Zeitung Heute : Positionen: Neue Sparvorschläge - alte Probleme

Der Tagesspiegel

Von George Turner

Über die Frage, ob und wie das Klinikum Benjamin Franklin als universitäre Einrichtung gerettet werden kann, soll entschieden werden, nachdem das Gutachten der Expertenkommission vorgelegt worden ist. In diesem Fall wird die Hochschulmedizin mit knapp 100 Millionen Euro belastet. Die Medizin erhält weniger Staatszuschüsse für Forschung und Lehre. Der Schock darüber ist noch nicht verarbeitet, da kommt eine neue Hiobsbotschaft: Weitere 68 Millionen Euro sollen aus dem Bereich von Wissenschaft und Forschung herausgequetscht werden, und zwar im Etat 2002/2003. Wie soll das geschehen?

Solche Bereiche, die durch Verträge abgesichert sind – das sind die Universitäten und Fachhochschulen –, scheinen zunächst nicht angreifbar. Dann würde es die kleineren künstlerischen Hochschulen und vor allem die außeruniversitären Forschungsinstitute treffen.

Uwe Schlicht hat in dieser Zeitung (Ausgabe vom 22. Februar) aufgelistet, welche Einrichtungen betroffen sind und welche Folgen das haben kann. Es hat keinen Sinn, die Augen vor der Realität zu verschließen. Wenn jetzt vieles gefährdet und bedroht ist, hängt das auch mit einer Entwicklung zusammen, die manche als zu euphorisch, andere als zu wenig gesteuert bezeichnen. Gemeint ist die Expansion nach der Wende. Schon damals hatte man zu wenig beachtet, wie Wissenschaft und Forschung finanziert werden sollen.

Eine Konzentration wäre angebracht gewesen. Die hätte etwa folgendermaßen aussehen können. An der Freien Universität wäre eine Bereinigung in der Weise angebracht gewesen, dass die Ausstattung einzelner Fächer sich an den an vergleichbaren Einrichtungen üblichen Standards zu orientieren hat. Die Addition vieler kleiner Einzelposten hätte durchaus etwas erbracht.

Die Humboldt-Universität hätte sich besser auf die Geisteswissenschaften, einschließlich Recht und Wirtschaft konzentriert. Der teure Ausbau der Naturwissenschaften, einschließlich der problematischen Verlagerung einzelner Disziplinen nach Adlershof, hätte vermieden werden können. Die Technische Universität hätte besser alles aufgegeben, was nicht zu Natur- und Technikwissenschaft gehört.

Eine Abgleichung von Mehrfachangeboten an den Universitäten hätte noch konsequenter erfolgen müssen. Dabei wäre auch die Hochschule (jetzt Universität) der Künste noch zwingender einzubeziehen gewesen. Einem vergleichbaren Prozess hätten auch die Fachhochschulen und die künstlerischen Hochschulen bis zur Entscheidung über Zusammenlegungen unterzogen werden müssen.

Hätte man die Hochschulmedizin in einer Medizinischen Universität zusammengefasst, wäre es heute leichter, hier und dort eine Zusammenlegung oder Schließung durchzuführen. Die außeruniversitären Forschungseinrichtungen hätten ebenso auf den Prüfstand gehört.

Nun kann man sich fragen, was denn das Hätte und Könnte heute soll. Es macht zunächst einmal deutlich, daß die Entwicklung sich zu sehr an dem Status quo orientiert und nicht berücksichtigt hat, dass durch die Wiedervereinigung nicht eine Addition fortgeschrieben werden durfte, sondern zu überlegen war, was Berlin braucht und was es auch bezahlen kann. Besonders das Letztere ist – nicht zuletzt mit Rücksicht auf Interessen im Westteil der Stadt und Befindlichkeiten im Osten – unterblieben.

Für solche Haltungen ist nunmehr aber kein Raum mehr. Kleinere Korrekturen helfen nicht weiter, soll ein flächendeckender Schaden vermieden werden. Der nämlich wird eintreten, wenn, wie es wiederholt geschehen ist, hier und dort etwas zusammengekratzt oder vielleicht auch einmal eine Institution geschlossen wird.Will man die verbleibenden Einrichtungen lebens- und konkurrenzfähig erhalten, kann dies nur gelingen, wenn man auf andere verzichtet.

Welche das sein können? Eine gedankliche Hilfestellung kann sich daraus ergeben, dass man sich fragt, was zu tun gewesen wäre, wenn man nach der Wiedervereinigung das finanzielle Desaster vorher gesehen hätte. Also spielt Wenn, Hätte und Könnte doch eine Rolle.

Aber was bedeutet dies nun konkret? Ein bedingungsloses Zurückdrehen wird wohl nicht in Betracht kommen, weil an bestimmten Stellen damit zu viele Investitionen umsonst getätigt worden wären. Dennoch: Ist es eigentlich so abwegig, die Humboldt-Universität und die Technische Universtität auf das zu konzentrieren, was oben skizziert wurde? Ist es nicht vernünftig, die Medizin unter ein einheitliches Dach zu bringen, und zwar unter ein eigenständiges? Ist es nicht plausibel, auch im künstlerischen Bereich kleine Einheiten organisatorisch zusammenzufassen? Müssen tatsächlich alle Forschungseinrichtungen aufrecht erhalten bleiben, unbeschadet der Tatsache, dass sie Bundesmittel in die Stadt bringen?

Die finanzielle Situation scheint so prekär zu sein, dass alles andere als eine schonungslose und vorurteilsfreie, d.h. eine von Rücksichten freie Debatte nicht vertretbar ist. Angestoßen ist eine solche Diskussion durch die jüngsten Vorgaben zu Einsparungen. Wenn man sie den betroffenen Institutionen überlässt, wird aus verständlichen Gründen außer Abwehr nichts herauskommen. Die betroffene Senatsverwaltung könnte gewiss Vorschläge machen; ob die politische Leitung Mut und Kraft hat, entsprechende Ideen zu präsentieren, ist fraglich.

Der Ruf nach einer gutachterlichen Äußerung des Wissenschaftsrats oder eines anderen Expertengremiums ist zwar üblich, dürfte aber zu langwierig sein. Wie wäre es da mit einem anderen Vorschlag: Alle noch am Leben befindlichen früheren Senatoren und Senatorinnen, die selbst auch einen Teil Vergangenheit zu verantworten haben, setzen sich zusammen und entwickeln ein Konzept. Dies kostet kein Geld, ist relativ schnell zu verwirklichen und dürfte auch neutral in dem Sinne ausfallen, weil keine Rücksicht auf Personen oder Institutionen genommen werden muss. Dass dies eine Arbeit für den Papierkorb wird? Na wenn schon. Das sind manche Ideen während der Amtszeit ja auch gewesen.

Der Autor war von 1986 bis 1989 parteiloser Senator für Wissenschaft und Forschung. Foto: Mike Wolff

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben