielen wird.

Die Sequenzierung des Genoms hätte wahrscheinlich nie durch die unkoordinierte Untersuchung einzelner Gene zum Ziel geführt. Ebenso wird es in der nächsten Stufe der Analyse, der Aufklärung der Funktion der menschlichen Gene, entscheidend sein, große Teile der Arbeit nach diesem neuen erfolgreichen Modell durchzuführen. Nur durch die systematische Untersuchung aller Gene und Genprodukte mit Hilfe automatisierter Verfahren und unter vollem Einsatz von Computertechniken können wir zu vertretbaren Kosten und in angemessenen Zeiträumen hoffen, Krankheitsmechanismen wirklich zu verstehen und so effektive Therapien zu entwickeln. Für die großen Probleme und damit gerade für Aufklärung der Krankheitsmechanismen der wichtigsten Volkskrankheiten sind die neuen Ansätze absolut unverzichtbar.

Weltweit forschen Millionen von Biologen und Ärzten direkt oder indirekt an den 30 000 bis 40 000 menschlichen Genen. Es erscheint daher unerlässlich, große Teile der Arbeit, die der Analyse dieser Prozesse und Gene gemeinsam sind, mit Hilfe der entsprechenden Automaten rasch, koordiniert und systematisch durchzuführen, um so unter anderem auch die Arbeiten, die weiter nach dem klassischen Modell von zahlreichen Einzelforschern durchgeführt werden, zu beschleunigen.

Wie jede grundlegende Neuorientierung, trifft leider auch diese Entwicklung trotz ihres ungeheuren Potenzials für den Menschen nicht auf ungeteilte Zustimmung. Ein Teil des Problems besteht darin, dass nahezu alle Wissenschaftler der Biologie und Medizin dem Bereich der klassischen Forschung angehören. Daher werden die neuen Möglichkeiten oft unter Wissenschaftlern, die auf Grund ihrer Ausbildung und Ausrichtung, aber oft einfach auch ihres Interesses, nicht in diesem neuen Forschungsfeld arbeiten, mehr als Bedrohung, denn als Chance empfunden.

Ebenso stößt die Notwendigkeit zur Zentrenbildung auf Grund der notwendigen kritischen Masse an biologischem Verständnis, an Technologie- und Apparate-Entwicklung und an Informatik auf Wiederstand. Während in der Physik die Notwendigkeit zur Bildung von Zentren wie den Teilchenbeschleunigern CERN oder DESY unumstritten ist, wird sie von vielen Wissenschaftlern außerhalb des Genomprojekts oft negativ gesehen.

Die neue Entwicklung sollte möglichst früh in die Ausbildung der Studenten einfließen, weshalb eine enge Einbindung der Universitäten in diese Entwicklungen notwendig ist. In Zukunft wird es auch wichtig sein, Wissenschaftler aus dem Bereich der Genomanalyse, die in diversen Instituten tätig sind, an die Universitäten zu berufen.

Es wird oft argumentiert, dass die Genomforschung im engeren Sinn nur an "reichen" außeruniversitären Einrichtungen wie zum Beispiel Großforschungseinrichtungen oder Max-Planck-Instituten erfolgen kann. Da bisher aber die institutionellen Mittel dieser "reichen" Institute noch immer fast ausschließlich in die klassische Forschung fliessen, wird aber auch an diesen Instituten die eigentliche Genomforschung fast ausschließlich mit Hilfe von Drittmittel durchgeführt. Universitäten, die Wissenschaftler aus diesem Fachgebiet berufen, wären daher ohne weiteres in der Lage diese neue Forschungsrichtung aufzubauen und damit in die Universtätslandschaft zu integrieren.

Die Aufklärung der Funktion der menschlichen Gene muss weiter im Vordergrund stehen. Programme zur Verwendung dieser Daten, etwa für die Medizin, können nur auf dieser Basisarbeit aufbauen. Sonst geben wir wieder einmal den Großteil der Mittel, die wir für die Bärenjagd zu Verfügung haben, für die politisch korrekte Verteilung des Fells eines Bären aus, den wir auf Grund fehlender Mittel nie erlegen werden.

Der Autor ist einer der Sprecher des deutschen Human-Genomprojekt.

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