Zeitung Heute : Positionen: Werft die Doping-Liste weg!

Der Autor ist Forschungsdirektor am DIW Berlin

Viel lernen kann der Sport - und beileibe nicht nur der Sport - schon allein aus der Verteidigungsstrategie Johann Mühleggs nach seinen Problemen mit der Doping-Kontrolle. Der unter Verdacht des Blutdopings stehende Olympiasieger argumentiert, er habe vor seinem letzten Start eine Spezial-Diät gemacht, die seine Blutwerte beeinflusst hat. Man kann ihm das sogar glauben, wenn man will. Denn unabhängig davon, ob der Langläufer Johann Mühlegg nun tatsächlich gedopt war oder nicht, verweisen seine Schwierigkeiten auf ein grundlegendes Anreizproblem bei der Doping-Bekämpfung.

Weil alles, was nicht auf der Doping-Liste steht, erlaubt ist, werden Hochleistungssportler dem perversen Anreiz ausgesetzt, sich stets etwas Neues einfallen zu lassen. Völlig analog reagieren Erwerbstätige und Unternehmen: Spricht der Staat Verbote aus, dann suchen alle nach Ausweichmöglichkeiten. Kluge Regulierungen - im Sport und in der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik - müssen hingegen anreizkompatibel sein. Kluge Anreize zu setzen ist aber leider oft nicht einfach.

Mehr zum Thema Fotostrecke: Bilderrückblick aus Salt Lake City
Rückblick: Alle Berichte von den Olympischen Winterspielen
Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Wenn man - wie fast alle Zuschauer - sauberen Sport will, dann nützt eine abstrakte Definition von Doping nichts. Wenn Doping als die Einnahme von gesundheitsschädlichen und rein leistungsteigernden Mitteln definiert würde, dann brauchten Athleten sich bloß vom Arzt ihres Vertrauens bescheinigen lassen, dass sie aus medizinischen Gründen einer bestimmten Behandlung bedürfen. Dass so etwas nicht realitätsfern ist, kann man an den vielen Asthmatikern unter Leistungssportlern erkennen. Bestimmte Mittel, die verboten sind, darf man nämlich nehmen, wenn man als Asthmatiker gilt. Statt Doping-Mitteln werden auch Nahrungsergänzungsmittel genommen, oder man macht - wie Mühlegg selbst zugibt - eine Diät. Ins Bild passt, wenn sich das weitere Testergebnis bestätigt, dass er "Darbepoetin" genommen hat, also eine Substanz, die dem Blutdopingmittel Epo ähnelt, aber nicht auf der IOC-Liste der verbotenen Mittel steht. Alles dient der Leistungssteigerung. Und da das bekannt ist, ist die Norm vom sauberen Sport unter Spitzensportlern längst zerstört. Umso schwerer ist die Dopingbekämpfung, da schon Jugendliche lernen, dass man trickst.

Eine anreizkompatible Dopingbekämpfung müsste am Eigen-Interesse der Sportler ansetzen. Wäre den Zuschauern bekannt, wer was nimmt oder tut, würde das das Image schädigen, und der Sportler würde weniger Geld verdienen. Derartige Transparenz könnte man erreichen, wenn jeder Spitzensportler einen Medikamentenpass führen müsste, dessen Inhalt veröffentlicht wird. Die Trickser würden dann rasch entlarvt werden. Würde jemand ein Medikament oder Nahrungsergänzungsmittel nicht eintragen, um nicht aufzufallen, könnte er wegen Schummelns bestraft werden, wenn ihm die heimliche Einnahme nachgewiesen wird. Es würde also nicht mehr belohnt, wenn man sich was Neues einfallen lässt, sondern man würde Risiken eingehen. So eine Regulierung wäre anreizkompatibel.

Im Wirtschaftsleben gibt es jede Menge ähnlicher Anreizprobleme. Ein Musterbeispiel ist die Riester-Rente. Sie wimmelt von Geboten und Verboten. Dadurch leidet die Rendite nicht. Sinnvoller wäre die schlichte Verpflichtung, alle Kostenarten und Risiken offenzulegen, damit die Verbraucherschützer die verschiedenen Riester-Produkte besser vergleichen könnte. Jeder könnte dann die für ihn persönlich optimale Riester-Rente kaufen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!